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Hellsehen im Halbdunkel

Blood Red Shoes
Wallace Vanborn

Köln, Gloria
29.05.2012

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Blood Red Shoes
Eine Nachttischlampe und ein alter Fernseher als Bühnendekoration könnten in etwa folgende Bedeutung gehabt haben: Das aktuelle Blood Red Shoes-Album "In Time To Voices" reflektiert laut Steve Ansell ungefähr die Erlebnisse, die das Brightoner Duo auf den unablässigen Touren der letzten Jahre angesammelt hatte. Alles natürlich purer Rock'n'Roll und oft genug in irgendwelchen Hotelzimmern angesiedelt. Das passte also vom Thema her schon mal.
Den Support machten zunächst mal Wallace Vanborn aus Belgien. Diese junge Band hat sich den härtestmöglichen Rock unterhalb der Heavy Metal-Grenze auf die Fahnen geschrieben und Ansell machte beim BRS-Set lobend deutlich, dass er deren kompromisslosen Ansatz durchaus auch selber schätze. "Wir können auch ruhig und nett sein", meinte Frontmann Ian Clement angesichts eines Instrumental-Titels, der dann allerdings auch nicht wirklich ruhig und nett war. Das Trio hat sich tatsächlich der kollektiven Testosteron-Ausschüttung verschrieben - nicht mehr und nicht weniger. Auf Konserve variieren die Herren auch mal und bringen durch Gäste Klangfarben ins Bild. Nicht so auf der Bühne: Der Titel ihres Albums - "Lions, Liars, Guns & Gods" - bringt die stachelige Gemengelage, mit denen sich Wallace Vanborn in ihren Stücken mit wuchtiger Basis-Arbeit beschäftigen, die ihnen in ihrer Heimat den Spitznamen "Dampfwallace" einbrachte, ganz gut auf den Punkt. Da werden keine Gefangenen gemacht und für feinsinnige Seelen ist das auch nicht unbedingt zu empfehlen. Es gab also konsequenterweise schlicht eine dreiviertel Stunde ordentlich einen auf die Mütze.
Nun ja: Wer zu einem BRS-Gig geht, der sucht ja auch nicht unbedingt nach subtilen Zwischentönen. Obwohl es die auf dem neuen Album tatsächlich gibt. Natürlich hätte niemand erwartet, dass das Duo auf der Bühne akustische Gitarren oder Keyboards hervorkramt oder dass sich Laura-Mary Carter gar dazu hinreißen lassen würde, die angedeuteten Soli, die sich zuweilen auf dem Werk verstecken, auch live zu spielen; dennoch war es eher überraschend, wie konsequent die BRS auch das neue Material stromlinienförmig auf das Allernotwendigste verdichtet hatten. Das hat zweifelsohne mit dem Rock'n'Roll zu tun: Viele Kollegen des Duos haben einfach nicht verstanden, dass der Geist des Rock'n'Roll nicht in einer Perfektion von (historischen) Klischees bestehen kann, sondern dass die Sache vor allen Dingen im Bauch funktionieren muss - und das am Besten mit einer eigenen Note. Das beherrschen die BRS aus dem EffEff.

Schönklang und Perfektion wird man hier vergeblich suchen - dafür stimmen die Grooves und die Vibes. Was an Gesangslinien oder Gitarrenläufen vergeigt wird, wird schlicht durch Atmo und Feeling wettgemacht. Und ob mit oder ohne Aufforderung: Das Publikum ist immer dabei und sobald sich ein halbwegs straighter Beat Bahn schlägt, wird das Auditorium zum Hexenkessel - nicht nur aber vor allen bei Rausschmeißern wie "Light Me Up" oder "Keeping It Close", die die BRS auch gerne mal ein wenig ausbauen (im allgemeinen Punk-Sinn aber natürlich ohne Soli). Zuweilen braucht Ansell nicht mal zu trommeln, sondern dirigiert das Publikum einfach vom Bühnenrand mit seinen Sticks. Das zeigt, dass die BRS-Songs einfach auch als solche funktionieren. Anders als etwa Wallace Vanborn bietet das Material der BRS ja auch Melodien und Refrains. Wo sich die White Stripes zuletzt in abstrakten Experimenten verloren, suchen die BRS eben nach dem Kern des Songs - das macht am Ende auch den Unterschied aus. Hinzu kommt dieser unglaubliche Sound dieser verlotterten Marshall-Verstärker (einer davon von 1960), die zwar aussehen, als lösten sie sich jeden Moment in ihre Bestandteile auf, die aber einen Wall Of Sound produzieren, der die ganze Rock-Historie zu umfassen scheint. Nur echte Entertainer sind die BRS immer noch nicht wirklich. Es dauert ca. eine halbe Stunde bis Laura-Mary erstmals in einen Lichtkegel tritt und ein Lächeln gibt es erst, als die ersten Crowdsurfer von den eifrigen Schutztruppen des Gloria entsorgt werden.

Gegen Ende des Sets gab es dann auf ein Mal Diskussionen auf der Bühne: "Der nächste Song ist sehr alt für uns", kündigte Steve Ansell die Nummer "You Bring Me Down" an. "Das wollte ich auch gerade sagen. Du hast meine Gedanken gelesen", erklärte Laura-Mary. "Das liegt daran, dass ich telepathische Kräfte habe - jedenfalls bei dir... Mist, jetzt mögen mich die Leute nicht mehr, weil ich deine Texte klaue..." Nun ja: Es war ja nur diese eine Zeile... So: Rein musiktheoretisch war das Set hauptsächlich mit knackigen Up-Tempo-Nummern gespickt - und zwar von der ersten Sekunde des grotesk irreführend betitelten Openers "It's Getting Boring By The Sea" an. Das war aber zu erwarten gewesen, denn wer nach all den Jahren auf der Bühne immer noch keinen Wert auf handwerklichen Feinschliff legt, der wird sich ja nicht mit dem psychologisch fundierten Ausbalancieren von Setlists aufhalten. Was zählt, ist bei den Blood Red Shoes eh der Moment - und der lässt sich nicht planen. Auch das ist schließlich Rock'n'Roll.

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Surfempfehlung:
www.bloodredshoes.co.uk
www.facebook.com/bloodredshoes
www.wallacevanborn.be
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Blood Red Shoes:
Tonträger
Konzert-Bericht
10+10 Interview

Mehr über Wallace Vanborn:
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