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Sind so viele Worte...

Joanna Newsom
Alasdair Roberts

Köln, Kulturkirche
06.11.2015

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Joanna Newsom
Zugegeben: Der Rahmen in der Kölner Kulturkirche mag ja heimeliger und pittoresker sein als der ganz banaler Konzert-Venues und somit eigentlich sehr gut geeignet für das leicht spirituell geprägte Setting eines Joanna Newsom-Konzertes - allerdings war das Interesse an der Show, die Joanna anlässlich ihrer Tour zum aktuellen Album "Divers" angesetzt hatte, dann doch etwas zu groß dafür; zumal man sich dafür entschieden hatte, die Kirchenbänke trotz des großen Andrangs im Auditorium zu lassen. Das führte dann zu einer gewissermaßen angespannten Situation, im Rahmen derer sich dann die Fans - insbesondere bei dem Auftritt von Joanna Newsom und ihrer Band - auch in den Gängen zwischen und neben den Bänken versammelten, um etwas von dem Geschehen auf der Bühne mitzubekommen.
Zunächst ein Mal durfte jedoch wieder mal der Schotte Alasdair Roberts ran, der im letzten Jahr bereits Bill Callahan an gleicher Stelle supported hatte. Zugegebenermaßen passte sein klassischer Retro-Folk aber musikalisch besser zu dem, was Joanna Newsom im Folgenden bieten sollte. Dabei zelebrierte Roberts mit stoischer Gelassenheit seine Passion: Das Emulieren klassischer Folksongs auf seine ureigene Art. Während Roberts weiland zunächst angefangen hatte, originäres Folkmaterial aufzubereiten, kam er irgendwann ein Mal dazu, auch eigene Songs zu schreiben. Auf seinen zahlreichen Scheiben näherte er sich dabei in Sachen Produktionsweise und Instrumentierung auch irgendwann der Jetztzeit an - auf der Bühne versteht er sich indes als typischer Troubadour. Mit geschlossenen Augen arbeitet er sich dabei durch seine hochkomplexen Kompositionen und bringt dabei auf der Gitarre Erstaunliches zu Gehör. Die Tonfolgen sind dabei zuweilen dermaßen kompliziert, dass man als Zuschauer Angst hat, Roberts könnten, bei dem Bemühen, die melodisch äußerst ansprechenden, mittelalterlich anmutenden Weisen aus dem Griffbrett seiner Gitarre hervorzukitzeln, gar die Finger abbrechen. Das tun sie natürlich nicht, denn Roberts ist ein gewiefter Techniker, der indes sein Material weniger filigran als vielmehr druckvoll und greifbar präsentiert - auch wenn er als Performer eher einen zurückhaltenden Eindruck hinterlässt. Auch schön ist die Diskrepanz zwischen seinen Ansagen - bei denen er immer wieder betont, dass es sich um neue Songs handele - und der fast mittelalterlichen Anmutung seines Materials.
Wie gesagt: Das passte dann ganz gut zu dem, was Joanna Newsom mit ihrer Band dann fabrizierte. Das neue Album "Divers" überraschte ja unter anderem durch die musikalische Vielseitigkeit, mit der die Künstlerin ihr Harfen-Universum aufgebohrt hatte. Um das live adäquat umsetzen zu können, setzte sie auf die bewährte Qualität ihrer kongenialen Musiker, die man bereits von Joannas vorangegangenen Projekten kannte. Dabei überraschte dann doch aber die heitere Gelassenheit, mit der Ryan Francesconi, Mirabai Peart und Pete Newsom die unterschiedlichsten Instrumente (Gitarre, Geige, Viola, Mandoline, Banjo, Drums, diverse Keyboards und etliche unterschiedliche Blasinstrumente) bedienten und - wie ihre Herrin auch - ständig zwischen den Positionen hin und herwechselte. Joanna hatte ihnen zudem mehr Raum gegeben, als das bislang üblich war. Dieses Anliegen schien ihr auch besonders wichtig zu sein, denn sie bat den Haustechniker eigens, die Beleuchtung auf alle Musiker auszurichten (die ansonsten im Halbdunkel gesessen hätten). Besonders interessant waren in diesem Zusammenhang Mirabai Pearts Gesangsbeiträge, die sie mit klassischem Sopran absolvierte, so dass Joanna Newsoms Vocals im Vergleich teilweise tatsächlich tiefer klangen - was gewissermaßen aufhorchen ließ, denn schließlich ist Joanna Newsom eher für ihre himmelhoch jubilierende, zuweilen gar schrille Kinderstimme bekannt.

Insbesondere als Sängerin hat sich Joanna aber im Laufe der letzten Jahre offensichtlich ordentlich weiterentwickelt. Nicht nur, dass sie das hochmelodische Material insbesondere der neuen Tracks von "Divers" mit einer heiteren Gelassenheit durch die verschlungendsten harmonischen Wendungen steuerte: Sie hatte auch ihre Gesichtsmimik in den Griff bekommen, die noch auf ihrer letzten Tour für eigenartige Befremdlichkeit gesorgt hatte, da sie immer wieder zu unfreiwillig komischen Grimassen geführt hatte. Vielleicht hängt das ja mit ihrem Ausflug ins Schauspieler-Business ("Inherent Vice") zusammen? Wer weiß - jedenfalls machte es den Vortrag dann auch gleich sympathischer. Wie gesagt bemühten sich die Musiker, durch den ständigen Wechsel der Instrumente (die sie übrigens allesamt virtuos beherrschten) die vielschichtigen Arrangements der Scheiben adäquat für das Live-Setting zu adaptieren. Das gelang dann immerhin so gut, dass zum Beispiel die auf den Scheiben stets präsenten Streichersätze zu keiner Zeit zu fehlen schienen. Besonders Joanna selbst, die dieses Mal selbst gerne mal hinter dem Piano oder Keyboard Platz nahm, schienen die instrumentalen Möglichkeiten dergestalt zu begeistern, dass sie sich diverse Male zu virtuosen Eskapaden hinreißen ließ und dann einräumen musste, dass sie im Überschwang der Gefühle die eine oder andere Textpassage vergessen hätte - bei dieser Show sogar mehr als auf der ganzen Tour zuvor. Was kein Wunder ist, denn Joannas epische Kompositionen dürften zu den wortreichsten überhaupt gehören und an so etwas wie Refrains kann sie sich ja sowieso nicht orientieren - weil es diese schlicht nicht gibt.

Natürlich standen die Tracks des neuen Albums im Vordergrund - die aber interessanterweise in einer anderen Reihenfolge als auf der Scheibe gespielt wurden - was den Eindruck nahelegt, dass es sich bei "Divers" weniger um ein Konzeptalbum, als um eine Songsammlung handeln könnte. (Joannas Lyrics helfen da aus naheliegenden Gründen interpretatorisch nicht wirklich weiter.) Insgesamt war die Sache dann am Ende dann vielleicht sogar ein wenig zu episch und überwältigend angelegt, denn Joanna spielte die einzige Zugabe, das solo dargebotene "A Pin-Light Bent" - erst kurz vor dem offiziellen Curfew. Allerdings mag dieser Eindruck auch täuschen, denn zwei Stunden konzentriertes Zuhören eingepfercht auf streng erzieherisch ausgerichteten, unbequemen Kirchenbänken forderte auch von hartgesottenen Fans einen gewissen Tribut. Auf jeden Fall war dieses einer jener Konzertereignisse, die durch geballte musikalische Kompetenz und weniger durch flockiges Entertainment überzeugte (Joanna bemühte sich zwar, ein paar lockere Sprüche einfließen zu lassen - diese waren allerdings alles andere als locker). Tatsächlich zementierten Joanna Newsom und ihre brillanten Musiker aber auch mit dieser Show wieder ein Mal eindrucksvoll ihren Ausnahmestatus in Sachen Instrumentierung, Arrangement, Songwriting und Performance.

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Surfempfehlung:
www.dragcity.com/artists/joanna-newsom
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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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