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Die unbekannte Kreatur

Laura Marling
Michael Kiwanuka

Köln, Gebäude 9
14.11.2011

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Laura Marling
Bereits zum dritten Mal beehrte Laura Marling das Kölner Publikum mit ihrem Besuch (auch wenn sie zunächst der Meinung war, erst zum zweiten Mal hier gewesen zu sein). Das hatte sich - auch international - herumgesprochen, so dass das Gebäude 9 sozusagen in Windesweile bis zum letzten Platz gefüllt war. Das Publikum war dabei gut gemischt - mit vielen hübschen jungen Damen, die sich im Vergleich mit der Protagonistin als nicht hübsch genug empfanden, vielen älteren Herrschaften, die sich endlich mal wieder auf handwerklich gut gemachte, anspruchsvolle Musikkunst freuten, vielen englischen Fans, die ihre Heldin noch ein Mal aus nächster Nähe erleben wollten und vielen Zufallsbekanntschaften, die über den Hype auf Laura aufmerksam geworden sind und sich jetzt ein Mal von den Live-Qualitäten der Dame überzeugen lassen wollten.
Als Support für Laura war der junge Britische Songwriter Michael Kiwanuka mit seinem Bassisten angereist. Michaels Eltern stammen aus Uganda, er lebt und arbeitet aber in London. Obwohl seine musikalischen Vorlieben erkennbar durchaus eher beim amerikanischen Soul-Pop und dessen Derivaten zu suchen sind, schafft er es aber mühelos, seinen locker groovenden Nummern einen klassisch britischen Touch zu verleihen - auch in der Art, in der er seine Stories an den Mann (oder die Frau) bringt. Von der Stimmlage kommt er Richie Havens nahe, während seine Art, die akustischen Folkpop-Songs in Szene zu setzen, eher an Ben Harper oder Jack Johnson erinnern. Insbesondere im Zusammenspiel mit seinem Bassisten und der Art, in der er seine Songs in Gospelform nach dem Shout & Response Verfahren strukturiert, kamen dann auch die besagten Soul-Einflüsse zum Tragen. Insgesamt passte Michaels Treiben gar nicht schlecht zu der Musik von Laura und stellte für viele der Anwesenden sicherlich auch eine nennenswerte Entdeckung dar.
Was schon bei der Show von Michael Kiwanaku auffiel, war die fast andächtige Stille, mit der die Zuhörer das Geschehen verfolgten. Das bei Konzerten dieser Größenordnung fast allgegenwärtige Plappern aus dem Auditorium fand hier so gut wie keine Anwendung. Dies verstärkte sich beim Auftritt von Laura Marling natürlich noch ein Mal - wofür sich die Künstlerin ausdrücklich bedankte, da ihr diese Aufmerksamkeit die Sache einfach gemacht habe. "Einfach" ist dabei natürlich nicht das rechte Wort, um die Songs von Laura Marling zu beschreiben. Es gibt wohl momentan kaum jemanden, der es schafft, komplexere, vertracktere und anspruchsvollere Songs innerhalb des Folkpop-Genres effektiver hinzubekommen als Laura Marling. Die enorme Entwicklung, die sie dabei als Songwriterin, Gitarristin und Sängerin mit nur drei Scheiben hingelegt hat, ist schon beeindruckend und sucht Ihresgleichen. Bezeichnend dafür ist wohl auch, dass sie die eher poppigen Nummern des ersten Albums bis auf Ausnahmen ("Ghosts") heutzutage kaum noch spielt. Stattdessen gab es - neben den Songs des neuen Werkes "A Creature I Don't Know" - lieber neue Stücke oder Oddities, wie das mit ihrem Vater geschriebene "Flicker & Fail". "Ich weiß schon, das nervt, wenn jemand bei einem Konzert neue Stücke spielt", entschuldigte sie sich, "aber mir macht es zumindest Spaß". Diesem Publikum freilich auch - denn wer zu einem Laura Marling-Konzert geht, der sucht nicht den Pop-Faktor. Es ist zugegebenermaßen in einem solchen Setting nicht ganz einfach, den Musikern (und sich selbst) Freiräume zur Gestaltung der Live-Versionen zu schaffen. In weiten Teilen hörte sich die nahezu perfekt inszenierte Show denn auch an, wie eine Variation der CD-Aufnahmen. Das Auschlaggebende ist hierbei allerdings "Variation", denn Laura und ihre Mitstreiter schafften es, im Detail dann doch entscheidende Impulse zu setzen, so dass zu keiner Sekunde Langeweile oder der Eindruck gelangweilter Routine entstand. Die Songs kamen jeweils mit deutlich mehr Druck und Dynamik rüber als auf der Konserve, so etwa "The Beast", das sich vom sprichwörtlichen Flüstern zum entsprechenden Orkan aufblähte. Aber auch bei der Solo-Passage überraschte Laura mit dezenten Perspektivverschiebungen, gesanglichen Finessen und kleinen, aber feinen spieltechnischen Ergänzungen, die letztlich das Optimum aus den betreffenden Nummern herausholte. Case in Point "Night & Day" vom neuen Album. Das ist auch schon auf der CD ein Song mit enormen Tiefgang. Laura zelebrierte diesen hier quasi in Form einer liturgischen Dichterlesung, bei der sie alle Register ihres vokalen Könnens zog und obendrein den Song noch mit instrumentalen Ornamenten verzierte, die sozusagen einen musikalischen Mehrwert darstellten. Wenn es so etwas wie "Gänsehaut" beim Musikhören überhaupt gibt, dann stellte sie sich hier ein. Ebenfalls im Angebot ihres Akustik-Teils war die Nummer "Goodbye England" enthalten, anlässlich derer Laura ein wenig über ihre Familie plauderte: Sie sei gerne zur Weihnachtszeit in Deutschland unterwegs, weil sie, als Engländerin, die sich schon ab März auf Weihnachten freue, die Weihnachtsmärkte hierzulande besonders zu schätzen wisse - ein Stück Heimweh bliebe freilich (was dann wieder zu besagtem Song passte), was sie durch gelegentliche Besuche bei ihren Eltern zu kompensieren suche. Ihr Vater, der auch selbst Musiker sei und ihr das Gitarrenspielen beigebracht habe, gäbe ihr dann immer gutgemeinte Tips, wie etwa mehr zu lächeln - was sie dann auch gerne versuchen wolle, auch wenn das den Vibe der Songs störte. Gelegenheit gab es dazu gleich, als eine Bierflasche im ansonsten mucksmäuschenstillen Auditorium beim Vortrag des besagten Songs herumkullerte.

Danach ging es - mit großem Besteck (bis zu vier Gitarren, Keyboards, Banjo, Cello, Zither, Flügelhorn) und voller Band aber ohne Zugaben - in den zweiten Teil der Show. Hier durften dann die Musiker instrumental und gesanglich wieder brillieren. Während ansonsten die Perfektion, mit der das alles inszeniert wurde, schon mächtig beeindruckte (und gut unterhielt), war es doch andererseits durchaus sympathisch, dass Laura wohl erkannt hatte, dass perfekt nicht gut genug ist und sich so einige Schnitzer erlaubte (so brauchte ausgerechnet der geheime Hit "Sophia" gleich mehrere Anläufe, bis es fluppte). Das machte die Sache auf der anderen Seite aber auch wieder menschlich und sympathisch - zumal die Gute sich ansonsten kommunikationstechnisch eigentlich eher zurückhielt, wie das nun mal ihre Art ist. Insgesamt erlebte das Publikum eine kreative Songwriterin und kontrollierte Performerin auf der Höhe ihrer Kunst. Schön, dass es doch immer wieder Künstlerinnen wie Laura Marling gibt, die ohne Klamauk und Anbiederung auf anspruchsvolle Art unterhalten können.

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Surfempfehlung:
www.lauramarling.com
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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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