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Der Pfad in die Nacht

Miss Kenichi

Köln, Die Wohngemeinschaft
25.02.2016

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Miss Kenichi
Alles, was es braucht, um glücklich zu sein und sich selbst von einer Hypochondrie zu heilen, ist ein Spiegel und eine Tüte Gummibärchen (nun ja - und vielleicht noch jemanden, dem es dann auch wirklich schlecht geht). So oder ähnlich erklärte Katrin Hahner alias Miss Kenichi bei ihrem Konzert in der Kölner Wohngemeinschaft ihre Songs. Und schon alleine dadurch wurde deutlich, dass es hier nicht um konventionelles Storytelling gehen konnte. Das wäre ja auch kaum möglich, denn auch Katrins Musik eignet sich schließlich nicht, um einfach bloß Geschichten zu erzählen. Das war schon immer so und ist natürlich auch auf dem aktuellen Album "The Trail" so.
Auch zu diesem Stück gibt es eine interessante Entstehungsgeschichte: Das Ganze basiert auf einem halbfertigen Traum Katrins, bei dem es darum geht, dass ein Bauer einen Berg hinansteigt, um einen Deal mit den Göttern abzuschließen und den Katrin dann als Song zu Ende führte, nachdem sie aufgewacht war, als ihr Protagonist gerade im Nebel verschwunden war. Das liegt vermutlich daran, dass er den mühsameren, weniger begangenen Pfad gewählt hatte, auf dem man ja sehr viel mehr auf den Weg achten muss - wie Katrin in einem anderen Zusammenhang erwähnte - was sich aber auch umso mehr lohne, da es so viel mehr zu sehen gäbe, als auf der ausgebauten Straße. Ach ja: Warum sie überhaupt Musik mache, erklärte sie auch gleich: Denn nur dadurch würde alles gut - zumindest, wenn es gelingt, die Nacht musizierend wachzubleiben, bis sich am nächsten Morgen dann alle Sorgen und Nöte relativiert bzw. aufgelöst hätten.
Irgendwie bekommt der Zuhörer bei einem Miss Kenichi-Konzert also einen philosophischen Mehrwert mitgeliefert, der sich auch als Gebrauchsanleitung für Katrins Songs verwenden lässt. Nicht übrigens, dass das zwingend nötig wäre, denn Miss Kenichis Songs lassen sich schließlich - je nach Gemütslage und Situation - so oder so interpretieren; da braucht es keine Gebrauchsanweisung. Die Situation in der Kölner Wohngemeinschaft war die, dass sich Miss Kenichi hier im Trio-Format plus Projektor präsentierte. Während sich Katrin darum kümmerte, sich auf der Gitarre möglichst kontrolliert in Trance zu spielen (illuminiert von psychedelischen Feuerwerks- und Schattenspiel-Videos sowie gelegentlichen Fehlermeldungen des Projektors), kümmerte sich Multiinstrumentalist Knox Chandler um ein bemerkenswert spaciges Klanguniversum. Dazu traktierte er z.B. erstaunlich effektiv seine Dobro-Gitarre mit einem Geigenbogen, sampelte Gitarrenkratzgeräusche und blies diese dann durch psychedelische Klangwolken oder ersetzte dem Publikum etwa einen jugendlichen Dave Gilmour mittels entsprechend interstellarer Gitarrensoli. Dazu gab es noch einen jungen Steh-Cellisten, der sein elektrisches Cello irgendwie am Bauchnabel befestigt hatte und dieses auch elegant als Bass zu verwenden wusste. In der Tat gab es bei diesem Miss Kenichi-Konzert so einiges zu sehen, was es sonst bei vergleichbaren Veranstaltungen eben nicht zu sehen gibt. Vom Hören wollen wir gar nicht erst anfangen...

Nicht dabei war verständlicherweise Drummer Earl Marvin, der Produzent des aktuellen Albums - weil dieser sich vermutlich gerade auf die Tour mit seiner Band den Tindersticks vorbereitet (auf der Miss Kenichi dann übrigens wieder als Support Act auftreten wird). Das schadete aber nix, denn auch was den Rhythmus betrifft, agiert Miss Kenichi in einer eigenen Welt. Das scheint sich alles nämlich eher in Wellen fortzubewegen. Klar ist das kein klassischer Rock'n'Roll (das hat ja auch niemand behauptet), aber trotz allem blieb die Sache auch nie wirklich im Ambient-Gedrösel hängen. Das liegt vor allen Dingen daran, dass Miss Kenichi bei allem musikalischem und inhaltlichem Freigeist vor allen Dingen eine Songwriterin ist und um die Notwendigkeit eines dritten (oder vierten) Akkordes weiß. Viele Acts, die sich um ein ähnlich freistiliges Ambiente bemühen, wissen das nicht und somit kommt Miss Kenichis Act im Vergleich erstaunlich kurzweilig rüber, obwohl ihre Tracks durchaus schon mal epische Dimensionen annehmen können. Das alles gilt übrigens für die neuen Songs von "The Trail" genauso wie für ältere Stücke von ihren Veröffentlichungen "Collision Time" und "Fox", die sich nahtlos in diesem Setting zusammen fanden. Das Ganze funktionierte sowieso am Besten als Gesamtkunstwerk - bei dem es gar nicht darum ging, einzelne Punkte herauszugreifen. Außer vielleicht den Zugaben (2 x Emmylou Harris, 1 x davon a cappella), die dann das Ganze entsprechend vielschichtig abrundeten. Miss Kenichi sagte, dass es ihr bei "Trail" darum gegangen sei, etwas zu schaffen, was länger als einen Sommer gültig sein sollte. Gerade deshalb sollte vielleicht noch darauf hingewiesen werden, dass jedes Miss Kenichi-Konzert - also auch dieses - anders ist als die anderen und jede Menge Momente enthält, die es in dieser konkreten Form nur ein einziges Mal geben dürfte. Gerade das aber, macht dann auch den Reiz aus...



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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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