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Konzert-Bericht
 
Mord in der Kirche

Moriarty

Köln, Kulturkirche
10.06.2015

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Moriarty
Bereits zum wiederholten Male waren Rosemary Standley und ihre Jungs zu Gast in der Kölner Kulturkirche - und das aus gutem Grund, denn es handelt sich hierbei um die Lieblingsgruppe von Pastor Thomas Diederichs, der natürlich auch diesen besonderen Abend entsprechend mit seiner Ansage einleitete. Moriarty können sich dabei auf ein gereiftes Publikum verlassen, das zum größten Teil aus älteren Musikfreunden besteht, die sich in ihrem Metier auskennen und nicht aufgrund von Feuilleton-Empfehlungen zu Konzertveranstaltungen gehen (der Rest des Publikums besteht wohl aus Franzosen, die deswegen kommen, weil Moriarty von Frankreich aus operieren).
Das hängt wohl auch damit zusammen, dass Rosemarie kein junges Mädchen, sondern eine gestandene Frau ist, die es sich mit ihrer souveränen Bühnenpräsenz leisten kann, Songs wie Hank Williams' "Ramblin' Man" auch zu spielen, ohne etwa erzählerisch das Geschlecht wechseln zu müssen. Überhaupt gelingt es Rosemary mühelos, in verschiedenste Charaktere zu schlüpfen - etwa in die von Rosemary Moriarty, die eines Kindes, das zwischen den streitenden Eltern steht, eines Schwarzbrenners, eines Büffelhäuters, eines Mörders und natürlich in eine Vielzahl namentlich verewigter Charaktere, die das Moriarty-Universum nun mal bevölkern. Anfangen durfte indes erst mal Arthur Gilette, der in die Rolle des Adams schlüpfte. "Hi, mein Name ist Adam - soll ich diesen Apfel essen?", fragte er auf Deutsch und biss dann in einen bereitgehaltenen Apfel, den er indes gleich wieder ausspuckte, als er den Song "The Dying Crapshooter Blues" von dem stark propagierten "Fugitives"-Album intonierte (während das 2013er Werk "The Missing Room" bis auf zwei Zugaben-Tracks ausgespart wurde).

Danach ging die Party dann aber richtig los. Moriarty spielten die meisten Tracks des neuen, brillanten Albums "Epitaph", das zumindest musikalisch alles andere als ein Nachruf ist. Das Ganze wurde auch nicht so blueslastig vorgetragen, wie es auf der Konserve der Fall ist. Das lag zum einen am Einsatz des schwer bewaffneten Harmonika-Spielers Thomas Puéchavy, der seine Instrumente kiloweise in einem Handwerker-Gürtel um die Hüften trug und schon mal die eine oder andere Harmonika wegwarf, wenn sich die Tonlage wechselte; der aber vor allen Dingen mit seinem umsichtigen Spiel, das zwischen soundtrackmäßiger Unauffälligkeit und brillanten Soli-Passagen schwankte, dafür sorgte, dass die Szenerie schön ausgewogen geriet. Ansonsten gefielen Moriarty mit einem beinahe archaischen Sound-Design. Es fragt sich schon, wie die Band mit eigentlich konventionellen Instrumenten ein so unkonventionelles, ja gar bewusst schrottiges Klangbild hinbekommt. Nun - etwa indem sie ihre Instrumente gerne mal mit Handwerkzeugen wie Schraubenziehern oder Feilen bearbeiten. Und indem sie auf allem herumklopfen, was irgendwie klingt - etwa umgedrehte Kochtöpfe, Bügel, Beine (also mit Löffeln) oder Koffer. Und daran, dass sie auch gerne mit einem Harmonium, einer Maultrommel oder - im Falle des Gitarristen Stephan Zimmerli - einer historischen Dobro mit Holzkorpus hantieren. Das alles ergibt den eigentümlichen Moriarty-Sound, in dem sich Rosemary Moriarty als klassische Diva frei herumbewegt und mit ihrer charakteristischen Stimme mit klassischem Billie-Holiday Timbre, fein gesteuertem Vibrato und jeder Menge Blues-Sustain den Stempel aufdrückt.

Ausgewählte Coverversionen wie eben "Ramblin Man", Woody Guthries "Buffalo Skinners" oder das als Hommage an Alan Lomax zu verstehende, auf Louisiana-Französisch vorgetragene "Belle" sowie mehrere Passagen, in denen sich die Band klassisch und akustisch um ein einzelnes Mikrophon versammelt, runden das Bild einer Moriarty-Show ab - und zeigen auch den respektvollen, originären Umgang mit der ursprünglichen amerikanischen Musikkultur. Und dann gibt es natürlich noch Passagen, in denen insbesondere Arthur B. Gilette sich als fanatischer Prediger outete, und die eher etwas von einer Gospel-Messe als einer klassischen Konzertsituation haben - oder zumindest einer Art Party. Nebenbei erfuhr man dann etwas über die Inhalte der Tracks, die Rosemary als klassische Storytellerin aber eh mit deutlicher Diktion vortrug. Arthur ergänzte noch, dass er Thomas Diederichs vor dem Konzert gefragt habe, ob es denn neben dem Herrgott nicht auch einen Teufel geben müsse und dieser dann - vorbehaltlich eines Verständnisproblems - dieses verneint habe und meinte, dass die Menschen der Teufel seien. Was gut zu dem Track "History Of Violence" passte, da es hier um die Finanzwelt ginge. Indes gab es da ja noch andere Titel, die inhaltlich nicht so recht zu der Kirchen-Situation passen wollten - "Long Live The Devil" etwa, "G.I. Jesus" oder auch die Mörderballade um "Little Sadie". Da mussten dann aber alle durch. Nicht mit schenkelklopfendem Humor zwar, aber einer Prise Ironie, denn Moroarty nehmen ihr Metier zu ernst, um es ins Lächerliche zu ziehen. Insgesamt zeigten sich Moriarty bei all dem als betont einfallsreiche, vielseitige Musikantenschar, die keine Gelegenheit ausließ, die brillanten Songs mit liebevollen kleinen Details anzureichern, die dieses Konzert von der ersten bis zur letzten Sekunde zu einem Hochgenuss für Freunde handgemachter, traditioneller Sounds, die ausnahmsweise eben mal nicht im Retro-Mief versackten, werden ließ. Dabei zeigten Moriarty mehr Verve und Einfallsreichtum als manche US-Kapelle - obwohl sie ja nun grundlegend amerikanisches Liedgut verwalten. Manchmal ist der Blick von außen halt doch ganz hilfreich.

Zum Schluss gab es im Zugabenblock dann noch eine Akustik-Session, bei der das Publikum mit Drummer Vincent Talpaerts Frage, ob denn alle ihre Finger dabei hätten, zum Schnippvieh gemacht wurde. Hier gab es dann noch einige schöne Charakterstudien: "Isabella", "Milena" und dann auch endlich der Publikumsfavorit "Jimmy" vom ersten Album, bei dem dann alle zusammen lauthals den Büffel-Song sangen. Fazit: Als Konzertereignis war diese Show - insbesondere die schiere musikalische Qualität betreffend - in diesem Jahr bislang unübertroffen.

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Surfempfehlung:
www.moriartyland.net
www.facebook.com/moriartytheband
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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