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Traum Apokalypse

Bill Callahan
Alasdair Roberts

Köln, Kulturkirche
14.02.2014

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Bill Callahan
Eine interessante Kombination hatte sich da für den Auftritt in der Kölner Kulturkirche zusammengefunden: Der stoische Indie-König Bill Callahan gab sich die Ehre für einen der eher seltenen Auftritte in der Domstadt und der schottische Folk-Eigenbrötler Alasdair Roberts bot dazu eine ideale Ergänzung - wenngleich auf musikalisch ganz andere Art. Denn während Bill Callahan mit seiner Band angereist war, betätigte sich Roberts in seiner ureigenen Art als Bewahrer der klassischen Troubadour-Tugenden.
Zwar hat Roberts soeben mit "A Wonder Working Stone" wieder mal ein Album mit eigenem Material herausgebracht - das spielt indes programmatisch keine Rolle, denn Roberts ist und bleibt ein klassischer Folky und will auch gar nichts anderes sein. Roberts, der dereinst in Deutschland geboren wurde, bemühte sich, seine Stücke in gebrochenem Deutsch anzusagen. Als er dann mit den Begrifflichkeiten ein wenig durcheinander kam, meinte er schmunzelnd: "Ihr wisst schon, was ich meine." Musikalisch hat Roberts seine Kunst im Laufe der Jahre dergestalt perfektioniert, dass er es sich heutzutage leisten kann, eigene Tunings zu erfinden, bloß um den vertrackten Harmoniefolgen und Akkordwechseln seiner Songs (und natürlich der immer wieder dominierenden klassischen Folksongs) gerecht werden zu können. Was der Mann da auf der Gitarre leistet, ist schlicht große Kunst - was umso bemerkenswert ist, als dass Roberts als Spieler keineswegs ein Virtuose ist, und sich offensichtlich mit der Wahl seiner Stücke stets am Rande seiner Möglichkeiten bewegt. Kein Wunder also, dass Alasdair sich (anders als die obercoole Callahan-Band im Folgenden) sozusagen im Schweiße seines Angesichtes verausgabte. Im Wesentlichen gilt das auch für den Gesang - was aber auch keine Große Rolle spielt, denn bei Roberts ist nicht er selbst, sondern sind seine Lieder die Stars. Und diese bewegten sich dann allesamt im allegorischen, mystischen, spirituellen Fahrwasser der von Roberts so geschätzten Traditionals. Mit der politischen Schiene seiner Zunft hat der Mann indes nicht so viel am Hut. Dass Roberts noch eine andere Seite hat, und auf seinen Scheiben - insbesondere aber seinen zahlreichen Kollaborationen - auch mal laut vom Leder ziehen kann, sollte hier ausdrücklich erwähnt werden, denn von seiner - dennoch ziemlich beeindruckenden - Solo-Show in der Kulturkirche hätte sich das nicht ableiten lassen.
Nach einer kurzen Umbau-Pause, bei der das am Bühnenrand stehende Mikro Roberts weit nach hinten geschoben wurde, kletterten Callahan und seine drei Mannen auf die Bühne. Callahan sieht sich ja nicht so gerne als Mittelpunkt seiner Shows. Schon damals, bei Smog drückte er sich an der Seite herum und das ist auch heutzutage (wenngleich er ein der Mitte steht) nicht anders. Das Setup war insofern bemerkenswert, als dass der Drummer statt einer Bassdrum ein Klangholz mitgebracht hatte, sich der Bassist mit einem Danelectro-Spar-Bass abmühte und der Gitarrist mehr Effektgeräte als mache Heavy Metal Band vor sich aufgebaut hatte. Callahan selbst schien vergleichsweise gut gelaunt und locker - wie das auch die für seine Verhältnisse lockeren und beschwingten Tracks seiner aktuellen CD "Dream River" bereits vermuten ließen.

Es ging mit "Javelin Landing" auch gleich recht swingend und flockig los. Callahan sprach dann sogar gelegentlich das Publikum an. Da dieses aber mittlerweile weiß, dass Callahan beharrlich wortkarg agiert, nutzte dieses seine Ansagen an den Tontechnikern, seinen Musikern diese und jene Instrumente auf die Monitore zu legen vorsorglich schon mal für einen Szenenapplaus (obwohl er dann später tatsächlich noch seine Musiker vorstellte). Ein Bill Callahan-Konzert der Jetztzeit muss man sich im Allgemeinen, wie eine Art Jam-Session vorstellen. Sicherlich dirigiert der Meister seine Musiker anhand der Strukturen seiner Songs durch sein Universum - nur ist dieses schon seit einiger Zeit so unkonkret geworden, dass die Musiker schon aufpassen müssen, wohin die Reise geht. Im Allgemeinen funktionierte das recht gut, auch wenn man sich gewünscht hätte, dass der Bassist öfter mal in derselben Tonlage wie Callahan und sein Gitarristen-Kollege gespielt hätte.

Soeben veröffentlichte der Meister eine EP namens "Have Fun With God", auf der einige seiner Tracks als Dub-Versionen zu vernehmen sind. So wild wurde es zwar bei dem Konzert nicht, aber die meisten der Nummern schwebten zumindest freistilig und leicht psychedelisch zwischen den Genres hin und her. Das funktionierte am Besten bei eh schon episch konzipierten Nummern wie etwa "America!" vom "Apocalypse"-Album, das hier sozusagen als nicht enden wollende Krautrock-Operette mit zahlreichen Stops & Gos, die sich ansonsten (wie viele der anderen Nummern auch) konsequent an den engen, monotonen Grundharmonien entlanghangeln, in denen Callahan seinen charakteristisch/minimalistischen Talking Blues verankert. Callahan mag zwar auf die 50 zugehen, seine Musik ist indes nicht gealtert. Wie auch? Kaum jemand versteht seine Kunst so zeitlos zu positionieren. Dass Callahan eine ganz eigene Art von Humor hat, ist dabei schon bemerkenswert. Wie sonst wohl sind Textzeilen wie "All I Want To Do Is Make Love To You" oder Coverversionen wie Percy Mayfields "Please Send Me Sombody To Love" zu erklären?

Dann gibt es noch etwas bemerkenswertes zu beobachten: Zwar ist Callahan zuweilen konsequenter als - sagen wir mal - John Lennon mit "Tomorrow Never Knows" wenn es darum geht, die Unerbittlichkeit der Monotonie als künstliche Ausdrucksform zu nutzen, aber zuweilen rafft er sich zu feinen, kleinen Pop-Harmonien aus und präsentiert dann wunderschöne Folkpop-Kleinode wie "Too Many Birds" (von der "Eagle"-Scheibe) - das hier im Live-Kontext zu einer anrührenden Hymne gedieh. Und dann gibt es noch Tracks wie "Spring" (von "Dream River", das die schon angesprochene Textzeile enthält), bei denen die Dynamik - etwa in Form gelegentlicher Gitarren-Drones - das Klangbild bestimmt, auch, wenn natürlich - anders als auf der CD - keine Flöten das Selbe anreichern. Sehr viel weiter zurück als bis zur "Eagle"-Scheibe reichte das Programm hier übrigens nicht: Smog ist definitiv Historie. Callahan gefiel sich augenscheinlich sehr gut in seiner Rolle als gleichberechtigter Bandleader und machte sich einen Spaß daraus, mit seiner Rhythmusgitarre den Takt - und die Songlängen - vorzugeben. Dazu drehte er sich auch gerne mal im Takt auf der Stelle oder wog ein wenig den Oberkörper. Das musste dann als Entertainment aber auch schon reichen. Man geht ja schließlich nicht zum Spaß zu einem Bill Callahan-Konzert. Womit wohl allerdings keiner so recht gerechnet hatte, war wohl der Umstand, wie viele Leute sich so etwas antun wollen: Alle Konzerte der Tour waren schon lange im Vorfeld ausverkauft gewesen. Bill Callahan, so scheint es, hat mit seiner Musik den Nerv der Zeit getroffen. (Bzw. hat dieser Callahan eingeholt.)

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Surfempfehlung:
de.wikipedia.org/wiki/Bill_Callahan
www.dragcity.com/artists/bill-callahan
www.alasdairroberts.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Bill Callahan:
Tonträger

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Interview
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