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Konzert-Bericht
 
Unter Wasser

Rachel Sermanni
Tom Terrell

Köln, Blue Shell
10.09.2015

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Rachel Sermanni
Als Wiederholungstäterin am gleichen Ort präsentierte sich Rachel Sermanni erneut im Kölner Blue Shell, nachdem sie bereits im letzten Jahr hier gespielt hatte. Zwischenzeitlich hat sich indes einiges getan: Rachel hat die Zeit genutzt, ein paar Brocken Deutsch aufzuschnappen und so gelang es ihr, die Zwischenansagen teilweise in sympathischem Pidgeon-German zu gestalten. Des Weiteren hatte sie dieses Mal eine auch offiziell veröffentlichte LP - "Tied To The Moon" - im Gepäck. Vor allen Dingen aber - und das schien ihr fast noch wichtiger zu sein - hatte sie zwischenzeitlich den Führerschein gemacht (auf den sie im letzten Jahr noch hinarbeitete) und sich einen Van namens "Phoebe" gekauft, mit dem sie und ihre beiden Mitstreiter, der kanadische Songwriter Tom Terrell und die Pianistin Jennifer Austin, in der Nacht zuvor von Hamburg nach Köln kutschiert waren.
"Deswegen fühle ich mich jetzt auch wie unter Wasser", erklärte Tom Terrell, der nicht nur bei Rachels Set als Drummer und Gitarrist tätig war, sondern auch in eigener Sache als Support Act. In der Tat machte Terrell einen weitestgehend desorientierten Eindruck, wie er sich da umständlich in sein Set hineinarbeitete - wobei man als Zuhörer zunächst gar nicht ausmachen konnte, ob er schon angefangen hatte, ob oder er seine Gitarre stimmte oder gar das Equipment ausprobierte. "Ist heute Dienstag?", fragte er aus spirituellen Gründen und schien dann beruhigt, als es sich herausstellte, dass es tatsächlich ein Donnerstag war. Terrell ist einer jener Kanadier, die zwar an der Ostküste aufgewachsen sind, dann aber an der Westküste in Nova Scotia Fuß gefasst haben. Vielleicht hat er deswegen - wegen der topographischen Nähe - eine besondere Affinität zu Appalachischem Folk entwickelt, dem er in seinem Vortrag denn auch eine gewisse Vorzugsstellung einräumte. Des weiteren liebe er den Blues, meinte er, weswegen er den Titel "In The Evening" des Ur-Bluesers Big Bill Broonzy (der in Fachkreisen gerne als Mitbegründer des elektrischen Blues und Erfinder des "Power Trios" gefeiert wird) im Programm hatte. Merkwürdigerweise spielte er den Song genauso unstet und rhythmisch freistilig wie der Meister selbst bei seinen akustischen Live-Auftritten. Ansonsten pflegt Terrell bei seinem eigenen Material die solide US-geprägten Americana-Mörderballade. Bei seinem Auftritt erweiterte er das Klangspektrum seiner akustischen Gitarre um einige Effekte und bat schließlich Rachel hinzu, ihn bei einigen Songs mit ihrer Mandoline und als Sängerin zu unterstützen. Zweifelsohne funktionierten diese Tracks - wie z.B. die als Singe veröffentlichte Nummer "Ghost Town" - in diesem Format am besten, denn Terrell und Rachel ergänzten sich gesanglich hervorragend - und sogar noch effektiver als Rachel im folgenden mit Jennifer Austin.
Nach einer viel zu langen Umbaupause - in der faktisch nichts umgebaut wurde - ging es dann endlich mit dem eigentlichen Hauptereignis los. Wie das so ihre Art ist, spielte Rachel munter und ungezwungen drauflos, begann mit einer Solo-Mandolinen-Nummer, ließ altes und neues Material einfließen und ließ es sich nicht nehmen, auch immer wieder Nicht-Album-Titel zu spielen. Dabei erzählte sie zwischen den Stücken ohne Punkt und Komma drauflos - und obwohl dabei eigentlich nichts sinnvolles herauskam (geschweige denn echte Stories), fühlte man sich als Zuhörer - durchaus auch aufgrund von Rachels sympathisch nerdiger Art - bestens unterhalten. Rachel Sermanni ist eine von uns, war dabei des Pudels Kern der Erkenntnis.

Kommen wir aber mal zur Musik: Bislang war Rachel Sermanni ja verlässlich in Sachen Folkpop unterwegs - zwar immer wieder durchzogen von geradezu jazzigen, anspruchsvollen Passagen, aber immerhin. Spätestens mit "Tied To The Moon" hat sie sozusagen den Charme der Rockmusik für sich entdeckt. Damit ist nicht gemeint, dass Rachel Sermanni nun einen Powerchord nach dem anderen raushaut und sich die Seele aus dem Leibe brüllt, sondern dass ihre Songs strukturell zuweilen einen ganz anderen Charakter annehmen, als jenen, den man bislang gewohnt war. Dazu gehört eben auch, dass Tom Terrell dann eben als Drummer punktuell auch mal vom Leder ziehen durfte und Rachel selbst ihre - nach wie vor akustische Gitarre - ungewohnt rhythmisch bediente. Dabei werden dann Tracks wie z.B. "This Love" mit einer gewissen Unerbittlichkeit mantraartig aufgebohrt. An einem regelgerechten Drone fehlt dann eigentlich nicht viel mehr. Und wenn Tom Terrell nicht hinter dem (übrigens eigens handgefertigten) Drumkit saß, dann steuerte er mit seinem Effektpedal psychedelische Klangwände hinzu. Das Ganze war dann - selbst unter dem Gesichtspunkt, dass es ja immer lobenswert ist, wenn sich Musiker kreativ weiter entwickeln - zunächst mal gewöhnungsbedürftig. Letztlich rettete Rachel das Ganze dann aber doch irgendwie - einfach deswegen, weil sie das neue Material mit der gleichen Intensität darbot, wie die betreffenden zerbrechlichen Folksongs und vor allen Dingen, weil es ihr gelang, das Publikum auf ihrer musikalischen Entdeckungsreise mitzunehmen.

Dennoch - und keineswegs deswegen, weil die alten Sachen ja immer besser sind als die neuen - überzeugte Rachel mehr mit den besagten Folk-Nummern vom Schlage "Sleep", "To Wait To Wit To Woo" oder auch dann, wenn sie - wie z.B. im Falle von "Wine Sweet Wine" einen auf der Scheibe druckvoll inszenierten Titel in das gewohnte, asketische Akustikgenre zurückholte - und zwar weil hier mehr Emotionalität zum Tragen kam. Kühle Kopfarbeit ist nicht so Rachels Ding. Insgesamt gefiel aber auch dieses Konzert von Rachel Sermanni außerordentlich gut - einfach auch deswegen, weil die Gute sich wesentlich volksnäher gibt als viele der oft ein wenig blasiert erscheinenden Kolleginnen, die einen ähnlichen Ansatz verfolgen wie sie.



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Surfempfehlung:
www.rachelsermanni.net
www.facebook.com/RachelSermanni
tomterrell.ca
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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