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Konzert-Bericht
 
Luft und Erde

Emiliana Torrini
Wallis Bird

Köln, Gloria
05.11.2013

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Emiliana Torrini
Es wäre sicherlich unfair zu behaupten, die beiden Protagonistinnen des Abends hätten nicht zueinander gepasst - zumal beide vom Publikum in gleichem Maße gefeiert wurden - aber dennoch hatten wir hier eine Kombination von zwei Songwriterinnen, die vom Typus her unterschiedlicher kaum hätten sein können. Da war zunächst mal die naturgewaltige Irin Wallis Bird, von der man hätte sagen können - wäre sie nicht ständig wie ein Derwisch auf der Bühne hin und her und vor allen Dingen auf und ab gesprungen -, dass sie zu den bodenständigeren Vertreterinnen ihrer Zunft gehört. Die Rampensau Wallis Bird hat sich durch die Routine ihrer unermüdlichen Live-Auftritte und ihrer eigenwilligen Art, die Gitarre mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu malträtieren, aus ihrer anfänglichen Ani Di Franco-Affinität eine ganz eigene Stilrichtung erarbeitet, die sie ständig verfeinert und ausbaut. Ganz anders Emiliana Torrini, die eher zum Typus der kapriziösen bis introvertierten Performerinnen tendiert, die konsequent mit geschlossenen Augen sing, sich dafür aber zu jeder Veröffentlichung und jeder Tour musikalisch neu aufstellt und so immer wieder zu überraschenden und teilweise wagemutigen Ergebnissen kommt. Wenn hier zwei Elemente aufeinander trafen, dann waren das die Luft und die Erde. Was freilich beiden Damen gemeinsam ist, ist der Umstand, dass sich beide gut verstehen und schätzen, vor allem aber, dass auch beide über eine zumindest rudimentäre Kenntnis der deutschen Sprache verfügen und sich so Großteils dem Publikum barrierefrei nähern können.
Wallis Bird begrüßte das Publikum wie alte Bekannte. Was nicht so abwegig ist, denn wie sie erklärte, habe sie schon oft in Köln gespielt - im Stadtgarten, im Gebäude 9, im Studio 672... eigentlich sogar unter jedem Brückenpfeiler. Insofern ist das Material der Irin mit der Punk-Frisur dem Kölner Publikum natürlich nicht unbekannt. Zwar hat Wallis seit ihrer selbst betitelten CD vom letzten Jahr keinen neuen Tonträger mehr am Start gehabt - das tat der Freude aber natürlich keinen Abbruch. Schon nach wenigen Akkorden waren die ersten Saiten gerissen. Da gab es natürlich kein Halten mehr. Sofern Wallis nicht an einem der beiden Mikrofone oder dem (sparsam eingesetzten) Sampler beschäftigt war, war sie sozusagen nur als verwischter Schatten ihrer Selbst wahrzunehmen. In Sachen Energielevel und Inbrunst macht Wallis Bird so schnell niemand etwas vor. Dazu missbrauchte sie den Bühnenboden (den der Roadie vorab diesbezüglich getestet hatte) als Rhythmusinstrument - auch wenn die Begeisterung am eigenen Tun sie manchmal selbst aus dem Rhythmus brachte - und (wie gesagt) die Gitarre wurde wirbelwindartig malträtiert, als gäbe es kein Morgen mehr. Das Publikum ging prächtig mit und Wallis war demzufolge voll des Lobes. "Das ist Hammer", meinte sie, "ihr seid so geil." (Oder umgekehrt.) Dazwischen gab es humorvolle Plaudereien, die ihre eigentlich ernsthaften Lyrics durchaus auflockerten. Und wenn es dann gar zu bunt wurde, dann musste halt "eine deprimierte Ballade" helfen, wie Wallis meinte (die dann freilich eher wütend als deprimiert oder gar deprimierend rüberkam).
Nach der dann doch etwas unsinnig langen Umbaupause, bei der jeder Roadie alle Gitarren je drei Mal stimmen durfte, ging es dann gleich mit dem Titelsong von Emilianas neuer CD "Tookah" weiter, dessen klangmalerischen Titel sich die Isländerin mit dem italienischen Namen ja eigens ausgedacht hatte. Auch Emiliana Torrini ist eine Köln-Veteranin - jedoch ist es bereits vier Jahre her, seit sie zuletzt hier aufgetreten war. Das hat zwei gewichtige Gründe: Zum einen natürlich die Babypause, zum anderen aber auch der Umstand, dass sie sich beim ersten Durchlauf ihres neuen Materials wohl etwas verzettelt hatte. So berichtete sie von "psychedelischen Epen mit AC-DC Riffs", mit denen sie sogar ihre Plattenfirma verschreckt hatte. Wie dieses Material geklungen haben mag, könne man noch an dem Song "Caterpillar" erkennen - der allerdings an diesem Abend (wie fast alle anderen Songs auch) in einer kompakten, knackigen Form dargeboten wurde. Manchmal, so meinte Emiliana, sei es halt doch besser, wenn man sich ein wenig Zeit nehme mit dem neuen Material.

In der Tat überzeugen die Tracks des neuen Albums "Tookah" ja gerade dadurch, dass sie sich durch eine gewisse Reduziertheit auszeichnen. Zwar geht das alles nicht so weit wie das Material von "Fisherman's Woman" oder die Akustik-Songs, die Emiliana im Mittelteil der Show darbot, aber es ist halt auch weniger poppig als jenes von ihrem Erfolgsalbum "Me And Armini". In der Tat waren "Big Jumps" und "Jungle Drum" die einzigen "richtigen" Pop-Nummern, die bei der Show im Gloria gespielt wurden. Was nicht heißt, dass das ganze Set nur aus balladeskem Material bestand. So überraschte Emiliana mit der mächtig groovenden, Disco-trächtigen Version des "Tookah"-Songs "Speed Of Dark" und dann war da natürlich noch "Fever Breaks", die psychedelische Space-Opera, die das "Tookah"-Album auf so eindrucksvolle Weise beschließt. Das Stück entwickelt sich (auf Konserve wie auch live) aus einer eher chaotischen Tontraubenschießerei über einen strukturierten Mittelteil mit Gesang zu einer mitreißenden, federnden Jam-Session in der Schnittmenge zwischen Krautrock, Disco und New Wave-Pop. Kennte man Emiliana Torrini nicht besser, so könnte das die Richtung sein, in die sie sich zukünftig weiter entwickeln könnte. Aber: Sie macht ja gottseidank halt nie das, was als nächstes kommen müsste. Schaun wir halt mal.

Der Zugabenblock barg dann noch ein paar schöne Überraschungen wie das vertonte Gedicht "Seven Sorrows" des Poeten Ted Hughes oder aber "Elisabet" die anrührende Hommage an Emiliana Torrinis fast gleichaltrige Tante. Insgesamt bot Emiliana mit ihrer sechsköpfigen Band ein breites Spektrum (das erwartet man allerdings in der Tat von ihr), das davon lebte, dass das Klangspektrum mit Zutaten wie einer singenden Säge, einem Omnichord, einer Lap-Steel-Gitarre, diversen Percussion-Instrumenten, Synthesizern, Loops und jeder Menge Effektgeräte geradezu in alle Richtungen gleichzeitig expandierte. Das ist wohl auch der Grund, warum Emiliana Torrini Konzerte - wie dieses auch - niemals langweilig sind, auch wenn jetzt vielleicht nicht unbedingt jeder Ton der Show am rechten Platz gesessen haben mag...

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Surfempfehlung:
emilianatorrini.com
www.wallisbird.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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