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Konzert-Bericht
 
Far Out, Man!

Edward Sharpe & The Magnetic Zeros
Rocco DeLuca

Köln, Kantine
07.07.2012

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Edward Sharpe
Zugegeben: Bei einem Hippie-Happening der hier anstehenden Art erwartet der Zuhörer ja gewiss nicht unbedingt feste Strukturen und eine perfekte Organisation. Was sich jedoch beim einzigen Deutschland-Auftritt von Edward Sharpe & The Magnetic Zeros in der Kölner Kantine abspielte, war dann schon grenzwertig. Zunächst mal verzögerte sich der Einlass, weil bis zur letzten Minute der Sound gecheckt wurde - was wegen des von vorneherein aufgrund der nachfolgenden Disco-Veranstaltung eingeschränkten Time-Tables sowieso schon problematisch war. Bei diesem Soundcheck fiel dann offensichtlich nicht weiter auf, dass sich auf der Bühne kein Stecker für die einzige Beleuchtungsquelle des Support-Acts Rocco DeLuca befand, so dass der Mann die Hälfte seines Sets in vollkommener Dunkelheit spielte. Was aber noch wichtiger war: Es fiel auch nicht auf, dass die Hälfte der Monitore auf der Bühne keinen Mucks von sich gaben. Das sollte dann im Folgenden zu abenteuerlichen Szenen während des Konzertes führen.
Aber der Reihe nach: Alex Ebert und seine kunterbunte Musikantenschar (an diesem Abend tummelten sich - ohne die Stage-Crew - bis zu 13 Personen auf der Bühne, die alle auf die eine oder andere Art Töne erzeugten) haben es aufgrund ihrer legendären Live-Shows, insbesondere aber aufgrund ihrer (Gema bitte mal herhören) YouTube-Videos zu einigem Ansehen gebracht. Das bestätigte sich übrigens durch eine spontane Umfrage im Publikum. Dennoch war es fast verwunderlich, dass die Show in der Kantine a) ausverkauft war und b) nahezu ausschließlich von blutjungen Fans besucht wurde. Denn hip oder modern ist das ja nicht gerade, was Ebert und seine Kommune produzieren.

Das gilt auch für Rocco DeLuca. Der Kalifornier mit den deutsch-italienischen Wurzeln, der sich den Titel seines von Daniel Lanois produzierten zweiten Albums "Mercy" auf den Unterarm tätowiert hat, hat sich seit frühester Jugend dem Blues verschrieben und im Laufe seiner Karriere immerhin mit Größen wie Slash, Robbie Robertson, John Lee Hooker oder Johnny Cash musiziert. Seit dem Zerfall seiner Band The Burden tritt er solo auf - bewaffnet nur mit seiner Dobro-Gitarre, einem Kickboard und eben einer Lampe, von der er sich von unten anstrahlen lässt (sofern sich denn ein Stecker auf der Bühne findet). Vom Ansatz her weist DeLuca - bis hin zum gemeinsamen Produzenten Lanois - erstaunliche Parallelen zu seinem verstorbenen Kollegen Chris Whitley auf. Wie dieser basiert er seine Kunst auf dem Blues und benutzt diesen als Sprungbrett für eher mystisch-spirituelle Auslobungen, die ziemlich spontan ausgelebt werden und eben vom Moment beeinflusst scheinen. DeLucas Spiel ist sehr physisch, erdig und aggressiv - was im Widerspruch zu dem eher freistiligen, impulsiven Format seines Vortrages steht. Rein musikalisch passte das nicht wirklich zum Support Act - mal abgesehen davon, dass sich beide Parteien mit traditionellen Genres beschäftigen. Es war aber wohl auch eher die menschliche Komponente, die DeLuca und die Zeros zusammengeführt hatte, denn DeLuca jammte als assoziiertes Mitglied beim Konzert der Zeros teilweise munter mit.

Nach einer ziemlich überdehnten Umbaupause, in der das Monitor-Problem zwar erkannt, aber keineswegs behoben wurde, betrat dann die wuselige Schar de Jour die Bühne - und wurde frenetisch gefeiert, bevor noch ein Ton gespielt war. Ebert - stligerecht in schmutzige Jesus-Lumpen gewandet - machte sogleich deutlich, dass dieses kein "normaler" Konzertabend werden würde, bei dem mit Messlatte, Vergleichscharts und Setlist-Referenzen der musikalische Mittelwert der Veranstaltung gemessen werden könnte. Zunächst ein Mal setzte er sich auf einen der nutzlosen Monitore, schüttelte zahllose Hände im Publikum und redete beruhigend auf die aufgeregten Fans ein. Währenddessen begannen seine Musikanten - nun ja, wie soll man sagen - vor sich hinzuspielen. Einen besonders festen Plan schien es dabei nicht zu geben. Zwar hatte Keyboarder/Trompeter Stewart Cole eine mögliche Setlist in den Computer programmiert, mit dem er die Settings seiner Hammond-Orgel steuerte - diese wurde aber in keinster Weise eingehalten.

Je nach momentaner Empfindungslage sprach sich Ebert mit seinen Musikern ab, welches Stück denn nun als nächstes dran sei - oder auch nicht. Auch die Aufgabenteilung - bei so viel Personal eigentlich die Aufgabe eines Kapellmeisters - wurde spontan entschieden. Während sich Eberts Muse Jane Castrinos im Prinzip alles zumutete, bat Ebert mit dem Hinweis, dass schließlich jede Menge fantastischer Musiker in der Band seien, diese und jene Beteiligten ins Rampenlicht, wo sie dann jeweils ihre Parts vortragen durften. Ebert selbst hielt sich im Vergleich als Sänger eher zurück, denn er hatte ja auch andere Sachen zu tun. Schnell war ihm nämlich klar geworden, dass er mit den defekten Monitoren nicht so recht glücklich werden würde und dass die Sache vom Bühnenrand deutlich besser zu steuern wäre. Also tänzelte er dort herum, schüttelte weiter unablässig Hände, und animierte das Publikum zum mitmachen. Was aber nicht nötig gewesen wäre, denn die Fans kannten jede noch so obskure Textzeile (wovon es eine ganze Menge im Programm gibt) jedes noch so obskuren Songs und sang diese teilweise vollständig mit. Da er sowieso nicht hören konnte, was er sang, reichte Ebert das Mikrophon daraufhin ins Publikum und überließ diesem einen Teil seiner Arbeit. Schließlich sprang er von der Bühne herunter und versuchte, seine Band aus dem Auditorium heraus zu steuern. Das ging natürlich auch nicht wirklich und ergo machte Ebert Party und tanzte und sang mit den Fans, die ihren Messias feierten, als gäbe es kein Morgen mehr.

Was dabei gespielt wurde, war eigentlich zweitrangig. Die meisten der Nummern wurden eh bis zum gehtnichtmehr ausgelotet und selten endete ein Stück innerhalb der Zehn-Minuten-Grenze. Das Interessante dabei ist, dass die vertrackten Kompositionen der Band mit den vielen Stops und Gos, dynamischen Eskapaden, instrumentellen Einlagen und immer wieder hymnischen Chor-Partituren sich eigentlich gar nicht als Party-Musik eignen. Das hätte an diesem Abend allerdings niemand unterschrieben. Wenn es denn mal flott zur Sache ging - wie bei "Man On Fire" etwa -, dann gab es kein Halten mehr und in ruhigen Passagen - etwa bei "Child" - strömten dann so viel positive Vibes von der Bühne, dass das Ganze stimmungsmäßig schon in ein Hippie-Be-In ausartete. Musikwissenschaftler hätten an diesem Happening sicherlich keine Freude gehabt, denn der auf Konserve oft überraschende Stilmix der Band ging in diesem Setting doch irgendwie in einen - zwar sympathischen aber auch betont unorganisierten - Mischmasch unter. Für die Musikanten aber muss dieses Konzept so etwas wie eine Offenbarung sein. Wo sonst schließlich kann man seine Neigungen dermaßen hemmungslos auf der Bühne ausleben - und jede Menge Spaß dabei haben?

Nicht nur der beiden Drumsets wegen drängte sich da der Vergleich mit den Grateful Dead auf - freilich weniger spacig und (bis auf die von Gitarrist Christian Letts herbeigeschafften und ausgetrunkenen Whisky-Flaschen) ohne Drogen. Schließlich schnappte sich Ebert einen Schlapphut, wanderte flötend über die Bühne und setzte den Hut den Musikern auf, die er für ein Solo erkoren hatte. Im Rahmen dieser Einlage gab es dann noch eine von den beiden Drummern losgetretene Jam-Session, die in einem extatischen Finale endete. Letztlich schafften es Ebert und seine Musiker recht gut, das 60s-Feeling, das quasi aus jeder Pore dieses Projektes quillt, in die Jetztzeit rüber zu retten. Und seit den Decemberists hat es keine Kapelle mehr gegeben, die das Publikum dermaßen hemmungslos und barrierefrei in ihr Tun einbezieht. Insofern stellte diese Veranstaltung schon etwas Besonderes dar - wobei im Nachhinein sogar bezweifelt werden darf, ob mehr Ordnung und Organisation hier irgendetwas bewirkt hätten, denn schließlich leben Edward Sharpe & The Magnetic Zeros ja gerade von jener Art von Nonkonformismus, die an diesem Abend so eindrucksvoll zur Schau gestellt wurde. Wer mal etwas anderes sehen wollte als vier Herren, die mit ihren E-Gitarren die Musikhistorie rauf und runterspielen, der war an diesem Ort zu jener Zeit sicherlich richtig. Der Geist von Woodstock lebt jedenfalls. Far Out, Man!

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Surfempfehlung:
www.edwardsharpeandthemagneticzeros.com
www.facebook.com/themagneticzeros
www.roccodeluca.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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