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Konzert-Bericht
 
Taking Woodstock

Natalie Merchant

New York, Bethel Woods
20.07.2013

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Natalie Merchant
Hierzulande hat sich die Grande Dame des gepflegten Songwriting ja in den letzten Jahren eher rar gemacht - hauptsächlich bedingt durch die Auszeit nach der Geburt ihrer Tochter. In den USA hingegen hat Natalie Merchant nie so ganz aufgehört aufzutreten, wenngleich diese Ereignisse immer einen bestimmten Anlass oder Hintergrund hatten, denn zum einen galt es, politische und/oder soziale Topics zu thematisieren (z.B. zuletzt Domestic Violence) und zum anderen hat sich Natalie angewöhnt, mit immer größeren Musikerensembles zusammenzuarbeiten - zuletzt regelmäßig mit ganzen Symphonieorchestern. Ergo war es nicht überraschend, dass ihr letztes Album, die Sammlung vertonter Gedichte angelsächsischer Poeten namens "Leave Your Sleep", auch musikalisch in diese Richtung ging. Nun hat Natalie Merchant indes ein neues Album (fast) fertig und nutzte diese Phase, um in den USA eine ganze Tour mit Orchesterbegleitung zu organisieren, die sie unter anderem auch an die geschichtsträchtige Location des Woodstock-Festivals führte (das ja keineswegs in Woodstock stattfand, wie allgemein bekannt sein dürfte, sondern in der Nähe der kleinen Kommune Bethel, im Staate New York).
Dort gibt es heute in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Bühnenterrains ein Museum namens "Bethel Woods Center For The Arts" und einen Park, dessen Zentrum eine überdachte Freilicht-Bühne in Amphitheater-Form bildet. Einen malerischen Ort für eine solche Veranstaltung hätte sich also schwerlich finden können. Natalie Merchant beginnt mit dem neuen Material (an dem sie bereits seit ungefähr einem Jahr arbeitet) insofern eine neue Phase in ihrer Karriere, als dass sie erstmals seit 2001 wieder mit vollständig eigenen Songs aufwartet. Auch wird das neue Album keineswegs ein weiteres Orchester-Werk werden. "Es ist zwar akustischer orientiert als meine letzten Alben und ungefähr die Hälfte der Songs enthält auch Orchester-Arrangements, aber es ist kein reines Orchester-Album, sondern enthält eine Sammlung besonders schön klingender, neuer Songs. Zur Zeit sind wir gerade dabei, diese zu mischen", umschrieb sie freundlicherweise kurz den Stand der Dinge. Mit der Veröffentlichung des Albums ist entweder im späten Herbst oder Anfang nächsten Jahres zu rechnen. Obwohl die Setlist des Konzertes dann - naturgemäß - hauptsächlich aus Material der "Leave Your Sleep"-CD bestand, die nur gelegentlich durch Natalie Klassiker wie "My Beloved Wife" oder 10.000 Maniacs-Gassenhauer wie "Verdi Cries" durchsetzt waren (die übrigens vom gut gemischten Publikum trotz der eher liturgischen Atmosphäre mitgesungen und gefeiert wurden), waren es tatsächlich die neuen Tracks, die den größten Eindruck hinterließen: "Butterfly" - eine vergleichsweise geradlinige Elegie über den Wandel des Lebens (oder vielleicht nur den Flug eines Schmetterlings), "Lulu", das einfühlsame musikalische Portrait einer frühen Hollywood-Schauspielerin (im Publikum wurde auf Marilyn Monroe getippt, es ist aber tatsächlich Louise Brooks gemeint), "Giving Up Everything" - eine bezeichnende Auflistung aller Dinge, die Natalie Merchant anscheinend aufgegeben hat (einen Masterplan, etwa oder "my cursed search for meaning" (was unter anderem vielleicht die dekadenlange Zurückhaltung in Sachen Songwriting erklärt)) und dann gab es noch das wahrlich epische "The End", ein poetisches Gedankenspiel über den Zustand unserer Zeiten, den Natalie ursprünglich auf ihrem 2001er Album "Motherland" hatte platzieren wollen, sich aber nach den Anschlägen vom 11. September dagegen entschieden hatte. Am Ende des Songs versteckte sich Natalie hinter einer Woodstock-Peace-Flagge, die sie zunächst hochgehalten hatte, weil sie sich offensichtlich selbst zu Tränen gerührt hatte.
Das neue Material besitzt - zumindest in dieser Form - durchaus eine epische Note, überzeugt aber vor allen Dingen durch die Qualität des Songwriting - sowohl was die elegante Melodieführung betrifft, als auch die lyrische Kraft der malerischen Texte betrifft. In diesem Sinne klangen die neuen Stücke allesamt wie Instant-Classics und fügten sich nahtlos ein in den Kanon der bekannten Natalie-Tracks - wobei schon ins Ohr fiel, dass Natalie ihre Poesie-Phase durchaus mit Gewinn durchlebt hat. Musikalisch untermalt wurde das Ganze durch Natalies langjährige Musiker wie Gitarrist Gabriel Gordon, Pianist Uri Sharlin oder Bassist Jessy Murphy (von den Brazilan Girls) auf der einen Seite und dem Hudson Valley Philharmonic Orchester auf der anderen Seite. Dessen Arrangements wurden von dem Dirigenten Randall Craig Fleischer ausgearbeitet. "Was ein Glück, dass wir nicht am Times Square sind und es nicht wieder 40 Grad heiß ist", begrüßte Natalie Merchant das Publikum - am Ende einer Hitzewelle, die die ganze Ostküste tagelang im Griff gehabt hatte, "in New York fühlt man sich gerade wie in der Hölle auf Erden. Es gibt dort scheinbar nur noch Ratten und seltsamerweise italienische Touristen auf Schnäppchen-Jagd. Hat Dante das nicht auch so beschrieben? Ich denke, das gehörte unbedingt in sein Buch..."

In der Tat herrschten an diesem Tag absolut perfekte Open-Air-Bedingungen, die mit Sicherheit zu der friedfertig-gelassenen Atmosphäre der ganzen Veranstaltung beitrugen. Natalie Merchant führte dabei in gewohnter Art mit ausholenden Tanzbewegungen in der Art einer Dirigentin durch den Abend. (Denn wenn Fleischer das Orchester dirgierte, dann dirigierte Natalie das Publikum - oder doch zumindest ihre Songs.) Das Konzert war dann so aufgebaut, dass es zunächst ungefähr einen ungefähr 1,5 Stunden langen Teil mit Band und Orchester gab, der mit einer imposanten Version von "The Worst Thing" endete und nach einer Pause dann noch ein Teil ohne Orchester, aber mit Band folgte. Dieser begann zwar ganz gesittet mit "Seven Years", artete dann relativ schnell in ein Happening aus. Zunächst ein Mal begann Natalie mit dem Publikum Kinderlieder wie "Rocky Mountain High" zu singen, dann bat sie anwesende Gäste wie Backing Sängerin Simmie Stone oder den Dokumentarfilmer Josh Fox auf die Bühne. Dessen preisgekröntes Anti-Fracking-Documentary "Gasland" lief gerade auf HBO in Heavy Rotation und Natalie nutzte die Gelegenheit, auf dieses Thema dementsprechend einzugehen. Josh Fox spielte Banjo auf einer Akustik-Version des "Motherland"-Titeltracks. "Muss ich eigentlich etwas zu Woodstock sagen?", fragte die bekennende 60s-Skeptikerin Natalie ins Publikum, "nun, vielleicht kann ich ja was zu Joni Mitchell sagen. Die war zwar nicht selbst dabei, weil ihr Manager das nicht wollte, aber sie hat an dem Wochenende den Woodstock-Titelsong geschrieben. Ich habe neulich ein Video-Interview mit Joni Mitchell gesehen, in dem sie so alt aussah wie sie ist. Das war so erfrischend."

Es folgten dann weitere Klassiker wie z.B. das immer mehr in eine Jam-Session ausartende "Carnival", bevor es dem Publikum dann gelang, die Band für weitere Zugaben auf die Bühne zu locken. Hier strömten dann alle anwesenden zum Bühnenrand, um ihrem Idol möglichst nahe zu sein. "Wer steckt denn da hinter den ganzen iPads? Ich kann euch ja gar nicht sehen", mokierte sich Natalie anschließend über die Amateurfilmer im Publikum - nicht ohne hinzuzufügen: "Wisst ihr was - irgendwann seid ihr tot und dann interessiert sich niemand mehr über die ganzen Filme, die ihr gemacht habt." Nun ja: Auf moderne Technik ist Natalie sowieso nicht gut anzusprechen. "Hoffentlich erfindet bald mal jemand etwas, mit dem wir weiter leben können, ohne Dinge verbrennen zu müssen", ging sie z.B. noch ein Mal auf das Fracking-Thema ein. Wie dem auch sei: Als der Abend dann nach über drei Stunden zu Ende ging, waren selbst die Musiker überrascht, dass sie 45 Minuten lang Zugaben gegeben hatten. Auch wenn das Auftreten in großem Rahmen für Natalie Merchant und ihre Musiker inzwischen zur Routine geworden ist, so fühlten sich - aufgrund des besonderen Settings dieser Show dann am Ende doch alle angenehm berührt von dieser einzigartigen Show.

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Surfempfehlung:
www.nataliemerchant.com
en.wikipedia.org/wiki/Natalie_Merchant‎
de.wikipedia.org/wiki/Natalie_Merchant
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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