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Fabelhaft!

Orange Blossom Special 19 - 3. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Garten
24.05.2015

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The Slow Show
In Bezug auf den diesjährigen Surprise-Act war es dem OBS-Team gelungen, diesen bis zum Auftritt geheim zu halten. Da indes Chris Eckman nicht erschienen war, Murder By Death wohl kaum zum zweiten Mal als Surprise Act aufschlagen würden und die Great Crusades gerade nicht auf Tour waren, wohl aber Gisbert zu Knyphausen, war es dann fast schon nicht mehr überraschend, dass dann letzterer zusammen mit der Kid Kopphausen-Band auf der Bühne stand.
Dass sich ein Kreis schließen würde, hatte es im Festival-Flyer geheißen - und das war so zu verstehen: Als Nils Koppruch weiland mit seiner Band Fink zum ersten Mal beim zweiten OBS auftrat, war das der Beginn einer langen Freundschaft, die auch noch andauerte, als Gisbert zum ersten Mal 2008 auf dem OBS auftrat. Auch zwischen Gisbert und Nils entwickelte sich eine solche Freundschaft, die schließlich zu dem gemeinsamen Projekt Kid Kopphausen führte, das tragischerweise durch Nils überraschenden Tod mitten in der ersten Tournee zum Ende kommen musste. Dieser Auftritt Gisberts war dann vor allen Dingen als Hommage an Nils Koppruch zu verstehen. "Gerne wäre ich zusammen mit Nils hier aufgetreten", meinte Gisbert z.B. einleitend - woraufhin dann jemand aus dem Publikum rief, dass Nils doch da sei. Und irgendwie schwebte dann auch der Geist Nils' durch die Gegend - dann auch musikalisch. Hier hatten sich die Musikanten übrigens einiges einfallen lassen und experimentierten mit Gitarren-Synthies und Effektpedalen, dass es eine reine Freude war. Dazu hatten sie die Bühne mit eigens angebrachten Leuchtröhren dekoriert und das Festival-Schwein auf eine sich drehende Disco-Kugel montiert. Das Publikum war jedenfalls begeistert von dem auch stimmungsmäßig sehr schönen Set des mittlerweile wohl OBS-süchtigen Liedermachers.

Einen größeren Kontrast (zu eigentlich auch allem anderen auf diesem Festival) hätte der Auftritt der hyperaktiven Spielkinder von Leoniden kaum darstellen können. Hier gab es weniger musikalisches als spastisches Gezappel zu bestaunen. Das war eine Art von Kinderkram, die selbst für die Kinder im Publikum zu kindisch erschien. (Diese schauten sich lieber die Charity Children an - dazu aber später mehr.) Unterhaltsam war das jedenfalls eigentlich nicht - eher nervig.

Vielleicht diente dieser Auftritt aber auch nur dazu, die Aufmerksamkeit des Publikums auf jenen Teil des kreativen Irrsinns zu leiten, der den Grat zwischen Genie und Wahnsinn in die eine oder andere Richtung ausschlagen lässt. Denn so ganz koscher war das, was Daniel Benjamin und seine Gattin Eleni Zafiriadou dann boten, nämlich auch nicht. Mit Spinett, Kesselpauke, Gong, Led Zeppelin-Gitarre und jubilierend kreischendem Sirenengesang entwarfen Sea + Air nämlich eine mystische Parallelwelt auf der OBS-Bühne. Anders als Leoniden boten Sea + Air allerdings - trotz aller spirituellen und konzeptionellen Eigenarten - musikalisch Ernstzunehmendes zwischen Folkpop, Prog, Grunge und Klassik. Und dann war da noch dieser trockene, anarchische Humor, mit dem Daniel zum Beispiel Stadienrock für einen geplanten Großauftritt übte und Gedichte als Ersatz für die eigene Bandwerbung vortrug: "Wir verändern die Welt mit unsren Songs und eurem Geld... und wenn der Tag sich dem Ende neigt, dann geht doch auf Facebook und liked". Das ist dann schon wieder hohe Kunst.

Wie zuvor schon Alice Phoebe Lou stellte sich auch der nächste Act, die multinationale Truppe Charity Children um das neuseeländische Exilanten-Pärchen Chloe Lower und Elliot McKee als eine Entdeckung heraus, die als Straßenmusikanten auf den Straßen Berlins aufgelesen worden waren. (Vielleicht ist das ja ein Weg aus der A&R-Krise.) Wo an gleicher Stelle zuletzt der Keston Cobblers Club mit einem ähnlichen Ansatz überzeugt hatte, legten die Charity Children noch mal eins drauf. Denn neben einer immens unterhaltsamen, handwerklich beeindruckend elaboriert dargebotenen, abwechslungsreich inszenierten Bühnenshow, boten die Charity Children vor allen Dingen eines: Großartige Songs. In der Tat gehörten die Nummern, die das Sextett aus dem Ärmel schüttelte, zum Besten, was das Festival zu bieten hatte. Insbesondere beeindruckend war dabei das Spektrum, das die Band abdeckte: Vom Liebeslied über Charakterstudien, Mörderballaden, Protestsongs, Pop bis hin zum Kinderlied hatten die Charity Children alles im Gepäck, was diesbezüglich glücklich macht. Damit aber noch nicht genug: Nach ihrem Gig auf der Hauptbühne legten die Charity Children in den folgenden zwei Umbaupausen zwei weitere Gigs auf der Minibühne hin, die zum Besten gehörten, was dort bislang geboten worden war. "In Berlin spielen wir jeden Sonntag acht Gigs", meinte Elliot McKee zum Publikum, "das ist ja hier so ähnlich." Hier versammelten sich dann übrigens auch die bereits angesprochenen Kinder, die dem bunten Treiben mit großer Begeisterung zuschauten. Die Charity Children schaffen es jedenfalls mühelos, alle Altersgruppen anzusprechen.

Derweil hatten sich auf der Mainstage die knorrigen Wood Brothers angeordnet. Chris und Oliver Wood gehören dabei zu jener Sorte Musikanten, die wohl alles schon gesehen, erlebt, getrunken und geraucht haben. Witzigerweise kamen die Brüder erst zusammen, nachdem sie zuvor 15 Jahren getrennt musikalische Erfahrungen gesammelt hatten. Das freilich merkt man dem Spektrum ihres Programmes dann bis heute deutlich an. Denn was die Herren - zusammen mit ihrem Drummer Jano Rix, der gelegentlich auch eine entkernte Gitarre namens "Shitar" als Percussion-Instrument missbrauchte - hier boten, ging weit über das vermutete Blues-Gedödel hinaus, das bei einem solchen Setting gerne des Öfteren entsteht. Neben Blues gab es Rockabilly, Rock'n'Roll, R'n'B, Swing, Folk und Klassik (jawoll: Chris Wood bearbeitete seinen Bass zuweilen virtuos wie ein Cello). Und während Oliver Wood mit schmerzverzerrtem Gesicht den Gitarrenhelden emulierte, lieferte sein Bruder Chris dazu Ausdruckstanz mit Basspartner. Das dann so dolle, dass er den Hals seines Instrumentes mit schwerem Gerät richten musste. "Das habe ich ja noch nie gemacht", rief er dem erstaunten Jano Rix zu.

Eine sehr schöne Überraschung bot dann der Auftritt von Sea Wolf, dem Projekt im den charismatischen Songschmied Alex Brown Church. Und zwar aus einem einfachen Grund: Sea Wolf trat in einer abgespeckten Form auf - ohne Drummer und Bassisten, aber mit der aparten Keyboarderin Lisa Fendelander. Normalerweise führt dies ja zu folkseliger Lagerfeuer-Romantik - jedoch entfalteten die Songs Churchens in diesem (irgendwie betont friedfertigen) Setting ihre majestätische Wirkung erst in voller Blüte. Das mag auch daran liegen, dass das Ganze vollkommen ohne Manierismen, Gesten und Sprüche auskam, sondern sich Church und Co. ganz als Botschafter ihres Materials begriffen. Emotional und atmosphärisch war da wirklich jeder Ton ein Genuss.

"Genuss" wäre nun nicht wirklich der richtige Begriff für das, was der folgende Act bot, gewesen. Kill It Kid standen schon mal auf einem OBS-Plakat - mussten dann aber kurzfristig absagen, weil sich Frontmann Chris Turpin eine Stimmbandentzündung zugezogen hatte. "Was mich nicht wundert, so wie der singt", meinte Rembert hierzu. Es ist nämlich so, dass die Briten den Blues mit der Muttermilch gefressen zu haben scheinen und diesen nun durch den Rockwolf wieder auswürgen. Kurzum: Es gab da die volle Dröhnung und mehr. Auf dem Papier wäre diese ultraharte Attacke auf alle Sinne eigentlich nix fürs OBS gewesen - doch es funktionierte prächtig. Und zwar aus mehreren Gründen: Kill It Kid sind eine ungemein sympathische Band, der die Begeisterung für das eigene Tun ebenso anzumerken ist, wie die allgemeine Freude an der Musik. Sängerin Stephanie Ward wandte sich etwa in passablem Deutsch an die Fans und auch Chris Turpin schien der Kontakt zum Publikum wichtig zu sein. Dann war da dieser unglaubliche Sound: Gewaltig, maßlos hart, und dennoch glasklar und erträglich. Wie man es z.B. hingekommen hatte, bei all dem Gedröhne und Gepoltere die Vocals (insbesondere Stephanies) so transparent in den Mittelpunkt zu stellen, ist schon ein wenig rätselhaft. Und dann war ja da ja noch die Musik: Von Grund auf vom Blues durchzogen, aber immer auch offen für Rock, Grunge und sogar Pop (wenn "Caroline" kein Hit ist, dann gibt es keine). Da war eigentlich stilistisch für fast jeden etwas dabei. Sogar eine akustische Einlage gab es - wie es sich gehört, im heimeligen Sonnenuntergang romantisch akzentuiert. So lässt man sich Blues und Hardrock denn auch gerne gefallen.

Eine erstaunliche Karriere haben The Slow Show aus Manchester im Laufe des letzten Jahres durchlaufen. Erstmals tauchte die sympathische Band um den charismatischen Frontmann Rob Goodwin beim letztjährigen Haldern Pop-Festival auf und begeisterten dort die Anwesenden mit einem hymnischen Auftritt, der dazu führte, dass die Band - alleine durch die Mundpropaganda von allen, die dabei gewesen waren - im Folgenden zu regelrechten Szene-Stars aufstiegen. Dabei sind sie durchaus am Boden geblieben: In Beverungen etwa standen sie den Fans für ein Meet & Greet beim Roadtracks-Stand zur Verfügung und auch für die Presse gab es genügend Gelegenheiten zur Kontaktaufnahme. The Slow Show betreiben dabei jene Art von gediegenem, melancholischem, organischem (aber irgendwie nicht depressivem, sondern friedfertigem) Slow-Core-Pop, der auch Bands wie die Tindersticks dereinst etablierte. Der zunächst stark ausgeprägte Bezug zu The National (nach deren Stück The Slow Show sich die Band benannte) ging im Laufe der letzten Live-Auftritte beständig zurück. Dafür entwickelte die Band eine Methode, ihr Material etwa mittels Disco-Rhythmen attraktiver und lebhafter zu gestalten - so auch in Beverungen. Frontmann Rob Goodwin sucht während des Auftrittes immer wieder den Kontakt zum Publikum (etwa indem er dieses auch anschaut, anstatt ins Leere zu blicken wie viele seiner Kollegen) und hat es sich zur Angewohnheit gemacht, verdiente Persönlichkeiten (etwa Rembert) von der Bühne mit Handschlag zu begrüßen. Der emotionalste Moment des Auftrittes war dann der, als Goodwin das Publikum zu bewegen konnte, gemeinsam das Mantra der Slow Show Hymne "God Only Knows" mitzusingen: "Everybody's Home Now" hallte es da aus 1.000 Kehlen. Nun ja: Als hätten wir das nicht alle sowieso gewusst...

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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