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30 Jahre im Geschäft

Chuck Prophet
Jonah Tolchin

Köln, Gebäude 9
07.10.2014

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Chuck Prophet
Chuck Prophet ist einer der wenigen alteingesessenen Gitarrenhelden der mittleren Generation, der auch im für Gitarrenbands schwierigen Köln auf eine eingeschworene Fangemeinde zählen kann und insofern war es dann auch nicht verwunderlich, dass bereits zur für das Gebäude 9 ungewöhnlichen Zeit um 19 Uhr die ersten Getreuen anreisten, um das erste Konzert der ausgedehnten Europatournee miterleben zu können.
Supportet wurde Chuck auf dieser Tour von dem Americana-Folkie Jonah Tolchin aus New Jersey - einer Flanellhemd tragenden Waldschrat-Gestalt mit Rauschebart und verschmitztem beidseitigen Dauer-Augenzwinken (= der Mann singt mit geschlossenen Augen), wie es sie nur in der amerikanischen Provinzfläche geben kann. Tolchin ist ein sympathischer Performer mit leicht spiritueller Note (seine Songs basieren z.B. auf der Frage, wie man das Hier und Jetzt geistig erfassen kann, die er zuletzt mit dem Taxifahrer auf dem Weg in den Club erörtert hatte), der tief in den klassischen Folktraditionen seiner nordamerikanischen Heimat verwurzelt ist und somit den Blues, Country, Folk und ansatzweise Gospel dann auch auf virtuose Weise aus seiner Gitarre zu kitzeln versteht. Tolchin spielte Tracks seines aktuellen Albums "Clover Lane". Wie gesagt singt er dazu konzentriert/inbrünstig mit geschlossenen Augen und wirkt zwischen den Stücken sympathisch zurückhaltend und obendrein fast ergriffen von der Möglichkeit, seine Songs auch erstmalig dem deutschen Publikum präsentieren zu dürfen. Tolchin ist kein Mann großer Worte oder Gesten und er macht auch nichts wirklich Originelles. Anders als vielen seiner Kollegen, die in Routine und Klischees versumpfen, nimmt man ihm das aber nicht übel, weil Tolchin seine Musik erkennbar lebt und somit schlicht absolut glaubwürdig rüberkommt.
Es ist an dieser Stelle ja schon mehrfach erwähnt worden: Chuck Prophet-Konzerte hängen stark von der jeweiligen Tagesform des galanten Protagonisten und 30-jährigen Karriereveteranen (darauf wies er selber hin) selbst ab. Ist er gut drauf, gibt es grandiose Momente mit Kult-Charakter, ist er es nicht, kann es zu ebenso grandiosen Desastern führen. Drücken wir es mal so aus: So gut, wie an diesem Abend war der Meister schon lange nicht mehr drauf.

"Es ist gut, zusammen mit dem Eckermeister wieder in Köln zu sein", begrüßte er das Publikum (der besagte Eckermeister ist Chucks langjähriger Soundtechniker und Full-Service-Tourpartner, der zufällig auch aus Köln stammt). Zusammen mit der aktuellen Besetzung seiner Band Mission Express, zu der neben seiner Partnerin Stephanie Finch dieses Mal ein slowenischer Gitarrist gehörte, dem Chuck fast noch lieber zuhört als sich selbst, wie er zwischendrin erwähnte, brannte an diesem Abend ein beeindruckend allumfassendes Feuerwerk seines Oeuvres ab, das weit über die übliche Präsentation des aktuellen Albums "Night Surfer" hinausging. Auf diesem präsentierte sich Prophet ja zum Beispiel eher als Old-School-Pop-King - mit ausgeliehenen Stones-Riffs, entführten Soul-Grooves, emulierten Beatles-Harmonien und weggelaufenen Beach Boys-Arrangements. Von diesem Ansatz blieb auf der Bühne nicht mehr viel übrig, denn hier war Rock'n'Roll angesagt.

Chuck begann das Konzert demzufolge mit "Rock'n'Roll Heart" und hatte mit den messerscharfen Rock-Versionen der neuen Tracks "Countrified Inner City Technological Man" oder "Ford Econoline" das willfährige Publikum schnell im Griff. Die Aufforderung, beim "Temple"-Song bitte mitzusingen, hätte sich Prophet im Folgenden dann auch sparen können, denn das tat sowieso jeder. Wie gesagt waren die Arrangements auch der neuen Tracks dann für den Live-Vortrag entschlackt worden und Chuck nahm sich viel Zeit, sein Material gitarrentechnisch auszuformulieren. Das noch auf der CD zu beobachtende Drei-Minuten-Popsong-Format spielte da keine Rolle mehr. Zur akustischen Gitarre griff Chuck nur für eine fast nicht enden wollende Version seines alten "Skywriting"-Songs "Summertime". Der Blues - immer ein gern gesehener Gast auf der Mission-Express-Route (der Mission-Express ist ja eine Buslinie aus Chucks Nachbarschaft), wurde auch gelegentlich bemüht, freilich mit der Chuck-eigenen, typischen ironischen Distanz. Letztere findet sich dann auch in Songs wie "Guilty As A Saint" oder "Wish Me Luck" - einem Stück über einen verrückten Bekannten Prophets wieder oder in Tracks, die auch musikalisch mit einem Augenzwinkern zu sehen sind wie "Little Boy / Little Girl", bei dem Stephanie Finch zum ersten Mal ans Mikro gebeten wurde - oder auch bei der ausufernden Version des musikalischen Portraits des Baseball-Stars "Willie Mays", bei dem Chuck sein Unverständnis dem zuweilen ergebnislosen europäischen Fußballsport gegenüber zum Ausdruck brachte. Wie ebenfalls gesagt, waren Chuck und seine Musikanten betont gut drauf und brannten geradezu darauf, ihr Torprogramm möglichst vollständig vorzustellen.

Eine Setlist gab es zwar - doch ignorierte diese Prophet konsequent und mäanderte hemmungslos durch seinen Fundus. Das führte dazu, dass das zweistündige Konzert bis in die geplanten Zugaben ausgedehnt wurde - dann aber natürlich dennoch ein ordentlicher Zugabenblock fällig war. "Das ist ein besonderer Abend heute", erklärte Chuck am Ende - nur um dann, als sich alle schon auf eine sentimentale Lobhudelei gefreut hatten, hinzuzufügen, "denn wir werden nach der Show CDs verkaufen." So ist er nun mal, der gute Chuck - immer für einen Witz auf Kosten seiner Fans zu haben. Gut, dass er in seiner 30-jährigen Karriere niemals so richtig politisch korrekt geworden ist, denn dann wären Konzerte wie solche schließlich kaum möglich.

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Surfempfehlung:
chuckprophet.com
www.facebook.com/chuckprophetofficial
www.jonahtolchin.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Chuck Prophet:
Interview
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