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Orange Blossom Special 16 - 3. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Villa
27.05.2012

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Orange Blossom Special 16
Der dritte Tag des OBS XVI dürfte als einer der musikalisch abenteuerlichsten in die Historie eingehen, denn unterschiedlichere Acts hatte Rembert wahrlich noch nicht an einem Tag aufgereiht. Es begann mit dem "Überraschungsact", der keiner war. Denn wenn es schon im Vorfeld hieß, dass ein im OBS-Kosmos sehr bekannter Herr mit einer neuen Band auftreten werde, dann konnte das angesichts dessen, dass Michael J. Sheehy nun mal nicht da war, ja sowieso nur noch Herr Eckmann sein - der es denn auch war. Allerdings trat er offiziell nicht mit den Jungs von Tamikrest auf (die aus geschäftlichen Gründen auf dem Gelände herumgeisterten und mit denen er am Vorabend am Weserufer gejammt hatte), sondern mit seinen Kumpels und Trunkesbrüdern aus Slowenien, die er in der Band The Frictions zusammengefasst hatte.
Es gab Rock-Musik, wie sie Chris Eckmann (heutzutage wieder) mag. Klangtechnisch ist das ein Bereich zwischen Wire, Neil Young und den Walkabouts. Da es hier um Spaß an der Freude und am Gitarrenspielen geht, kommt noch eine Prise Doors-Blues und Doobie-Brothers-Gegniedel hinzu. Da kein weiterer Anspruch dahinter steht, kamen die Herren hier auch gleich geradlinig auf den Punkt. Auch wenn dieser mal zehn Minuten betont werden musste. Als Bonbon gab's noch "Stopping Off Place" in einer Variante, die so Walkabouts-unähnlich dann gar nicht war. Als Generationen-übergreifendes, multinationales Integrationsprojekt macht das jedenfalls Sinn.

Ganz anders ging es dann bei ClickClickDecker, dem Projekt der OBS-Veteranen Oliver Stangl und Kevin Hamann, zu. Es gab feinsinnigen Deutschpop nachdenklicher Natur, der von den beiden Protagonisten humorvoll und mit weit weniger Elektronik als gerüchteweise angekündigt vor einem zwar ausgedünnten, dafür aber interessierten jugendlichen Publikum präsentiert wurde.

Was dann folgte war für viele zweifelsohne der Höhepunkt des gesamten Festivals: Nive Nielsen & The Deer Children - Glitterhousens erste Band aus Grönland - verwandelten das Festival für eine Stunde lang in eine musikalische Wohlfühl-Therapie. Ehrlich beeindruckt von der freundlichen Aufnahme durch das interessierte Publikum präsentierte Nive mit ihren Musikern, die ein ganzes Sammelsurium an organischen und elektronischen Instrumenten bedienten, ein Programm, das von der ersten bis zur letzten Sekunde überzeugte. Wieso eigentlich? Nive macht nun wirklich nichts Neues, agiert freundlich aber keineswegs spektakulär und bietet auch keine Lösungen für universale Probleme an. Aber es gelingt ihr etwas wirklich Einzigartiges: Mittels kleiner Anekdötchen (und teilweise auf "Grönländisch") schaffte sie es, ein universell verständliches Gesamtkunstwerk dahinzuzaubern, das gleichermaßen melancholisch wie fröhlich und obendrein ungemein sympathisch rüberkam. Ihre ansteckende Natürlichkeit und ihr sanguines Wesen hafen dabei natürlich. So jemandem hört man einfach alles ab. Wer darüber meckerte, der tat das auf einem wirklich sehr abstrakten Niveau, das mit der Realität nun wirklich gar nichts mehr zu tun hatte.

The Travelling Band aus Manchester brüstete sich damit, eigens für das Konzert aus Manchester angereist zu sein. Hallo? Wer sich Travelling Band nennt, der muss eben auch reisen. Es gab einen typischen Fall von musikalischer Identitätskrise: US-geprägten, harmoniebetonten, halbakustischen Folkpop mit homöopathisch psychedelischer Note. Kann man ja machen - aber muss man das denn als englischer Act unbedingt? Da nutzte es auch nix, dass es schlechtere Bands dieser Art geben mag: Besonders orginell oder spannend was das einfach nicht.

Die Fog Joggers aus Krefeld hatten sich als OBS-Veteranen "mehr als alle anderen" auf das Festival gefreut und boten das, weswegen sie ja ausdrücklich nochmals eingeladen worden waren, in Perfektion: Eine ausschließlich aus (ideellen) Hits bestehende Vollbedienung in Sachen Power-Pop, auf die nicht wenige der insbesonders weiblichen Jung-Fans regelrecht gewartet hatten. Gefeiert wurden die barfüßigen Jungs jedenfalls wie internationale Superstars. Dass man mit Power-Pop das Publikum begeistern kann, steht ja außer Frage.

Ein wenig schwieriger hatte es da die nächste Band, Orph, die von der von Yannick Stürznickel geführten Glitterhouse eigenen Tour-Agentur entdeckt worden war. Es gab leicht rätselhaften, esoterisch angehauchten Prog-Poesie-Pop mit paritätisch angereicherten Elektronik- und organischen Bestandteilen sowie Keyboards und Gitarrensounds und jeder Menge Dynamik. Das war sozusagen klassische Architektur zum Tanzen und es wunderte nicht, dass hier die Americana-Fans geschlossen zum Essen-Fassen abwanderten. Die, die geblieben waren, fragen sich vermutlich immer noch, was uns Orph eigentlich sagen wollten. Wie durchdrungen die Herren indes von ihrer Philosophie sind, zeigte der Umstand, dass sich keiner der fünf Herren auch nur den Ansatz eines Lächelns entlocken ließ - was angesichts der Feldpostillion-Uniform, die die Jungs trugen, sicherlich nicht ganz einfach gewesen sein mussten. Immerhin freuten sie sich aufrichtig über die warme Anteilnahme der verbliebenen Festivalgäste. In der Tat stellten Orph durchaus etwas ganz Eigenes dar und dass heutzutage überhaupt noch jemand zum Nachdenken anregen kann (und sei es auch nur über die Kostüme), ist ja auch recht originell.

Was man von The Flying Eyes aus Baltimore nicht gerade sagen konnte. Hierbei handelt es sich um eine Boogie-Retro-Kapelle, denen irgendwo zwischen den Gitarrenläufen der Boogie abhanden gekommen war, so dass sich ihre überlauten Soundwände zuweilen anhörten wie zehnminütige Intros zu Songs, die dann aus Zeitgründen nicht mehr gespielt wurden. Wer die 70er überstanden hatte, der konnte dieses Treiben ja gewissermaßen mit einer verklärten Note genießen. Was aber ohne Drogen ganz schön schwer gefallen sein dürfte. Immerhin: Die Herren mit den langen Mähnen begeisterten insbesondere die Zuhörer unter 15 Jahren (für die das Programm ja durchaus neu war) und mussten eifrig Autogramme geben.

Zwischen den Bands spielten dann die OBS-Wiederholungstäter von Skurilli. (Das ist so gemeint, wie es hier steht - denn eine Band im klassischen Sinne ist dieses durchgedrehte Blaskapellenorchester nun wirklich nicht.) Es gab Entertainment in bester Augsburger-Puppenkisten-Manier - mit Spongebob-Schlagzeug und Verkleidungen zu den Nummern, die sich als psychedelische Zeitreise durch die Kulturen entpuppte - und die vermutlich nicht mal besser bezahlte Profis (wie eine Feuerwehrkapelle) besser hinbekommen hätte. Kein Wunder dass die Jungs für serbische Balkanhochzeiten gebucht werden.

Den Schlusspunkt des Festivals setzte ein Herr, dem die Glitterhouse-Crew seit Jahrzehnten in Verehrung zugetan war und der nun, nach zehn Jahren Pause, mit seiner Band Spain einen Neustart wagte. Josh Haden, der Mann, der mit dem Song "Spiritual" einen Klassiker geschrieben hat (der von Johnny Cash daselbst zu einem solchen gemacht wurde), erwies sich nun sozusagen überraschenderweise und unerklärlich als wahre Rampensau. Während die Musik von Spain ja (trotz einiger Up-Tempo-Nummern auf der neuen Scheibe) eher mellow ist, ließ sich Haden nicht lumpen und feuerte das Publikum mit stadienreifen Ansagen ("Glitterhouse is in the House") und Anmach-Gesten bis zur Extase an (nun ja: Jedenfalls die begeistert mitgrölende Bühnen-Crew). Der mitgereiste Tourbegleiter vertraute Rembert eher eingeschüchtert an, dass er sein Herrchen so auch noch nicht erlebt habe. Immerhin: Das war dann - auch musikalisch - ein würdiger Abschluss des Festivals. Der abschließende, diesjährige Drei-Tages-Witz konnte da jedenfalls unterhaltungstechnisch nicht wirklich mithalten...


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Surfempfehlung:
www.orange-blossom-special.de
www.glitterhouse.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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