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Konzert-Bericht
 
Wahnsinn mit Methode

Liam Finn

Hamburg, St. Pauli Vereinsheim
20.09.2014

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Liam Finn
Die größten Überraschungen auf der reichhaltigen Konzert-Kirmes kommen doch immer noch meistens aus jenen Ecken, in denen man gar nicht danach suchen würde. Aus dem Vereinsheim des Fußballclubs St. Pauli etwa, in dem Liam Finn den Abschluss seiner Europatour inszenierte. Dorthin war er - mangels anderer verfügbarer Spielplätze - sozusagen abgeschoben worden, was sich aber als Glücksfall erwies, denn die zum Konzert-Venue umgestaltete Kneipe funktionierte sozusagen barrierefrei.
Zunächst mal deutete nichts auf einen ungewöhnlichen Konzertabend hin, als Finn und seine Musiker ihre zahlreichen Instrumente (auf seiner aktuellen Scheibe "The Nihilist" gibt es deren 127, von denen er alleine über 60 spielte) sortierten und den Soundcheck absolvierten, etwa. Dann jedoch stierte der Meister mit genau jenem irren Blick, der auch das Cover seiner CD ziert, in Richtung Mischpult und es begann ein einzigartiges Spektakel. Finns Bühnenpersona ist nämlich mindestens so wahnsinnig wie Charlie Manson, dem er an diesem Abend - absichtlich oder nicht - durchaus auch optisch ähnlich sah. Es muss allerdings gleich dazu gesagt werden, dass Finn niemanden umbrachte und auch niemanden aufforderte, dies zu tun: Der Wahnsinn wurde nämlich in eine einzigartigen Performance auf kreative Art kanalisiert. "Ich liebe es, durch euer Land zu fahren", begrüßte er das Publikum, nachdem der erste psychedelische Feuersturm von der Bühne gebrandet war, "ihr habt einfach die besten Tankstellen und die besten Travel Pussys überhaupt." In diesem Sinne muss man sich auch die Performance vorstellen. Finn stürtze sich mit einer überbordenden, keine Sekunde versiegenden, manischen Energie ins Geschehen und tobte, predigte, beschwörte und missionierte, was das Zeug hielt.

Unterstützt wurde Finn von einer Band, die keine Mühe hatte, seine abenteuerlichen Kompositionen, von denen manche mehr Haken, Ösen und Harmoniewendungen aufweisen als manch einer in seiner gesamten Karriere zustande bringt, nachzuvollziehen - sich aber keineswegs den hysterischen Eskapaden ihres Frontmannes verpflichtet fühlte, was dazu führte, dass man in den seltenen Genuss einer überbordenden Performance kam, die auf physikalischer Ebene allen möglichen Exzessen vortrieb leistete, handwerklich aber beeindruckend virtuos präsentiert wurde. Das galt auch und vor allen Dingen für Finns leicht überirdisches Gitarrenspiel, das er von einem Effektpedal in der Größe eines Strafraumes aus steuerte. Psychedelisch, jazzig, virtuos und inspiriert taumelte Finn auch dabei zwischen Genie und Wahnsinn hin und her.

Aber auch ansonsten gab es viel musikalisches Edelmetall zu bestaunen: Neben seinem Bruder Elroy an den Drums und seinem besten Freund Matt als Gelegenheits-Gitarristen, hatte Finn zwei Musikantinnen dabei, die ihn nicht nur chorteschnisch ergänzen konnten, sondern auch Instrumente wie Omnichord, Autoharp und psychedelischen Interrozitor spielen konnten (was immer das auch sein könnte). Finn selbst zückte dann irgendwann ein rudimentäres Theremin. Das ist das Instrument, das ihn nach eigener Aussage am meisten herausfordert und vielleicht deswegen testete er es vorsichtig an und stellte es dem Publikum vor: "Geraldine is in the house." Finn nutzte dieses Instrument dann mit beschwörenden Gesten im religiösen Sinne als Kreuzersatz und bemühte sich, das Publikum zu hypnotisieren. Das war freilich nicht nötig, denn dieses bestand aus beinharten Fans, die die Eskapaden ihres Propheten sichtlich genossen und ordentlich Party machten. Auch - und insbesondere - als Finn sich ein Disko-Jackett umhängen ließ und im Publikum einzelne Leute antanzte, bevor er denn schließlich in bester James Brown-Manier am Boden zusammensackte.

"Normal" in dem Sinne wurde es eigentlich nur dann, wenn Finns Kompositionen etwas konventionelleren Charakters sind - wie z.B. das balladeske "Ocean Emanuelle" - ansonsten regierte der schiere Wahnsinn, wie etwa bei seiner haarsträubenden Hommage an "Helena Bonham Carter". Die Krönung des Sets war - trotz allen originären Wahnwitzes - ausgerechnet eine 1:1 umgesetzte, mit grandioser Energie gespielte Coverversion von Devos "Gut Feeling". Während des sich langsam steigernden, dramatischen Introparts stand Finn starr am Bühnenrand und bemühte sich, vibrierend das - dieses Mal wie ein Hostienkelch - ausgestreckte Mikro zu zerdrücken, um dann beim einsetzenden Vocal-Part endgültig in den Hyperdrive umzuschalten und wie ein Derrwisch durch den Raum zu toben. Dass sich dabei der Eindruck einstellte, dass Finn trotz allem niemals den Überblick oder gar die Kontrolle über sein Tun verlöre, zeichnete dann den wahren Meister aus. Kurzum: Als das Konzert dann schließlich zu Ende ging, war ein Reality-Check dringend angesagt, denn Performances dieser Art bekommen selbst hartgesottene Konzertgänger nicht allzu oft zu sehen.

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www.yeproc.com/artists/liam-finn
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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