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Moderne Organisation

Boy & Bear
Alice Phoebe Lou

Köln, Kulturkirche
02.03.2016

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Boy & Bear
Bei dem gemeinsamen Konzert der australischen Folkpop-Rocker Boy & Bear und der südafrikanischen Songwriterin Alice Phoebe Lou konnte man sehr schön beobachten, worum es beim Musizieren auch gehen kann. Nicht jedenfalls darum, bestimmte Erwartungshaltungen zu bedienen, miteinander zu konkurrieren oder gar auf Teufel komm raus einen gemeinsamen musikalischen Nenner zu suchen. Obwohl die kernigen Männerfreunde und die zierliche Klangkünstlerin musikalisch kaum unterschiedlicher hätten sein können, verstand man sich prächtig und demonstrierte das auch auf der Bühne.
So stellte z.B. der am Bühnenrand agierende Boy & Bear-Drummer Tim Hart, der sich als Sprachrohr der Band outete, Alice im Nachhinein noch ein Mal dem Publikum vor: "Sie ist eine Songwriterin mit tollen Songs und einer modernen Attitüde", erklärte er etwa. Was damit gemeint war, hatte das interessierte Publikum im Vorfeld bereits erfahren können. Die junge Dame, die in Berlin lebt und dort u.a. als Straßenmusikerin ihren einzigartigen Stil entwickelt hat, präsentierte ein buntes Potpourri ihres im Laufe der Zeit zusammengekommenen Materials, das sich mit unterschiedlichsten Themen - wie Philosophie, Kultur, Politik, Poesie, Wissenschaft und Soziologie - beschäftigt, die Alice in einem einzigartigen, freistiligen Stream-Of-Conscioisness-Prozess miteinander verquickt und zum Ausdruck bringt. Was die angesprochene "moderne Attitüde" betrifft, hat es Alice als radikale Independent-Künstlerin darauf angelegt, dem Establishment zu zeigen, was eine Harke ist und wie man seine Unabhängigkeit als Künstlerin bewahren kann, ohne sich irgendwelchen Kompromissen ergeben zu müssen. Unter anderem, indem man konsequent mit wachem Blick durch die Welt marschiert und bewusste Entscheidungen trifft. Dies konkretisierte sie auch in einer entsprechenden Botschaft. "Wir müssen nicht wirklich Coca Cola kaufen", appellierte sie an das Publikum, "sondern sollten darüber nachdenken, wie wir mit unserem Konsumverhalten verantwortlich umgehen." Weniger konkret, dafür aber ungleich poetischer, manifestieren sich solche Gedankengänge auch in Alices Songs - wie z.B. "Society" oder "Tiger" (hier geht es dann um die Sorgen und Nöte inhaftierter Tiere). Alices musikalischer Stil ist dabei ebenso schwierig zu klassifizieren, wie ihre Lyrik. Sagen wir mal so: Alice arbeitet gerne mit den Mitteln der Dynamik und steigert sich zuweilen von einem sachten Flüstern zu einem orkanartigen Röhren. Mit klassischem Lagerfeuer-Songwriting hat das allerdings dann nichts zu tun - auch wenn das Vermitteln einer Botschaft mittels eines Songs im Zentrum ihres Tuns steht. Alices Debüt-CD "Orbit" wird Ende April erscheinen. Es lohnt sich aber bereits jetzt, ihre beiden selbst verlegten EPs (eine davon mit Live-Material) anzuchecken. Dass das Ganze - trotz eines ungewöhnlichen Ansatzes - ohne Weiteres funktioniert, zeigte sich jedenfalls an diesem Abend, wo es Alice mühelos gelang, das Publikum in ihren Bann zu ziehen.
Wie bereits angedeutet, sind Boy & Bear musikalisch ja von einem ganz anderen Kaliber. Was eigentlich immer wieder überrascht, ist der Umstand, mit wie wenigen musikalischen Elementen die Band im Grunde genommen auskommt. Mit Virtuosität zum Beispiel, haben die Jungs wenig am Hut, Frontmann Dave Hosking tut sozusagen alles, um sich nicht in den Vordergrund zu spielen, die Anzahl der bemühten Akkordfolgen und Riffs ist eigentlich überschaubar und die Rhythmusgruppe agiert solide, aber keineswegs verspielt im Hintergrund. ABER: In der Art, wie sie diese Elemente miteinander verquicken und somit in der Summe wesentlich mehr erzielen, als die einzelnen Bestandteile eigentlich vermuten ließen, gehören Boy & Bear sicherlich zu den effektivsten und am besten organisierten Live-Acts der westlichen Hemisphäre (gleichwohl sie von Down Under kommen). Das liegt natürlich zum einen daran, dass es den Jungs gelingt, tatsächlich immer genau die richtigen Versatzstücke miteinander zu kombinieren ohne in Klischees zu verfallen und zum anderen schlicht an dem solide konstruierten Songmaterial, das auch auf dem aktuellen Album "Limit Of Love" wieder mit Momenten erhabener Grandezza aufwartet. Wo so etwas andererseits aber schon mal in aufgesetztem oder blassem Pathos endet, kommt das im Falle von Boy & Bear aufgrund der offen zur Schau getragenen Bodenständigkeit glaubwürdig und aufrichtig rüber.

Überhaupt wirken Boy & Bear - vielleicht auch aufgrund des Erfolges, den das Quintett zwischenzeitlich eingefahren hat - heutzutage besonders relaxed, sympathisch und zugänglich. Dabei kokettieren die Jungs zuweilen sogar mit ihrem Aussie-Status und kommen z.B zu dem Schluss, dass es vielleicht gar nicht nötig sei, als Musiker alle möglichen Sprachen können zu müssen, da man sich ja auch mit einem Lächeln verständigen könne. Und es mag zwar nicht relevant sein, aber Hosking & Co. haben seit ihrer letzten Tour regelrecht abgenommen und machten einen körperlich besonders fitten Eindruck. Musikalisch präsentierte die Band an diesem Abend ein ausgewogenes Programm an neuen und alten Nummern - wobei dann vielleicht allgemein auffiel, dass die neuen Songs wie "Showdown" oder das herrlich selbstironische "Just Dumb" tendenziell ein wenig zurückhaltender intoniert wurden, als die alten Rausschmeißer. Dieser Eindruck mag aber auch daher rühren, dass das Publikum natürlich bei jenen alten Rausschmeißern ja grundsätzlich enthusiastischer mitging, als dies bei den im Live-Kontext noch ungewohnten neuen Songs der Fall war. An den Songs selbst kann es freilich nicht gelegen haben, denn Stücke wie "A 1000 Faces" oder "Limit Of Love" (mit dem die Jungs in die Show einstiegen) weisen alle Merkmale von Instant Boy & Bear Hymnen auf. Abgerundet wurde die Sache dann noch mit einem Bonbon: Die Herren spielten eine recht gelungene Coverversion von Amy Winehousens "Back To Black" - einer der ausformulierteren Kompositionen der Dame, die sich von der Dramatik her ganz gut in das Großgesten-Setting von Boy & Bear einreihten. Wes Geistes Kind die Jungs sind, machten sie übrigens mit dem Intro deutlich, bei dem Neil Young vom Band eingespielt wurde.

Fazit: Boy & Bear gelang es, als besonders tighte Einheit zu überzeugen - als eine Gruppe von Freunden, die das Ego ihren Songs hintanstellen und mit einem traumhaften Zusammenwirken (auch gesanglicher Natur) ihr großartiges Songmaterial druckvoll und ohne unnötiges Pathos episch auf der Bühne auszuleben verstehen. Dass die Jungs dabei gar nichts besonders Neues anstreben und mit ganz gewöhnlichen Zutaten ihr Gebräu zusammenmischen, macht sie dabei gleich noch mal doppelt sympathisch.

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Surfempfehlung:
www.boyandbear.com
www.facebook.com/boyandbear
www.alicephoebelou.com
www.facebook.com/alicephoebeloumusic
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Boy & Bear:
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Mehr über Alice Phoebe Lou:
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