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Zur Lage der Nation

Mina Tindle

Köln, Studio 672
02.05.2012

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Mina Tindle
Bei ihrem ersten Besuch in Deutschland wurde Nina Tindle gleich von jener Realität eingeholt, der man sich als kreativer Künstler gemeinhin zu entziehen sucht, um eine eigene, bessere zu kreieren. Sei es drum: Bei einem Radiointerview, so erklärte die gutgelaunte, zierliche Französin, sei sie zu ihrem Erstaunen ausschließlich zu politischen Themen befragt worden - und das am Tag der Fernsehdebatte zwischen Sarkozy und Hollande und obwohl sie doch so ungern über Politik rede - insbesondere nicht mit Freunden, weil die sowieso der gleichen Meinung seien wie sie selbst. Der Journalist habe seine Befürchtungen darüber ausgedrückt, dass in Frankreich nun alle rechts zu wählen schienen. Dazu könne sie nur so viel sagen, dass nicht alle Franzosen schlechte Leute seien und dass man ja sowieso erst mal sehen werde müssen, was passiert. Jetzt müsse man aber unbedingt über Musik reden.
In der Tat: Um diese ging es ja schließlich beim Tourauftakt in Köln. Im letztlich ganz gut gefüllten Studio 672, in dem eine Woche zuvor Rachael Yamagata mit einem ähnlichen Set-Up fast gescheitert wäre, zeigten Mina und ihre beiden Musiker Olivier und Guillaume, wie man mit ein wenig Phantasie und nur drei Personen ganze Klang-Universen erzeugen kann. Es stand ja zu befürchten, dass die phantasievollen und ungewöhnlichen Arrangements, die Mina zusammen mit ihrem Idol JP Nataf auf der Debüt-CD "Taranta" inszeniert hatte, sich im Live-Ambiente nicht so recht reproduzieren ließen. Doch mit Sampler, ein wenig Elektronik, zwei Mini-Keyboards, rudimentärem Drumkit, Gitarren, Bass, Effektgeräten und jeder Menge Phantasie gelang dies durchaus. Mehr noch: Mittels Improvisationen und ständigem Instrumententausch gelang es den drei Musikern, den Songs zuweilen eine ganz neue Dynamik und Perspektive zu entlocken. Gleich zu Beginn - einem A-Cappella vorgetragenen Solo-Song, den sie mittels Sampler zu einem hymnischen Choral gestaltete, zeigten sich dabei Minas Stärken: Der Gesang und die Fähigkeit, mit ungewöhnlichen Harmoniewechseln Spannungen zu überzeugen. Beides in Formvollendung vereint bekamen die Zuhörer gleich zu Beginn in Form des Französisch vorgetragenen Songs "Pan" demonstriert. Dieses Jahr eine noch schönere Gesangsdarbietung zu finden, dürfte schwierig werden. Mina und ihre beiden Jungs überzeugten mit engelgleicher Brillanz und einer exzellenten Harmonie-Abstimmung. Das so exakt hinzubekommen und dabei noch zu berühren, ist nämlich gar nicht so einfach. Viele Musiker würden für einen der Harmoniewechsel, wie sie Mina in dieser Nummer versammelt, ihre linke Hand geben. Und in dem Song gibt es wenigstens vier davon.
Doch dabei blieb es nicht: Jede Nummer klang letztlich anders und jede hatte ihre Eigentümlichkeiten und Eigenarten. Der rote Faden war dabei zweifelsohne Minas Gesang. Dieser hat auch seine Charakteristika: Im Prinzip singt Mina nämlich wie Billie Holiday - nur ohne Blues. Das passt, denn das musikalische Genre, in dem Mina wildert ist - ebenfalls im Prinzip - der Folkpop, nur ohne Folk (denn akustische Instrumente gab es keine). Hinzu kommt, dass Minas Stimme sich im Grunde sanftmütig und zerbrechlich einschmeichelt - sie an anderer Stelle dann aber durch kräftigen Sustain mit Druck überrascht. Eine weitere Besonderheit ist die Art, mit der die drei Musiker das Material ständig auseinander nahmen und wieder neu zusammensetzten. Sowohl eigenes wie "Echo" oder "The Good", aber auch die Coverversion "Be My Baby", die - obwohl durchaus erkennbar - arrangementstechnisch sozusagen auf den Kopf gestellt wurde. Und noch eine Besonderheit gibt es zu vermelden: Mina, die den USA studiert hat, ist sehr sprachgewandt - jedenfalls auf phonetischer Ebene. So spricht sie zwar nur gebrochen Englisch und gar kein Deutsch - vermochte aber die von dem des Deutschen ansatzweise mächtigen vorgetragenen Ansagefloskeln phonetisch durchaus zu wiederholen und - was noch viel wichtiger ist - die großteils auf Englisch vorgetragenen Songs makellos zu singen, was für Franzosen ja für gewöhnlich ein größeres Problem darstellt. Des Weiteren erlebte man eine gut gelaunte, zu jedem Spaß aufgelegte Band mit einer kapriziösen Vortänzerin, die auch nicht vor Albernheiten zurückschreckte, dabei aber so sympathisch rüberkam, dass man ihr das gar nicht übel nehmen konnte. Die Distanz, die oft bei Performing Artists zu beobachten ist, fehlte hier jedenfalls vollkommen: Mina Tindle gab sich - auch nach der Show - als plaudere sie einfach mit Freunden im Wohnzimmer. (Natürlich nicht über Politik...) Fazit: Wer zu diesem Konzert vielleicht nur aus Neugier gekommen war, der ging mit Sicherheit als bekehrter Fan nach Hause. Mina Tindle als Live-Act ist nicht nur eine angenehme Überraschung, sondern eine Offenbarung.

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Surfempfehlung:
www.minatindle.com
www.facebook.com/MinaTindle
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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