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Konzert-Bericht
 
Die Reise ins Schwarze Loch

Anna von Hausswolff
And The Golden Choir

Köln, Gebäude 9
03.12.2015

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Anna von Hausswolff
Bevor Anna von Hausswolff bei ihrem neuerlichen Besuch im Kölner Gebäude 9 dem zahlreich angetretenen Publikum demonstrieren durfte, wohin sie ihre musikalische Sinnsuche seit ihrem letzten Album "Ceremony" geführt hatte (bzw. um das genauer zu definieren: Die Besucher an dieser Suche teilhaben ließ), kletterte Thomas Siebert a.k.a. And The Golden Choir mit seinem umfangreichen Instrumentarium und seiner Vinyl-Sammlung auf die Bühne.
Thomas, den aufmerksame Leser des Kleingedruckten von Tonträgerverpackungen vielleicht als Musikant bei den Projekten Delbo und Klez.e oder als Produzent für Juli, Kettcar und Me And My Drummer kennen könnten, hat mit seinem selbst produzierten und fabrizierten Solo-Debüt-Album so ziemlich alle Prinzipien des Business erfolgreich auf den Kopf gestellt: Nicht nur, dass er das Werk eben vollständig im Alleingang zusammenbastelte (weil er mit Bandkollegen nicht so gut könne, wie er meint) - er präsentiert es auch ganz alleine; und zwar auf eine ganz und gar eigenwillige Art: Indem er nämlich die einzelnen Tracks auf vorproduzierten Vinyl-Scheiben bereit hält, die das jeweils komplette Arrangement der betreffenden Nummer enthalten - außer der Vocals und jeweils eines Instrumentes, das er dann live dazu spielt. In dem Fall waren das akustische Gitarre, Zither und Harmonium (bzw. ein kurzer Song, der a-cappella dargeboten wurde). Bis dahin klingt das ja eher nach einem absurden Gimmick. Indes schaffte es Thomas dann mit seiner sympathisch zurückhaltenden Art, dem subtilen Humor und der wirklich beeindruckenden Qualität seines brillant arrangierten Songmaterials alle etwaigen Zweifel beiseite zu räumen. Auch wenn das ganze Konzept aufgrund des Support-Charakters des Events gegenüber seiner Solo-Konzerte doch stark minimiert war, überzeugte Siebert mit seiner ungewöhnlichen Idee auf der ganzen Linie. Denn erstens hat es seit Konstantin Gropper hierzulande niemanden mehr gegeben, der solch souveränes englischsprachiges Songmaterial in Perfektion zu inszenieren verstand und zweitens funktioniert die Sache mit den analogen "Band-Recordings" durchaus - alleine schon deswegen, weil die überzeugende Bühnenpräsenz Sieberts, der ständige Wechsel zwischen den Instrumenten und das Knistern und Knacken der Vinyl-Scheiben keinerlei sterilen Nachgeschmack hinterlassen. Da machte es dann auch nichts, dass das musikalisch so rein gar nichts mit dem zu tun hat, was Anna von Hausswolff so üblicherweise treibt.
Nachdem zunächst das Equipment des goldenen Chors beiseite geräumt worden war, ging erst mal das Licht aus. Verwunderlich war das nicht, denn Anna ist ja ein selbst bekennendes Nachtschattengewächs. Musikalisch saß die Dame auch an diesem Abend dann zwischen allen Stühlen. Sprichwörtlich zum Teil sogar daneben, denn mehrmals hockte sich Anna mit dem Rücken zum Publikum neben den Stuhl hinter ihrem Keyboard und rührte in esoterischen Räucherschalen oder ähnlichem herum. Auch das gehörte zum Konzept des Abends. Denn offensichtlich ging es darum, den optimalen, psychedelischen Drone-Lindwurm zu finden. Bei den Interviews zu der Veröffentlichung der aktuellen CD "The Miraculous" hatte sich Anna bemüht, den philosophischen Überbau des ganzen Projektes zu erläutern - scheiterte dabei allerdings zum Teil an sich offenbarenden Widersprüchen: "The Miraculous" ist ein Ort, der für Anna von Hausswolff spirituell wichtig ist.

Bei den - zum Teil ausufernden und epischen - Konstrukten auf dem neuen Album geht es nominell um Einsamkeit, vor allen Dingen aber nach einer Art spirituellen Suche - bzw. dem Erforschen eines Weges - und nicht unbedingt um das Finden eines Ziels. Der Weg ist also das Ziel. Das erklärt in Teilen den mystischen Charakter von Annas musikalischen Gebilden - nicht aber unbedingt deren ausufernde Form. So erklärte Anna, dass die Zeit als solche kaum eine Bedeutung für sie im kreativen Prozess habe - bzw. eine ganz andere sei, als die reale. Sie selbst wundere sich immer wieder darüber, wie lang ihre Stücke am Ende seien, während sie ihr selbst eher kurz vorkämen. Das gilt natürlich insbesondere für das Live-Medium. Hier steht vor allen Dingen dann die Zusammenarbeit mit ihren Musikern im Zentrum - und weniger der Sound einer Kirchenorgel, um den sich auf den Tonträgern so ziemlich alles dreht. Das heißt: Die Live-Versionen sind allesamt wesentlich lauter, druckvoller, intensiver und dynamischer als die Studio-Aufnahmen. Dabei gelingt es Anna und ihren vier Musikern (darunter zwei Gitarristen, aber kein Bassist) das Phänomen der Zeitdehnung, das sie selbst für den Kompositionsprozess und die Studioaufnahmen einräumte, nahtlos in den Live-Bereich zu übertragen - und das Publikum dabei mitzunehmen: Kaum ein Track, der wesentlich unter zehn Minuten nach Hause fände (vielleicht mal Interlüden wie das Instrumental "En ensam vandrare") und dennoch gibt es keine Sekunde Langeweile.

Obwohl auf der Bühne eigentlich nicht viel passiert und das Meiste auch im Schatten verborgen bleibt, strahlt das Ganze eine faszinierende Intensität aus, der sich der Zuhörer schwerlich entziehen könnte. Und auch bei diesem stellt sich dann der Eindruck ein, dass Annas Stücke kürzer erscheinen, als sie tatsächlich sind. Das liegt unter anderem an dem geschickten Aufbau, bei der die Songs für gewöhnlich von einem flüsternden Säuseln zu einem orgiastischen Orkan aufgebohrt werden. Die Musiker verwenden hierzu alle Effekt-Möglichkeiten, die sich andienen, um die so erzeugten Klangwellen flächig auszuwalzen (etwa E-Bow, Hall, Synthies und optisch jede Menge Kunstnebel) und arbeiten dabei eng mit Anna zusammen, die von den beiden Gitarristen und dem Keyboarder genauestens beobachtet wird (während sie sich selbst sozusagen ausklinkt und mit großteils geschlossenen Augen und ins Gesicht fallenden Haaren in einer eigenen Welt zu agieren scheint). Besonderen Wert auf eine unterhaltsame Performance legt Anna jedenfalls nicht - das räumt sie auch ein - hier geht es ganz um die Intensität und eine bestimmte Atmosphäre. All das ist dann so etwas wie die zur Musik gewordene Reise zu einem schwarzen Loch - bei der sich ja bekanntlich für den Betrachter von Außen die Zeit immer mehr zu verlangsamen scheint und alles, was sich dem Ziel nähert unaufhörlich in die Länge gezogen wird. Oft bekommt man so etwas heutzutage eigentlich nicht mehr geboten und gerade deswegen ist es am Ende auch so faszinierend. Dass Anna von Hausswolff als Person dann eigentlich so gar nichts mit der Kunstfigur zu tun hat, die sich da auf der Bühne fast autistisch hinter ihrer Vision versteckt, verstärkt diesen Eindruck eigentlich sogar noch.

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www.facebook.com/andthegoldenchoir
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Anna von Hausswolff:
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Mehr über And The Golden Choir:
Tourdaten
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