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Live like a woman, act like a man

Shelby Lynne

Köln, Stadtgarten
01.03.2012

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Shelby Lynne
Als Shelby Lynne 2010 nach endlosen Versuchen, sich mit dem Business gütlich zu arrangieren, ihr eigenes Label Everso gründete, war klar, dass sie die Sache nun endlich selbst in die Hand nehmen würde. Insofern war es natürlich erklärlich, dass sie auf ihrer ersten Tour, die sie nach zehn Jahren auch mal wieder in unsere Gefilde führte, solo auftrat. Shelby erklärte das bei einer der wenigen Ansagen so, dass das sowieso die Art sei, in der ihre Songs entstünden. Außerdem könne man sich sicher sein, einen guten Song an der Hand zu haben, wenn der alleine mit Stimme und Gitarre funktioniere (einmal abgesehen davon, dass man sich dann nicht mit anderen Musikern abgeben müsse).
Davon, dass die Sängerin Shelby Lynne - anders als viele ihrer Kolleginnen - sehr wohl gutes Songmaterial erkennen kann, zeugen die Kompositionen, die sich auf ihren mittlerweile sechs Tonträgern mit eigenem Material befinden, ebenso wie die Auswahl der Songs auf "Just A Little Lovin'", der Hommage an Shelbys Idol Dusty Springfield. Wie sicher Shelby als Songwriterin ist, wurde auch deutlich am Programm des Konzertes in Köln, das einen paritätischen Querschnitt aus allen Phasen von Shelbys Songwriter-Laufbahn bot - aber bemerkenswerterweise keine Coverversionen. Wie wichtig ihr das eigene Material ist, ließ sie mit einer kurzen Zusammenfassung ihrer Laufbahn anklingen: Als sie 2001 den Grammy als beste Newcomerin für eine Scheibe erhielt, hatte sie bereits fünf Alben in Nashville unter eigenem Namen - aber ohne eigene Songs - veröffentlicht. Da sie aber das Gefühl hatte, etwas zu sagen zu haben, verließ sie Nashville, um eigenes Material zu schreiben, bevor sie dafür zu alt wäre (Shelbys erster Song auf ihrem ersten eigenen Album heißt nicht umsonst "I’m Leaving"). Leicht sei das nicht gewesen, so erklärte sie, weil man von einer Frau in diesem Business nun mal erwarte, dass sie zwar wie eine Frau lebe, sich aber wie ein Mann benehme.

Auf eine gewisse Weise tut das Shelby sogar. Es ist nämlich beim besten Willen nicht möglich, im Zusammenhang mit Shelby Lynne einen Vergleich mit Joni Mitchell zu konstruieren - was bei zur Akustik-Gitarre singenden Frauen, die eigene Songs schreiben, ja zur Pflichtübung gehört. Shelbys Songs indes sind eher in der Tradition der großen, tragischen Helden des Genres zu sehen - von Hank Williams über Johnny Cash bis zu Townes Van Zandt. Nicht, was die Themen oder die Musik betrifft - da setzt sie ganz eigene Akzente -, aber was die emotionale Gravitas, die Wortwahl, die Authentizität und die Detailtreue ihres Materials betrifft. Ganz mal davon abgesehen, dass die Texte ihrer Songs düsterer und desolater kaum sein könnten. So schimmerte Shelbys persönlicher Blues auch bei jedem einzelnen Ton des Abends durch.

Woher Shelby kommt, ist dabei nicht schwer herauszuhören. Nahezu jeden Satz an das Publikum beendet sie mit dem Südstaaten-Gruß "Y’all" und in jedem dritten Song kommt der Staat "Alabama" vor. Natürlich ist es nicht der Süden Margaret Mitchells oder Mark Twains, den sie besingt, wie sie in "Where I’m From" deutlich macht, sondern der Süden des kleinen Mannes - der Rednecks und White Trashs - dem sie, obwohl sich künstlerisch alle ihre Träume hundertfach erfüllt hätten, niemals entronnen ist. Das ist auch auf ihren neueren Songs wie "Old Dog" oder "Heaven’s Only Days Down The Road" so - oder "Revelation Road", dem Titeltrack des neuen Albums, mit dem sie das Set eröffnete. Liebeslieder kann Shelby auch - das sind dann allerdings meistens eher stoische wie "Killin’ Kind" und nur selten ein Mal intimerer Natur wie "I’ll Hold Your Head". Dafür gibt es ab und an eine Prise "Religion", wie Shelby es ausdrückt - in Form von Gospel-Momenten oder, wie im Falle von "Jesus On A Greyhound" oder "Even Angels", als gespielter Wortwitz. Da fallen dann auch mal die Engel vom Himmel. Stilistisch hat sich Shelby Lynne im Laufe der Jahre eine attraktive Melange aus Blues, Soul und Jazz zurechtgebastelt. Country findet sich - wenn überhaupt - nur noch als Andeutung in ihren Songs. Selbst wie das mit Willie Nelson geschriebene "One With The Sun" geht nicht mehr als Country Ballade durch. Als Performerin besitzt Shelby Lynne eine enorme Präsenz und Selbstsicherheit. Sie sagt zwar, dass sie niemals behauptet hätte, gut in dem zu sein, was sie tut - aber was das Timing, die Intonation, die Diktion und letztlich auch das variantenreiche Gitarrenspiel betrifft, lässt sie so manche Kollegen blass erscheinen. Interessant dabei ist, dass sie - ganz nach dem Motto "Perfekt ist nicht gut genug" - auf die totale Kontrolle dabei verzichtet. Da beginnt auch mal ein Song mitten im Intro, geht mal ein Ton am Mikro vorbei oder schlenkert mal ein Akkord neben der Spur - Hauptsache, das Feeling stimmt. Und das bekommt Shelby Lynne ganz ohne Manierismen hin: Das, was man heutzutage dem Nachwuchs einbläut, dass man nämlich Emotionen als Interpret ausleben muss, koste es was es wolle, hat Shelby Lynne nicht nötig. Da gibt es keinen Ton zuviel oder zuwenig - ja nicht ein Mal ein Vibrato wird bemüht.

Die Wirkung ist beachtlich: Während des ganzen Konzertes - das übrigens in mittlerer Zimmerlautstärke stattfand - wäre zu jederzeit das Fallen der sprichwörtlichen Stecknadel unangenehm aufgefallen. Es gab nicht ein Mal das ansonsten allgegenwärtige Publikumshusten und nur eine einzige umkippende Bierflasche. Apropos Bier: Shelby trinkt während des Konzertes keinen Rotwein oder anderen Mädchenkram, sondern Bier. Nicht aus der Flasche, sondern vom Fass. Das passt also auch irgendwie. Als das Konzert dann mit "Black Light Blue" endete - einem dahingeflüsterten Blues, wie ihn Billie Holiday auch nicht besser hinbekommen hätte -, brandete nach einem kurzen Moment der Besinnung tosender Applaus auf, der Shelby dann zumindest zwei Zugaben entlockte, die beleuchtungstechnisch gar nicht geplant waren. Sehr viel eindrucksvoller hätte sich das alles nicht gestalten lassen.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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