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Konzert-Bericht
 
Against All Odds

Lily & Madeleine
Fabrizio Cammarata/ Shannon Hayden

Köln, Blue Shell
18.11.2014

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Lily & Madeleine
Das fing ja gleich gut an: Bei ihrem offiziellen Deutschland-Debüt und zu Beginn einer auf mehrere Monate angelegten Europa und US-Tour war Lily Jurkiewicz, die jüngere Schwester des angesagten Folkpop-Duos Lily & Madeleine, so richtig schön erkältet. Noch bevor es zum Soundcheck gehen konnte, hatte Madeleine ihrer Schwester bereits mehrere Dosen Erkältungstabletten eingeworfen und nach heißem Wasser für entsprechende Tees gefragt. Wenn also Lily & Madeleine einen Grund gehabt hätten, dem Image zu entsprechen, das sie bislang in zahllosen Live-Videos gezeigt haben - das der brütend ernsthaften Performerinnen mit einem Hang zur Misanthropie nämlich -, dann wäre der zweifelsohne vorhanden gewesen. Doch hier zeigte sich dann die professionelle Einstellung der jungen Damen: Man biss sich dann durch, so gut es eben ging, um auf keinen Fall die Fans zu enttäuschen.
Zunächst ein Mal präsentierte sich die Avantgarde-Cellistin Shannon Hayden dem zahlreich erschienenen und bemerkenswert bunt gemischten Publikum. Shannon begleitet Lily & Madeleine seit einiger Zeit auf Tour, um mit ihrem Cello und einer Mandoline das eigentlich auf das Notwendigste beschränkte Klangbild aus Gitarre, Piano und Gesang ein wenig auszufüllen. In ihrer Eigenschaft als Solo-Künstlerin geht Shannon indes ganz eigene Wege. Die klassisch ausgebildete Cellistin hat sich nämlich entschieden, ihr Instrument auf bemerkenswert unkonventionelle Weise zu entfremden. Mittels Effektpedal, Sampler und Synthesizer macht sie aus dem (elektrischen) Cello eine Art musikalischer Wunderwaffe, die nur noch entfernt nach dem klingt, was man gemeinhin mit einem Cello verbindet. Es geht dabei um das Staffeln rhythmischer Figuren, die mit atmosphärischen Sounds umwoben werden, zu denen sich dann gelegentlich noch sphärischer Gesangspartien hinzugesellen. Das Faszinierende ist dabei, dass man als Zuhörer nach einiger Zeit nicht mehr ausmachen kann, was organisch, was elektronisch, was handgemacht und was gesampelt ist. Leider verzichtet Shannon fast ganz auf melodische Impulse, wodurch die Tracks eine unnötige Unerbittlichkeit aufweisen. Zum Glück verfällt sie dabei aber nicht der Daddelei, so dass das Timing diesen Nachteil dann wieder aufhebt. Das ist jedenfalls Musik, wie man sie nicht alle Tage zu hören bekommt und schon alleine deswegen des Hinhörens wert.

Dann lief da noch ein kleiner, unscheinbarer Mann durch den Raum, der sich freundlich als Fabrizio vorstellte. Das war natürlich niemand anderes als Fabrizio Cammarata, der in Köln oft und gerne auftretende Mann aus Palermo, der auch dieses Konzert durch eine seiner atemberaubend unvorhersehbaren Solo-Shows aufwertete. Fabrizio ist dabei der ideale Anheizer - denn er hat sozusagen für jeden etwas im Gepäck - sei es ein obskurer Gospel-Titel von 1927, einen seiner Rocksongs, wie etwa das hymnische "Northern Lights", das er hier in einem atemberaubenden Parforce-Ritt als Ein-Mann-Band emulierte oder das mexikanische Traditional "Llorona", von dem er so besessen ist, wie er sagte, dass er gerade mit seinem Freund, dem Filmemacher Luca Lucchesi einen eigenen Film darüber dreht. Da das Publikum dem mühelos und aufmerksam folgte, stellte er sich für den letzten Song ohne Mikro an die Bühne und sang unplugged. Kurzum: Fabrizio legte eine Support-Show hin, wie man sie sich einfach wünscht. Das schönste Kompliment machte Fabrizio hingegen Madeleine, die sagte, dass sie und Lily Fabrizios Musik gar nicht gekannt hätten, sich aber nach dieser Show ungemein freuen würden, dass er sie bei ihren Konzerten in Deutschland begleitete.

Lily & Madeleine haben erst relativ spät den Weg auf unsere Bühnen gefunden: Erst nachdem gerade ihr zweites Album "Fumes" erschienen war, ließ sich eine Tour bei uns arrangieren. Insofern waren die Erwartungshaltungen recht hoch. Wie bereits erwähnt, war das Publikum gut gemischt. Es bestand aus jugendlichen Fans, altgedienten Americana-Veteranen, normalen Konzertbesuchern, die sich mal informieren wollten und professionellen Gewohnheitstätern. Madeleine (die verständlicherweise für ihre Schwester die Moderation mit übernommen hatte) zeigte sich angenehm überrascht über diesen Zuspruch an einem eher ungemütlichen Wochentag (der zudem noch ein Fußballspiel als Alternative geboten hätte). Es zeigt sich aber dadurch natürlich auch, dass Lily & Madeleine einen universellen, genre- und generationsübergreifenden Nerv mit ihren perfekt ausformulierten, simplen, aber wunderhübsch inspirierenden Folkpop-Songs getroffen haben. Insbesondere Madeleine war an diesem Abend besonders gut drauf und schaffte es durch ihre ansteckend fröhliche Art selbst ihrer Schwester das eine oder andere Lächeln zu entlocken - wenn auch mit schmerzverzerrter Mine, denn zu der besagten Erkältung gehörten auch Halsschmerzen.

Kommen wir aber mal zur Musik: Was auf den Scheiben durch liebevolle, detailreiche Arrangements umspielt wird, muss im asketischen Live-Setting alleine durch den Gesang wirken. Und das tat es denn auch - in einer kristallklaren, unter den gegebenen Umständen kaum für möglich gehaltenen Brillanz fegten die Schwestern so ziemlich alles weg, was sich da momentan - wie sie - in Sachen Harmoniegesang bemüht. Warum ist das so? Nun, weil die Schwestern instinktiv das richtig machen, was insbesondere viele Geschwister-Harmoniker falsch machen: Sie singen nicht beide genau dasselbe, sondern leicht unterschiedliche Gesangslinien in unterschiedlichen Tonlagen mit unterschiedlichen Timbres. Laut Madeleine kommt das daher, dass sich die Mädels beim Songwriting selbst erst mal eine Melodie finden müssen und dabei dann eben die o.a. Situationen entstehen. Es soll uns aber egal sein, warum das so ist - so lange das Ganze so wunderbar funktioniert. Und noch etwas: Wenn man Lily & Madeleine ärgern möchte, dann muss man sie als "süß" deklarieren. Denn wenn sie - bei aller anheimelnden und verbindenden Harmonie - eines nicht sind, dann ist es "süß". Alle ihre Songs kommen erhaben und mit Tiefgang daher, was natürlich vor allen an den überraschend lyrischen Texten liegt, aber eben auch an den düsteren - oder eben ernsthaften - Zwischentönen, was die Harmonien betrifft. Dass weder Madeleine noch Lily dabei instrumentale Virtuosinnen sind, interessiert am Ende dann wirklich niemanden mehr, denn bei so viel Substanz braucht es kein instrumentelles Feuerwerk. Selten ist weniger mehr gewesen als in diesem Fall.

Das Programm streifte das ganze Oeuvre der Schwestern - sowohl die neue Scheibe, wie auch die Debüt LP und die vorhergehende EP "Weight Of The Globe" - war aber natürlich aufgrund von Lilys Zustand etwas eingedampft worden. "Ihr werdet nachsehen, wenn Madeleine bei den nächsten Songs meinen Part mit übernimmt", kündigte Lily schließlich "Hold On To Now" an (was dann tatsächlich auch ein wenig wackelte), bis dann Madeleine nach Rücksprache mit Lily beschloss, nach "Back To The River" das Konzert abzubrechen, wohl auch um ihre Schwester nicht in die Stimmlosigkeit zu treiben. Das eigentlich geplante "Blue Blades" (laut Madeleine eine Hommage an den "Virgin Suicide"-Soundtrack von Air) musste ebenso entfallen wie etwaige Zugaben. Dafür machte Madeleine am Ende aber noch ihr Versprechen war, jedem die Hände zu schütteln, der das gerne wollte. Das war dann noch ein mal der ideale Abschluss eines - den Umständen entsprechenden - perfekten Konzertabends.



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Surfempfehlung:
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shannonleehayden.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Lily & Madeleine:
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