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Konzert-Bericht
 
Schwyzerdütsch gegen Hartz IV

Sophie Hunger

Köln, Gloria
03.03.2013

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Sophie Hunger
Sophie Hunger ist - was Köln betrifft - eine Wiedeholungstäterin. So stellte sie zu Beginn des aktuellen Konzertes fest, dass sie ja schließlich im November bereits ein Mal mit ihrer neuen Band im Gloria gastiert habe (und vorher mehrfach an anderer Stelle) und sich dass sie heute zum 60. Male mit dieser Band auf der Bühne stehe. Im Klartext bedeutete dieses natürlich, dass die besagte Band zwischenzeitlich prächtig aufeinander eingespielt war. Dabei fehlte gegenüber der Version Sophie 1.0 nichts wirklich: Cello, Trompete, Klarinette, Flügelhorn, Glockenspiel, Drumpad und zahlreiche Keyboards - da war alles da, was sich nicht wehrte und wurde von den vielseitigen Musikanten umseitig bedient, als ginge es darum, einen Karussellbetrieb auf der Bühne aufrecht zu erhalten. Zusätzlich fanden sich die Herrschaften auch immer wieder zu neuen Gesangsgruppen zusammen - bis hin zum A-Cappella-Ensemble.
Sophie Hunger hat sich - dazu passend - im Laufe der Jahre eine geeignete Bühnenpersona zugelegt, die eine Mischung aus Bandleaderin, Orchesterleiterin und Personalchefin darstellt - alles Funktionen, die sie souverän und humorvoll mit Leben erfüllt. Das ist nun wahrlich kein Vergleich mehr mit der schüchternen, verhuschten Dame, die auf ihrer ersten Tour auf einem Stuhl festklebte und sich am liebsten hinter ihrem Klavier versteckte. In gleichem Maße hat freilich im Laufe der Zeit auch die Souveränität der Komponistin Sophie Hunger zugenommen. Auch hier gilt: Anything goes. Ob nun Jazz, Pop, Rock, Klassik oder Folk: Sophie kann alles, macht alles und schreckt vor keiner noch so abenteuerlichen Kombination zurück. Wie leichtfüßig dabei das gesamte Ensemble - gerne auch innerhalb der einzelnen Tracks - im Live-Ambiente nicht nur zwischen den Instrumenten, sondern auch zwischen den komplexen Hunger-Modi hin und her switchte, war schon beeindruckend zu beobachten. Das einzig Merkwürdige bei all dem Gewusel auf der Bühne war eigentlich nur, dass - wie eigentlich bei allen Sophie Hunger-Shows - auch in Köln nicht ein einziger Tropfen Schweiß von der Bühne floss. Entweder benutzen die Damen und Herren geheimnisvoll mutierte Deo-Sprays oder aber - was wahrscheinlicher ist - sie sind einfach so cool, dass das alles eher Spaß als Anstrengung für sie darstellt.
Wie üblich gestaltete Sophie Hunger ihr Programm aus dem Material ihrer jeweiligen Tonträger, ergänzt um eine Reihe von veritablen Nicht-CD-Tracks. Nicht, dass das irgendwen gestört hätte. Denn erstens eignen sich Sophie-Hunger-Tracks sowieso nicht unbedingt zum Mitsingen (mal abgesehen von einigen dezidierten Gassenhauern wie "LikeLikeLike") und zweitens kannten natürlich die Fans im ausverkauften Gloria selbstredend jeden Ton, den Sophie jemals irgendwo gespielt hatte. Sophie wechselte zwischen Klavier, akustischer und elektrischer Gitarre, wie es die Sachlage gerade erforderte. Dabei ist sie natürlich vorwiegend Pianistin geblieben, gefiel aber auch durch die unkonventionelle Art, in der sie ihre E-Gitarre - unterstützt von expressiven Gesten, mit denen sie sich auch beim Singen zu motivieren pflegt - quasi als Hackbrett und Perkussion-Instrument missbrauchte. Insbesondere eine Facette, die in diesem Zusammenhang immer noch überraschend ist, stach bei dem auch im Gloria besonders heraus: Der Umstand, dass die Sophie Hunger Band - bei aller eklektischen Verspieltheit - zuweilen auch ganz gut abrocken kann. Natürlich nicht im Punk-Modus und auch nicht durchgängig: Wenn es aber mal losgeht, dann aber auch richtig. Wie etwa im Mittelteil des epischen "Citylights Forever" oder aber bei der siebten (!) Zugabe, dem abschließenden "Speech", das - wie üblich - in eine der seltenen Jam-Session-Momente ausartete.

Das war dann vielleicht auch einer der wenigen Kritikpunkte: Sophie Hunger-Konzerte laufen - bei aller musikalischen Brillanz - auch immer ziemlich durchorganisiert und kontrolliert ab. Sicher - das erlaubt auf der einen Seite, die abruptesten Tempiwechsel und Breaks sauber hinzubekommen - andererseits gibt es aber nur an festgelegten Stellen für die Musiker die Möglichkeit, sich selbst einzubringen. Es gibt dabei durchaus Soli - allerdings an unüblichen Stellen, die zudem genau festgelegt sind (an den Schnittstellen von sich überlappenden Songs etwa oder in der vierten von fünf Strophen). So unkonventionell und spannend das strukturell sein mag: Spontaneität sucht man hier vergebens. Selbst genau ausgezirkelte Momente des Chaos (Noise, Feedback, Atonalität) sind bis ins Detail geplant. Dafür, dass das am Ende aber keineswegs steril oder distanziert rüberkommt, sorgt dann die Inbrunst mit der sich alle Beteiligten hier einbringen - und Sophies Humor. "Wir kommen jetzt zum Höhepunkt des Abends, einem Song, den wir auf Schwyzerdütsch vortragen", erklärte sie selbstironisch den Song "Spiegelbild" an, "es ist mir schon bewusst, dass das eine wichtige Sprache ist. Wer die nicht spricht, landet bei Hartz IV. Das denkt jedenfalls unsere Regierung und hat deswegen festgelegt, dass in den Kindergärten kein Hochdeutsch gesprochen wird, damit die Kinder das reine Schwyzerdütsch auch für die Zukunft behalten können."

Ein weiterer komödiantischer Höhepunkt war die Vorstellung der Band, bei der Sophie ihre - allesamt des Deutschen nicht mächtigen Musiker - auf charmante Art verarschte; aber auf gewisse Art durchaus auch lobte. Immerhin haben diese aufgrund ihrer Vielfältigkeit und ihres handwerklichen Könnens ja durchaus einen großen Anteil am Gelingen des Live-Unternehmens Hunger, auch wenn hier mehr ein Arbeitgeber-/Nehmer-Verhältnis festzustellen ist, als vielleicht bei Sophies erster Band. Musikalische Höhepunkte gab es viele - das auf Französisch vorgetragene "Le vent nous portera", "Z'Lied vor Freiheitsstatue" als A-Cappella-Einlage, der "Walzer für Niemand" mit einer wunderschönen Cello-Verzierung, die Non-CD-Nummern wie "First We Leave Manhattan" oder "Trainpeople" oder auch einfach Sophies inspirierte Klavier-Soli - irgendwo zwischen Jazz und Klassik, aber immer schön swingend. Kurz gesagt: Das war ein Sophie Hunger-Konzert, das kaum Wünsche übrig ließ. Mal sehen, was sie sich noch für die anstehende Festival-Saison im Sommer ausgedacht hat.

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Surfempfehlung:
www.sophiehunger.com
www.facebook.com/sophiehunger
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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