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Konzert-Bericht
 
Weihrauchalbtraum

Chelsea Wolfe
Urfaust

Köln, Club Bahnhof Ehrenfeld
30.10.2015

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Chelsea Wolfe
Wer stilistisch so dermaßen zwischen allen Stühlen sitzt wie Chelsea Wolfe, der muss zusehen, woher er seine Fans bekommt. Und so setzte sich dann das Publikum, das z.T. von weit her angereist war, um das ausverkaufte Konzert von Chelsea Wolfe im Kölner Club Bahnhof Ehrenfeld zu begutachten, dann sozusagen aus Leihgaben diverser Sub-Genres wie Black Metal, Goth, Indie, Punk und vielleicht sogar Krautrock zusammen. Auf diese Weise gab es dann einen netten Prä-Halloween-Nachtschattenmix, der letztlich auch sehr gut zu dem allgemein düsteren Tenor des Abends passte.
Als Support hatte man das holländische Duo Urfaust verpflichtet. Rein stimmungsmäßig passten die beiden Herren recht gut zum Thema des Abends - musikalisch allerdings hatten sie nicht viel zu bieten. Die Spezialität von Urfaust ist eine Art verschleppter Slow-Core Doom-Metal-Ersatz. Zwar hat sich IX (Villem) als Vokalist dabei keineswegs dem Screamcore-Ansatz verschrieben - aufgrund des allgemein schwammigen Soundmix kam aber dennoch nicht mehr als Gegrunze und verwaschene Wortfetzen im Auditorium an. Aber insbesondere an musikalischer Finesse gebrach es den Herren: IX tastete zwar eifrig auf dem Griffbrett herum - mehr als monotones Gedröhne war aufgrund der schwer verzerrenden Gitarreneffekte aber dennoch nicht zu vernehmen. Drummer VRDBR (bitte mit den fehlenden Vokalen denken) hatte dann gar Mühe, die simplen Polterrhythmen durchgängig im Beat zu halten. Das ganze wirkte dann in Anbetracht der salbungsvollen Stimmung, die Urfaust offensichtlich anstreben (und hierzu zusätzlich zum Kunstnebel nicht etwa Räucherstäbchen, sondern echten Weihrauch bemühen), fast schon unfreiwillig komisch. Zu sehen war das alles nur andeutungsweise, denn das Beleuchtungskonzept des ganzen Abends war - dem Anlass entsprechend - eher negativ ausgerichtet (also insofern man mit Leuchtquellen überhaupt negative Effekte erzielen kann, wenn es nach dem Einschalten der Beleuchtung dunkler ist als vorher - was aber durchweg gut erreicht wurde).
Leider änderte sich das auch bei dem Auftritt von Chelsea Wolfe nicht wesentlich. Lediglich das Bühnen-Backdrop wurde zuweilen intensiver angestrahlt, so dass die Protagonisten manchmal zumindest als Schattenrisse zu sehen waren. Auch das passte dann irgendwie zum Thema: Auf ihrem aktuellen Album "Abyss" hat es sich Chelsea Wolfe ja bekanntlich zur Aufgabe gemacht, den Zustand zwischen Wachen und Träumen musikalisch greifbar zu machen. So etwas geht natürlich besser, wenn man dabei auf unverbindlichere Elemente setzt, als auf schwere Gitarrenriffs. (David Lynch ist z.B. ein Meister dieser Kunst.) Und hier fiel dann auf, dass die auf den Studioproduktionen zuweilen sogar dominierenden elektronischen Elemente bei der Live-Umsetzung von Chelsea und ihren Musikern eher stiefmütterlich behandelt werden. Zwar stand für Bassist Ben Chisholm ein Keyboard bereit, das jedoch nur selten zum Einsatz kam und das mächtige Effektpedal von Chelsea selbst (das unter anderem auch einen - freilich ebenfalls sparsam eingesetzten - Sampler enthielt) wurde eher punktuell bemüht. Was es gab, waren elektronische Basslinien, hin und wieder flächige Orgelsounds und ein wenig E-Bow von Gitarristin Aurielle Zeitler. Akustische Gitarren, wie sie auf der Scheibe z.b. auf "Crazy Love" zum Einsatz kommen, gab es natürlich gar nicht. Dahingegen wurde mächtig Druck mit den dynamischen Elementen gemacht.

Kurzum: Wenn es darum ging, eine traumähnliche Stimmung darzustellen, dann konnte es hier nur um Albträume gehen. (Kein Wunder, dass "Carrion Flowers", der Opener und die erste Single des Albums, als Titelmotiv des Trailers zu "Fear Of The Walking Dead" durch die Gegend geistert.) Aber Chelsea sagt ja auch, dass sie eher mit Schlafproblemen als mit Traumgebilden zu kämpfen habe - das passte dann wieder. Interessant in diesem Zusammenhang war dann noch der Umstand, dass die eher melodischen Elemente - beispielsweise in "Iron Moon" - in diesem Umfeld keineswegs verloren gingen. Zwar sind Chelsea Wolfe und ihre Musikanten keineswegs als Pop-Band geeignet, aber das alleinige Abarbeiten von Drone-Zuständen auf Zwei-Akkord-Basis kann man ihnen auch nicht vorwerfen. Ganz im Gegenteil: Das Sounddesign war angesichts dessen, auf was alles verzichtet wurde (unter anderem auch die Folk-Elemente der Vergangenheit und die Blues-Sprengsel des letzten Albums "Pain Is Beauty"), doch sehr abwechslungsreich und - nun ja - dynamisch angelegt. Das hing auch damit zusammen, dass ihre Musiker - allen voran Drummer Dylan Fujioka - relativ spielfreudig zur Sache gingen.

Nachdem das gesagt ist, muss allerdings noch darauf hingewiesen werden, dass der Vortrag an sich dann doch eher eine autistische Angelegenheit war. Es ist ja schon klar, dass es in diesem Umfeld nicht darauf ankommt, mit dem Publikum zu kommunizieren oder sonstwie in Kontakt zu treten, aber es fiel dann doch auf, dass auch die Musiker untereinander nicht miteinander kommunizierten, sondern - jeder für sich - in ihrer eigenen Parallelwelt agierten. Nur ab und an legte Chelsea ihre Gitarre beiseite und konzentrierte sich dann ganz auf den Gesang. Und hier leistete sie sich dann ein Mal sogar einen Ausflug zum Bühnenrand und fixierte dann auch die Zuschauer in der ersten Reihe auf Augenhöhe. Als ihr dann ein Sampler-Einsatz besonders gut gelang, leistete sie sich schließlich sogar ein verstecktes Lächeln. Nun ja: Auch Kunstfiguren wie Chelsea Wolfe sind ja schließlich am Ende auch nur Menschen, die gelegentlich Spaß an ihrem Tun haben - und sei es auch noch so nihilistisch ausgelegt. Am Ende präsentierte sich Chelsea Wolfe an diesem Abend weniger als Crossover-Künstlerin, denn als klassische Nachtfee mit schwarzer Seele. Der immense Zuspruch, den sie mit ihren Live-Shows erfährt, zeigt dann aber auch, dass sie damit genau richtig liegt.

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Surfempfehlung:
www.chelseawolfe.net
www.facebook.com/cchelseawwolfe
www.facebook.com/urfaustofficial/
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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