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Auf dem Sprung

Gabrielle Aplin
Jonas David

Köln, Studio 672
26.11.2012

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Gabrielle Aplin
Es wird ganz schön schwierig für die EMI werden, Gabrielle Aplin als nächsten Hype durchzuboxen. Einfach deshalb weil die junge Dame aus der englischen Provinz es auch alleine - also ohne Label - schon geschafft hat, sich einen veritablen Star-Status herauszuspielen und ergo gar keinen Hype mehr braucht. 2010 begann sie - im Alter von 16 Jahren - zunächst Cover-Versionen und dann zunehmend auch eigene Songs ins Netz zu stellen - und wurde damit in Großbritannien zum erfolgreichsten ungezeichneten Hit seit Beginn der Zeitrechnung.
Ihre Videos erzielten Millionen von Klicks und es folgten drei EPs - "Acoustic", "Home" und "Never Fade", die Gabrielle bis Anfang dieses Jahres - höchst erfolgreich - online vertrieb. Insgesamt absolvierte Gabrielle seither sechs (!!!) Headliner-Touren im Kingdom, zahlreiche Festival-Slots und Fernseh-Auftritte (darunter eine Session der BBC-Reihe "Introducing", die zu den erfolgreichsten der Serie zählt), bevor sie im März dann bei Parlophone unterzeichnete und seither an ihrer Debüt-CD arbeitet, die nun für Februar des kommenden Jahres avisiert ist. Dass veröffentlichungstechnisch seither nichts mehr viel passiert ist, liegt in der Natur der Major-Politik, die ab nun bestimmt, wo es lang geht. Immerhin: Eine für den Werbespot einer britischen Jeans-Kette eingespielte Coverversion des Frankie Goes To Hollywood-Titels "The Power Of Love" bescherte Gabrielle einen Hit, der sie auch außerhalb der Web-Fan-Gemeinde etablierte - und der den Veröffentlichungsplan durcheinander brachte. Die offizielle Debüt-Single "Please Don't Say You Love Me", die eigentlich für diesen Monat angekündigt war (und wohl auch mit der nun gerade absolvierten internationalen Showcase-Tour promotet werden sollte), wurde wegen "Power Of Love" auf Februar verschoben. Langer Rede kurzer Sinn: Gabrielle Aplin spielt bereits jetzt vor ausverkauften Häusern und das eigentlich Erstaunliche an der Show in Köln war nur, dass das Publikum nicht etwa ausschließlich aus angereisten Engländern bestand (wie das etwa bei Amy MacDonald oder Laura Marling der Fall war), sondern tatsächlich aus deutschen Fans, die Gabrielle über das Web entdeckt hatten.

Sei es drum: In einem so intimen Rahmen wie dem des Studio 672 wird man die junge Dame vermutlich nie wieder sehen können. Gabrielle war als Support mit dem Extrem-Songwriter Jonas David unterwegs, der schon seit einiger Zeit regelmäßig auf den Bühnen der Region anzutreffen ist. Jonas hat einen ziemlich eigenwilligen Stil, der daraus besteht, dass er seinen akustisch basierten Sturm- und Drang-Artrock mittels Samplern, Harmonizern und anderen Effekten - nun wie soll man sagen - multipliziert. Oft reicht das vom sprichwörtlichen Flüstern bis zum tosenden Orkan. Dabei mag es Jonas, die Extreme auszuloten und sein Material mit voller Inbrunst auszuleben. Dabei vermittelt er den Eindruck eines intuitiven Musikers, dem es weniger um Formalismen als um Atmosphäre und Emotionen geht. Das kann auch mal recht anstrengend werden - etwa dann, wenn er sich selbst bluesmäßig ausbremst oder seine Experimente eher ins Nichts als zu einer anderen Bewusstseinsebene führen. Andererseits spielt er auch gerne mal seine Gitarre kaputt, schafft es gar, das Publikum zum Klatschen zu animieren, lockert seinen Act mit humorigen Katzengeschichten auf oder spielt launige Coverversionen wie "Umbrella" von Rihanna. David kam beim erstaunlich aufgeschlossenen Publikum auch gar nicht so schlecht an - spielte aber dann doch etwas lange für eine solche Situation.

Wo Jonas David etwas ausuferte, brachte es Gabrielle Aplin dann wieder auf den Punkt. Bewaffnet nur mit einer Gitarre und einem Piano hatte sie sich entschlossen, alle ihre Tracks in Form von akustischen Balladen zu präsentieren. Das ist deswegen erwähnenswert, weil sie in England mit einer Band tourt und viele ihrer Tracks durchaus einen Up-Tempo-Charakter haben (und durch eine bemerkenswerte eigene Note - poppige Gospelchöre nämlich - zudem arrangementstechnisch aufgepeppt daherkommen). Nicht dass das an der Intensität ihrer Darbietung gezehrt hätte: Kommt Gabrielles Stimme auf den bisherigen Studio-Aufnahmen nämlich etwas linear rüber, so vermittelte sie im Live-Ambiente, dass sie stimmlich mehr Variationen und ein größeres Volumen zu bieten hat. Hinzu kommt eine ungemein souveräne Art, die sie sich bei ihren Auftritten angeeignet hat und die das jugendliche Alter der Protagonistin in einen professionellen Kontext setzt. Gabrielles Songs kommen ausschließlich im Folkpop-Format daher und verraten, dass die Songwriterin Aplin ihre Einflüsse, zu denen neben den Acts, die sie gerne covert (Paramore, Coldplay, Ed Sharpe oder Ce Lo Green) auch die großen des Genres, wie etwa Bob Dylan gehören, durchaus mit Gewinn studiert hat. Die Stücke gefallen durch angenehme Melodiebögen mit netten Hooks und Refrains, wobei sie bereits jetzt mehr Potential erkennen lässt als viele ihrer Mitstreiterinnen. Dabei mag ihr auch helfen, dass sie sowohl auf der Gitarre wie auch dem Klavier (das sie sich beides autodidaktisch angeeignet hat) souverän agiert.

Natürlich erfindet auch Gabrielle Aplin nichts Neues, versteht es aber, die Versatzstücke so zusammenzusetzen, dass sie zumindest nicht zu Klischees geraten - und sie überzeugt als pfiffige Texterin mit einer unterschwellig humorigen Note, die das Lamento ihres Vortrages etwas relativiert. Dass auch sie nur mit Wasser kocht, dürfte ihr klar geworden sein, als sie sich dabei ertappte, dass sie den ersten Song des Sets "Panic Chord" erneut anstimmte, als sie "Keep Pushing Me" spielen wollte. Obwohl die Stücke durchaus unterschiedlichen Charakters sind, basieren sie nämlich auf den gleichen Akkorden. "Scheiße - ich spiele ja 'Panic Chord'", meinte sie dann, als ihr das auffiel - und schmiss dann schnell mal die Setlist um, bevor sie dann einige Nummern später doch noch zu "Keep Pushing Me" zurückfand. Als sie dann bei ihrem letzten Song "Home" Jonas David als Drummer auf die Bühne holte, fragte sie, ob das Publikum den Song kenne - was natürlich bejaht wurde. "Dann seid ihr ja besser als ich", scherzte sie, "denn ich kenne ja meine eigenen Songs nicht." Das Programm bestand nur zum Teil aus dem Material der EPs. So ließ sie es sich nicht nehmen, "The Power Of Love" und auch die geplante erste Single "Please Don't Say You Love Me" und deren B-Seite "Rings Around Roses" zu spielen. Des Weiteren gab es einige neue Songs - "How Do You Feel Today", "Not Your Problem" und "Salvation", die im Vergleich zu dem bisherigen Material erneut einen kompositorischen Quantensprung darstellten.

Abgerundet wurde das Set schließlich mit einer ungeplanten Zugabe. Bob Dylan wollte sie dabei nicht spielen, weil das zu "scary" sei und als jemand nach "Panic Chord" rief, meinte sie: "Das habe ich doch schon zwei Mal gespielt - das wollt ihr doch wohl nicht zum dritten Mal hören?" Schließlich gab es das Coldplay-Cover "Fix You", das sie auch bei der BBC-Session gespielt hatte. Als Performerin zeigte sich Gabrielle Aplin durchaus routiniert und professionell, bemühte sich aber durchaus, mit dem Publikum in Kontakt zu kommen, plauderte etwa über den Glühwein des gerade eröffneten Weihnachtsmarktes, erzählte von einem Besuch in Goslar oder sie ließ sich Ansagen auf Deutsch übersetzen. Nach dem Konzert begab sie sich gar zum Merchandising Stand - obwohl dort keinerlei Musik feilgeboten wurde. Mit diesem Showcase empfahl sich Gabrielle Aplin nachdrücklich als kommende Größe im Bereich der romantischen Songwriterinnen - und als veritable Konkurrenz ihrer etablierten Kolleginnen, die sich schon mal überlegen können, was sie dem entgegenzusetzen haben, was Gabrielle zu bieten hat. Über ihre musikalische Zukunft braucht sie sich jedenfalls wahrlich keine Sorgen zu machen. Ihrem Sprung an die Spitze steht nichts im Wege.

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Surfempfehlung:
www.gabrielleaplin.co.uk
www.facebook.com/gabrielleaplin
www.jonasdavid.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Gabrielle Aplin:
Interview

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