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Musikalisches Handwerk

Daughter
Bear's Den

Köln, Bürgerhaus Stollwerck
08.04.2013

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Daughter
Als Elena Tonra und ihre Mannen, Igor Haefeli und Remi Aguilella, letztes Jahr zum ersten Mal auf unseren Festival-Bühnen auftauchten, hatte das Trio eigentlich noch nichts vorzuweisen, außer des Rufs als "Next Big Thing", der ihnen aus Ihrer Heimat London vorausgeeilt war. Nun gibt es im vereinigten Königreich ja jede Woche neue Next Big Things und deswegen war Skepsis angesagt. Im Falle von Daughter verflüchtigte sich diese allerdings schnell, denn Elena & Co. schienen eine jener Indie-Acts zu sein, die tatsächlich mal alles richtig machten - ohne dabei in irgendwelche extremen Verrenkungen zu verfallen. Außerdem haben Daughter jenes spezielle Etwas, das man nicht erlernen oder ererben kann. Denn auf der Bühne outete sich das Trio als sympathisch linkische und begeisterungsfähige Truppe, der die nahezu kindliche Freude über ihr Tun deutlich anzumerken war, gleichwohl sich ihre Musik eher im düsteren, emotionalen Negativbereich bewegt. Langer Rede kurzer Sinn: Das legendäre Indie-Label 4AD nahm sich des Falls an und als dann letzten Monat die Debüt-CD "If You Leave" erschien, konnte sich das Trio sozusagen in gemachte Betten legen, was die Aufmerksamkeit der Fans betraf. Kein Wunder also, dass die nun gerade laufende, offizielle Antritts-Tour dann auch gleich ausverkauft war. (Nicht nur das: Die Konzerte wurden sogar in größere Venues verlegt.)
Los gings mit dem Deutschland-Debüt des britischen Folkpop-Trios Bear's Den. Musikalisch erschien diese Wahl vielleicht etwas seltsam - aber letztlich hatten Bear's Den dann doch mehr mit Daughter gemein, als es zunächst den Anschein hatte. Das Trio, das von dem Frontman Andrew Davie ins Leben gerufen wurde, als der Plan, mit seiner vorherigen Band Cherbourg zusammen mit Mumford & Sons an die Spitze der aktuellen britischen Folkbewegung vorzustoßen, wegen eines verfrühten Splits der Band fehl schlug, hat nämlich - wie Daughter auch - einen Drummer zu bieten, der gelegentlich zum Bass greift, welcher ansonsten eine eher stiefmütterliches Dasein im Soundkonzept der Band fristet - was eine weitere Parallele zu Daughter darstellt. Ansonsten dominiert eine Kombination aus akustischer Gitarre und dem von Davie gespielten Banjo - wobei gelegentlich eine E-Gitarre hinzukommt, denn (anders als die Mumfords etwa) sind Bear's Den musikalisch nicht so puristisch eingestellt. So schleichen sich immer wieder hymnische Melodiebögen in die prinzipiell an der Americana ausgerichteten Folkballaden der Herren ein, die gelegentlich auch gerne mal zu dramatischen Orkanen anschwellen. Und: Bears Den haben es auch nicht so mit der Verwaltung historisch akkurater Folk-Schemata, sondern sich einen eigenen Weg, der durchaus auch mal fast pathetische Pop-Momente mit einschließt. Wie dem auch sei: Beim Publikum kamen die drei Bartträger erstaunlich gut an (also angesichts der Tatsache, dass sie einer vollkommen anderen musikalischen Richtung entstammen) und dürften sich mit diesem sympathischen Auftritt sicherlich eine Reihe potentieller Fans erspielt haben.
Nach kurzer Umbaupause ging es dann auch gleich weiter mit dem Auftritt von Daughter. "Danke, dass ihr alle gekommen seid und dieses Konzert ausverkauft ist", begrüßte Gitarrist Igor das Publikum, "das ist der größte Gig, den wir außerhalb von London bisher gespielt haben." Was nicht so viel heißt, denn so viele Gigs außerhalb Londons hat die Band noch nicht absolviert und dort spielt man bereits regelmäßig vor größeren Auditorium. Aber: Das zeigte auch, dass die Band trotz des Erfolges noch nicht abgehoben haben. So fiel z.B. auf, dass die Musiker ihre Gitarren selbst stimmten und aufbauten und auch keinerlei Distanz zum Publikum suchten. "Wie fühlst du dich denn?", rief jemand aus dem Publikum Elena zu. "Cool", grinste diese wie ein Honigkuchenpferd, "ich kann es gar nicht fassen, dass ihr alle gekommen seid." Als dann jemand aus dem Publikum erklärte, dass sie Geburtstag habe, gab die Band von der Bühne herunter - und unterstützt vom Publikum - ein Geburtstagsständchen und zwar gleich auf Deutsch. Mag sein, dass das sich das kitschig anhört - aber man muss ja so etwas nicht machen, und gerade deswegen war es eine nette Geste für die Fans.

Zur Musik von Daughter passt das eigentlich alles gar nicht, denn diese entspringt den New Wave- und Shoegazer-Traditionen des ausgehenden letzten Jahrhunderts. Allerdings - es wurde ja schon gesagt - haben sich Daughter die jeweils richtigen Versatzstücke zusammen gesucht, die sie auf anregende Art immer wieder neu zusammensetzen. Außerdem machen Daughter keine halben Sachen. Wo andere - etwa coolere oder intellektuell forderndere Acts - sich aus ästhetischen Gründen vielleicht gerne selbst limitieren und so mehr versprechen, als sie am Ende einlösen. Für jedes "Smother" oder "Winter" gibt es bei Daughter auch Tracks wie "Run" oder "Home", wo dann richtig die Post abgeht - oder aber Stücke wie "Amsterdam", "Landfill" oder "Youth", die mit dynamischen und strukturellen Kniffen die Spannung halten. Bei Daughter wird auch gerne mal die musikalische Sau rausgelassen und es gibt auch oft genug die Auflösung dieser vorher erzeugten Spannungen - meist in Form einer gewaltigen klangtechnischen Welle. Das ist ein wenig schwierig zu beschreiben. Denn obwohl Daughter nominell ein Gitarrenpop-Trio sind, spielt die reine Gitarrenarbeit eine eher untergeordnete Rolle, weil fast alle Gitarren (und Bass-Sounds) bis zur Unkenntlichkeit mit Effekten verdreht werden, bis am Ende eine ganz eigene Soundwand im Raume steht. Im Prinzip etwa hätte Igor Haefeli statt einer Gitarre auch einen Webstuhl spielen können - das wäre klangtechnisch in etwa auf das Selbe herausgekommen, denn es war schon interessant zu beobachten, wie er mit einem Effektboard, das so groß war, dass man zur Not auch ein Raumschiff damit hätte steuern können, die Sound verschachtelte und seine Gitarre zu einem eher kleinen Rädchen im groß angelegten Sound-Universum machte.

Nun gut: Das Trio wurde von einem vierten Mann unterstützt, der allerdings lediglich Lücken im Klangbild schloss, die sich daraus ergaben, dass Elena und Igor meistens beide gleichzeitig Gitarren bedienten und sich nur gelegentlich den Bass teilten. Und Daughter geben sich nicht mit normalen Songstrukturen zufrieden. Da gibt es keine Strophen und Refrains, da gibt es keine durchgehenden Backbeats (denn wenn Igor webt, dann klöppelt Drummer Remi Anguilla eher als dass er trommelt) und kaum ein Stück kommt mit den klassisch etablierten Standard-Stimmungen aus - weswegen bei einem Daughter-Konzert öfter umgestimmt werden muss als bei einem mittleren Heavy Metal Festival. Das alles löst das Trio nonchalant mit Small-Talk und Versprechungen ("Wir kommen definitiv bald wieder nach Köln").

Was allerdings angemerkt werden sollte, ist der Umstand, dass Daughter die Songs in etwa so vortragen, wie sie auf der CD auch dargeboten werden (mal abgesehen davon, dass keine akustischen Gitarren zum Einsatz kamen). Wenn man sich schon darauf verständigt, aus dem Shoegazer-Rahmen auszubrechen, dann hätte man diesen Aspekt auch etwas auswalzen und sich z.B. mal eine kleine Jam-Session erlauben können. Das soll dann aber auch der einzige Kritikpunkt gewesen sein. Im Rahmen ihres Konzeptes machen Daughter ihre Sache schon sehr gut. Als das Konzert dann mit der Fast-Rock-Nummer "Home" zu Ende ging, gab es jedenfalls keine größeren Unmutsbekundungen. Dafür aber eine Zugabe, die Daughter - so Elena - nur deswegen eingeübt habe, um einen Grund zu haben, auf die Bühne zurückzukommen und mehr Zeit mit den Fans zu verbringen. Eine Doppel-Cover-Version: "Perth" von Bon Iver und "Ready For The Floor" von Hot Chip, die Daughter zu einer Art zerdehntem Zeitlupen-Medley miteinander verschmolzen hatten und sich selbst damit musikalisch treu blieben.

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Surfempfehlung:
www.ohdaughter.com
4ad.com/artists/daughter
www.facebook.com/ohdaughter
www.facebook.com/bearsdenmusic
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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