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Haldern Pop Festival 2012 - 1. Teil

Rees-Haldern, Alter Reitplatz Schweckhorst
09.08.2012

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Willis Earl Beal
Das diesjährige Haldern Festival stand ganz unter dem Zeichen der Entzerrung. Nachdem in den letzten Jahren insbesondere der schon seit längerer Zeit offizielle erste Festival-Donnerstag zu einer Bevölkerungsexplosion im Spiegelzelt geführt hatte - inklusive ganzer Bevölkerungsschichten, die keinen Zugang zum ständig überfüllten Ort des Geschehens erlangen konnten -, gab es dieses Mal gleich vier alternativ ansteuerbare Spielorte: Neben dem Spiegelzelt war das die im letzten Jahr erstmals als Venue genutzte genutzte Kirche im Ortskern, die neu hinzugekommene Beergarden-Stage neben dem Spiegelzelt und die Haldern Pop Bar. Hinzu kamen noch Sessions im renommierten Studio Keusgen, das mittlerweile - nicht nur beim hauseigenen Haldern Pop Label - einen ausgezeichneten Ruf in Indie-Kreisen genießt. Dennoch war die Sache nicht sooo einfach.
Die Kirche etwa, in der um 16 Uhr das Programm begann, war ungefähr drei Minuten nach dem Öffnen der Tore bis auf den letzten Platz gefüllt. (Und von der Haldern Pop Bar wollen wir gar nicht erst anfangen.) Sei es drum: Die sakrale Atmosphäre des Spielortes verlangte natürlich nach adäquaten Acts, die jetzt nicht unbedingt der Teufelsmusik zuzurechnen sind. Deswegen war die Verpflichtung des belgischen Szene-Veteranen Daan Stuyven, der in den 90ern aus dem dEUS-Dunstkreis erwuchs und auf seiner ersten Solo-Scheibe ("Profools") noch an das Gute im Menschen glaubte, sicherlich die richtige Wahl. Mit der unüblichen Besetzung Piano, Cello, Vibraphon (bzw. Drums, Flügelhorn und Röhrenglocken) überraschte Daan mit einem Set, bei dem er im Prinzip alles, was er bislang gemacht hatte, demontierte, auf den Kopf stellte und dann in Form organischer, hymnischer Kleinkunst wieder ausspuckte - oder als akustische Disco-Nummer wie seinen Hit "Housewife". Und das mit Selbstironie und Humor. "Damals dachte ich noch, die Welt sei einfach, wenn man Songs einen einfachen Titel gäbe", kündigte er etwa sein Frühwerk "Simple" an, zu dem er ausnahmsweise auch mal zur Gitarre griff. "Den nächsten Song hätte ich gerne selbst geschrieben - aber ich war beschäftigt", meinte er dann zu der Coverversion von Neil Youngs "A Man Needs A Maid" - die es dann zwar ohne Orchester, aber mit Flügelhorn gab. Es waren dann auch die abenteuerlichen Arrangements, mit denen das Trio am nachhaltigsten beeindruckte. Denn es war schon erstaunlich, welche Klangkaskaden die drei Musikanten hier mit ihren Instrumenten, Stimmen und Samplern da aufschichteten. Und wann hat man das letzte Mal jemanden - wie Isolde Lasoen - Flügelhorn und Röhrenglocken spielen sehen - gleichzeitig, wohlgemerkt?

Der Amerikaner Chris Garneau war danach von der Größe des Publikums überrascht und beeindruckt. "Ich konnte euch von da hinten aus gar nicht alle sehen und hatte gedacht, das sei alles viel kleiner", meinte der schüchterne junge Mann und spielte dann seine sanftmütigen Piano-Balladen, die von großen, aussichtslosen Liebesdramen bis zu einer Ode an den Serienkiller Jeffrey Dahmer alles zu bieten haben, was sanftmütige Piano-Balladen eigentlich auch brauchen. Dass der Junge mit seinem klassisch inspirierten Piano-Pop dabei musikalisch eigentlich ein Thema bearbeitete, das ansonsten eher von Mädchen bedient wird, machte nix - denn erstens passte das ganz gut an diesen aufmerksamkeitsfördernden Ort und zweitens mochten insbesondere die jungen Damen im Publikum ganz gerne, was der linkische Herr da produzierte - auch wenn den das aus orientierungstechnischen Gründen vielleicht gar nicht so sehr interessierte. Sei es drum: Auch wenn das jetzt nicht typische Festivalmusik zum Abhotten war, war es doch wieder mal ein gelungener Einstieg ins Haldern-Geschehen.

Das ging derweil auf dem Festivalgelände in die zweite Runde. Dort gab es als Überraschungsgäste zwar nicht die Sportfreunde Stiller zu bewundern (wie vor einigen Jahren ein Mal) - dafür aber eine von deren Nachkommen: Die No-Nonsense-Pop-Rocker von Kraftklub nämlich, die auf der Biergartenbühne das Entzerrungskonzept erfolgreich betrieben, denn während des lebhaften, kräftezehrenden und leicht zu begreifenden Auftrittes der Energie-Musikanten war das Spiegelzelt tatsächlich zum ersten Mal an einem Eröffnungstag während einer Umbaupause leer. Und das, obwohl es gar nicht so viel umzubauen gab.

Die "Backline" des nächsten Künstlers, Willis Earl Beal, bestand nämlich lediglich aus einem Tonband und einer Gitarre. Letztere kam freilich nur ein einziges Mal zum Einsatz, denn der Kauz aus Chicago ist schon ein ziemliches Unikum als Performer. Der Mann, der mit seiner Debüt-CD "Acousmatic Sorcery" Fans und Fachwelt gleichermaßen verwirrt zurück ließ, setzt dieses Spielchen auf der Bühne fort. Was ist das eigentlich, was der Mann da - zu dräuenden, schleppenden, dröhnenden musikalischen Backdrops veranstaltet? Rap ist es jedenfalls nicht - obwohl Beal nicht wirklich singt, Blues ist es auch nicht - wenngleich Beal den Blues hat. Soul ist es schon gar nicht, obwohl Beal seufzt, croont, shoutet und grölt, dass es die reine Freude ist. Poesie ist es auch nicht, gleichwohl Beals Wortschwalle zuweilen überwältigender Natur sind. Avantgarde ist es auch nicht, denn das Ganze ist ungemein unterhaltsam, cool und so stylisch als wolle der Mann ein Video live darstellen. Mit der Intensität eines schwarzen Tom Waits beeindruckte Beal das Publikum mit einer Show, die eigentlich zwischen allen Stühlen gesessen hätte, wenn er mehr als einen auf der Bühne gehabt hätte.

Weiter ging es im Beergarden, wie das Ganze nun heißt. Dort waren Emanuel And The Fear aus Brooklyn auf die Bühne geklettert und nichts sollte mehr so sein, wie es vorher war. Das von Emanuel Ayvas geleitete Unternehmen hat sich zwar im Laufe der Jahre von elf auf sechs feste Mitglieder gesundgeschrumpft - das soll aber nicht für die Musik gelten. Auf dem demnächst auf Haldern Pop erscheinenden zweiten Album "The Janus Mirror", dessen Opener auch gleich zum Einstieg gegeben wurde, geht es hoch her. Die Musiker haben nämlich die Eigenart, alle zwar gleichzeitig zu spielen, dabei aber den Eindruck zu vermitteln, unterschiedliche Stücke vorzutragen. Wenn es kompliziertere Musik zwischen Folk, Prog, Klassik, Rock und Avantgarde gibt als diese, dann muss sie erst noch gefunden werden. Dass bei diesem Auftritt das auf der CD herummäandernde Orchester nicht dabei war, muss als Pluspunkt gewertet werden, da so ein wenig mehr Konsistenz in den überbordenden Auftritt des Sextetts kam. Immerhin duldet die Inbrunst, mit der die Musikanten - allen voran Ayvas als zorniger junger Mann - ihr Werk zwischen Philosophie und Sozialkritik präsentieren, absolut keinen Widerspruch. Selbst auf der Open-Air-Bühne verflog die Intensität keineswegs.

Angelockt von einem ausufernden Soundcheck mit Jam Session hatten sich die Fans derweil schon wieder im Spiegelzelt versammelt und harrten auf den Auftritt von Jamie N Commons und seiner Band. Der junge in Chicago aufgewachsene (und wohl musikalisch nachhaltig beeindruckte) Engländer ließ - in einen permanenten Nebelschleier getaucht - eine astreine Retro-Show vom Stapel. Angefangen vom Blues-Klassiker "Wade Into The Water" bis hin zu zahlreichen Gitarrenduellen blieb da kein Auge trocken. Im Stile der 70s pflügte der Mann mit seiner Band durch die damals angesagten Stile zwischen Blues, Westcoast, Soul und Schweinerock. Dass er sich für diese Melange entschieden hat, liegt nahe, denn seine rauchige Stimme passt wie der Deckel auf den so präsentierten musikalischen Marmeladentopf. Dass es hier nicht einen Ton zu hören gab, den die Kenner dieser Epoche nicht schon mal so oder ähnlich gehört hätten, spielte aber keine Rolle. Denn erstens waren diese an diesem Orte deutlich in der Unterzahl und zweitens präsentierte Commons das Zeug mit einer Begeisterung von jemandem, für den das eben doch alles neu und aufregend ist - so, wie für seine Fans. Und darauf kommt es ja schließlich auch an.


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Surfempfehlung:
www.haldern-pop.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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