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Konzert-Bericht
 
Park Armageddon - es lohnt sich!

David Blair
Brett Newski

Köln, Die Lichtung
03.11.2015

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David Blair
Auch Künstler müssen irgendwo parken. Das erfuhren auch der US-Amerikaner Brett Newski und sein in Berlin lebender Kollege, der Kanadier David Blair, bei ihrem Besuch in der Kölner Lichtung am eigenen Leibe. Denn hier ist nicht gut parken. Und so dauerte es dann eine ganze Weile - während der die Zuschauer schon eingetrudelt waren - bis Newski selbst sein persönliches "Park-Armageddon" hinter sich gebracht hatte und eigentlich zu spät kam. Aber - so meinte David Blair, der in seinem zweijährigen Aufenthalt in Berlin die wesentlichen Bestandteile der deutschen Sprache bereits absorbiert hat, in Anlehnung an den Werbeslogan eines großen, deutschen Discounters in einem anderen Zusammenhang: "Es lohnt sich!"
Blair und Newski hatten sich irgendwann über gemeinsame Bekannte kennengelernt und als Newski seine "Hi-Fi DIY"-Tour (in Anlehnung an seinen Independent Status und eine soeben veröffentlichte EP) zu Ehren der Präsentation seines Debütalbums auch in unseren Breiten etablieren wollte, zeigte sich der Mann aus Vancouver, der bereits über diesbezügliche Erfahrungen verfügt, erbötig, den Kollegen aus Milwaukee bzw. Chicago bei der Organisation dieser Tour behilflich zu sein und als Partner gleich selbst mitzumachen. Das lohnte sich ebenfalls insofern dann auch, als dass Blair bereits über eine entsprechende Fanbasis verfügt, während Newski sich erst noch eine aufbauen muss.
Brett Newski, der seine musikalische Laufbahn übrigens bemerkenswerterweise in wesentlichen Teilen bei einem langjährigen Aufenthalt in Südost-Asien bzw. Vietnam begonnen hat, gehört zur Gattung der "Folk-Punker". Seine LP heißt also nicht zum Spaß "Folk-Armageddon" und bietet - wie auch der Live Auftritt - vor allen Dingen eine recht beherzte Herangehensweise als das ansonsten eher zurückhaltende Folk-Genre. Im Grunde genommen sind die Songs, die Newski auch in der Lichtung spielte, Rocksongs im Schafspelz. Dem Soundtechniker der Lichtung (der ja auch auf die diesbezüglich leicht zu beeindruckende Nachbarschaft achten muss) war das, was Brett da präsentierte, jedenfalls immer gleich zu laut. "Sorry, wenn ihr Rock mögt", entschuldigte sich Newski, griff aber dennoch stets konkret in die Saiten und scheute auch keineswegs die Nutzung eines mitgebrachten Verstärkers und einer beeindruckenden Sammlung aus Effektgeräten (darunter ein Harmonizer, mit dem er nicht nur seinen Gitarrensound, sondern auch die Vocals mächtig aufpimpte).

Wie gesagt spielt Newski im Grunde genommen Rocksongs - auch dann, wenn er sich unverstärkt ins Auditorium begibt, was er durchaus einige Male tat. Er hat auch als Kompositeur durchaus ein Händchen für knackige Hooklines und griffige Refrains wie gleich die ersten beiden Songs, die Single-Titel "Black Taxi Car" von der besagten EP und "Dirt" vom Album belegten. Potentielle Hits kann Brett also. Dabei versteht er sich keineswegs als bloßer Liedermacher, sondern vor allen Dingen als gutgelaunter, mitreißender Performer, dem ein guter Spruch mindestens so wichtig ist, wie ein straighter Vortrag. Wer Live-Konzerte als tongetreue Reproduktion der zugrundeliegenden Studio-Aufnahmen begreift, ist jedenfalls bei Newski an der falschen Adresse. Da wird ordentlich vom Grundgerüst abgewichen und höchst lebendig interpretiert. Woher Brett das hat, räumte er auch unumwunden ein: Die Violent Femmes, eine der Ikonen und Gründerväter des Indie-Folkpop, kommen immerhin aus seiner Nachbarschaft. So konnte er z.B. den ehemaligen Femmes-Drummer Victor Delorenzo gewinnen, sein Material zu produzieren und wurde vom Femmes-Bassisten auf dessen Festival in Tasmanien im Januar eingeladen. Dafür bedankte er sich hierfür sozusagen mit einer Coverversion von "Blisters In The Sun" (wobei er auch gleich Kenner der Materie aus dem Publikum als Klatschvieh einband). Die andere Coverversion des Abends stammte von Chuck Ragan, einem anderen Idol Bretts. Das äußert sich übrigens auch darin, dass Brett und sein Techniker Dan ihr in Berlin für diese Tour erworbenes Fahrzeug gleich Chuck Ragan getauft haben. Wer sich übrigens für das Leben eines weitgereisten Folk-Parkers interessiert, der kann sich Bretts YouTube-Channel "Crusty Adventures" reinpfeifen, auf dem das Leben auf der Tour in aberwitzigen Kurzvideos anschaulich illustriert wird. Damit aber noch nicht genug: Brett spielte als Live-Weltpremiere auch gleich den ungefähr 20-Sekündigen Titelsong von "Crusty Adventures" erstmals vor Publikum und improvisierte dann mit Dan als Luftgitarristen ein echtes Crustys Adventure live.

Und dann gab es noch ein Premiere: Schwer beeindruckt von der Parksituation improvisierte Brett immerhin anderthalb Songs über die Domstadt. Er selbst meinte dann, das Publikum möge seinen Kindern und Kindeskindern davon berichten, der Genese des schlechtesten Songs der Welt beigewohnt zu haben. Auch ansonsten war Newski bemüht, das Publikum so weit wie möglich einzubinden. Nicht nur durch Aufforderungen, mitzusingen, sondern auch durch direkte Ansprache oder das Einbinden lokaler Biermarken in seine Textgebilde. Insgesamt war das ein immens unterhaltsamer Auftritt, wie man sie sich wahrlich öfters von Solo-Künstlern wünschte. Als One-Man-Band jedenfalls macht Brett Newski so schnell niemand etwas vor.

Was Brett allerdings energietechnisch vorgelegt hatte, toppte David Blair im Anschluss noch mal locker: Er hatte sich z.B. einen lustigen Hut aufgesetzt und ein Kragenmikro umgeschnallt - weil er beim Vortrag nicht stillstehen könne. Tatsächlich tanzte Blair bei jedem Song wie ein Derwisch über die Bühne. Überhaupt scheint der Mann an Adrenalinüberschuss zu leiden - jedenfalls sagt er von sich selbst, dass er ständig unter Hochstrom stehe. (Daran war in diesem Fall wohl auch der gute Cappuccino aus der Lichtung schuld, von dem Blair sagte, er sei wie eine Mischung aus Red Bull und Kokain.) Blairs Songs sind - im Vergleich zu Bretts düster/knackigen Rausschmeißern - wesentlich sonniger und poppiger angelegt - was wohl dem Gemüt des Kanadiers zuzurechnen ist, denn dieses ist offensichtlich auch sonnig. David zog seinen musikalischen Mehrwert an diesem Abend aus dem Umstand, dass er als Kanadier ja gewisse Alleinstellungsmerkmale gegenüber US-Amerikanern zu vertreten habe. Viel blieb da allerdings nicht, denn es ist so, dass sich Kanadier nur in gewissen Punkten von ihren Nachbarn unterscheiden, wie er erklärte. So kannte er z.B. nicht die Bedeutung der Abkürzung "D.I.Y." für "Do It Yourself" und er räumte ein, dass Kanadier daran zu erkennen seien, dass sie ständig "ey" sagten (was etwa im Sinne des Berlinerischen "wa" verwendet wird, wa?). Und Kanadier können besser Eishockey spielen als US-Amerikaner, was Blair dann auch gleich mit einem Song feierte. Insgesamt waren allerdings die Geschichten, die Blair zwischen seinen Songs erzählte (und mit denen er diese z.T. erklärte) fast noch unterhaltsamer als die Songs selbst. Dabei outete sich der Mann als äußerst sympathischer und produktiver Zeitgenosse, der jeden Sonntag einen Song schreibe - sogar auf Wunsch (man möge ihn ruhig fragen: Es lohne sich!) - und der auf seinen CDs bis zu 18 Titel versammelt. In der Lichtung nutzte er des Weiteren die Möglichkeit, an dem dort vorhandenen Piano einige Songs zum Besten zu geben - und dabei munter weiter mit dem Publikum zu plaudern, obwohl er mit dem Rücken zu selbigem saß.

Insgesamt hatten sich hier zwei - doch recht unterschiedliche - Musikanten gefunden, die aber beide das Herz auf dem rechten Fleck haben und sich somit am Ende trotz der verschiedenen musikalischen Zielrichtung eher ergänzten.



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Surfempfehlung:
www.davidblairsongs.com
www.facebook.com/DavidBlairOfficial
brettnewski.com
www.youtube.com/user/brettnewski
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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