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Gemüse, bitte!

Natalie Merchant

Berlin, UdK
18.03.2016

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Natalie Merchant
Um es gleich vorweg zu nehmen: "Gemüse, bitte!" ist eine der wenigen Wortwendungen, die die Grande Dame des gepflegten American-Gothic-Chansons und langjährige Vegetarierin Natalie Merchant auf Deutsch aufzusagen weiß. Es wundert jetzt auch nicht wirklich, dass sie sich da nicht tiefer hineingearbeitet hat, denn Konzerte von Natalie haben hierzulande durchaus schon Seltenheitswert. Schon lange hat sich Natalie Merchant von dem üblichen Rhythmus von Veröffentlichungen und Touren verabschiedet. Selbst in den USA geht sie nicht regelmäßig auf Tour, sondern spielt hin und wieder spezielle Events - hier dann durchaus auch schon mal gerne in größerem Rahmen mit Symphonieorchestern. Auch der Besuch im Konzertsaal der Berliner Universität der Künste, der zwar im Rahmen einer Europa-Konzertreise stattfand, war somit ein Einzelfall auf unseren Bühnen.
Im letzten Jahr hatte Natalie Merchant ein lange gehegtes Pet-Projekt umgesetzt und unter dem Titel "Paradise Is Here" ihr Debüt-Album "Tigerlily" neu aufgelegt. Und würde Natalie Merchant den Regeln des Business folgen, dann wäre es bei diesem Konzertabend um die Präsentation der Neuinterpretationen der "Tigerlily"-Songs gegangen. Es kam dann aber doch erheblich anders. Zunächst ein Mal hatte Natalie ihre Band umbesetzt und einen neuen Gitarristen integriert (mit dem sie während der Show auffällig oft diskutierte). Dann gab es ein Streicherquartett zu bewundern, dem dann auch entsprechend passende Arrangements verpasst worden waren, die sich dann zum Teil doch erheblich von denen unterschieden, die auf den Original-Aufnahmen zu hören sind. Und dann präsentierte Natalie eben nicht vornehmlich das "Tigerlily"-Material, sondern bot stattdessen einen umfassenden Überblick über ihre gesamte Solo-Karriere und spielte Songs aus allen Abschnitten ihrer Laufbahn (außer von dem Traditional-Album "The House Carpenter's Daughter"). Von "Tigerlily" gab es zunächst ein Mal mit "River" nur einen Song mit Strings, denn nach fast einer Stunde wurden die vier Streicherinnen zunächst mal in die Pause verabschiedet und mit "Carnival" begann dann eine etwas energischere Passage. Hier war dann der Unterschied zu den Konserven-Versionen vielleicht sogar noch größer als bei jenen Stücken, die aufgrund der zuweilen recht komplexen Streicher-Arrangements ja nun mal an ein gewisses Format gebunden sind. "Carnival" kam z.B. in einer Art Disco-Variante daher, bei der Natalie etwa mit einer Kopfstimme experimentierte. "Build A Levee" - ein Song, den sie wegen des politischen Inhaltes als Statement gegen Reaktion und Rassismus sie nachdrücklich allen republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten ans Herz legte, schepperte stampfend und bluesig daher und kam der Rockmusik so nahe, wie Natalie Merchant eben der Rockmusik nahekommen möchte. Ganz anders verhielt es sich dann wieder bei "Motherland", das hier als verschleppter akustischer Walzer aufgelegt wurde, zu dem Pianist Uri Sharlin ans Akkordeon und Drummerin Allison Miller ans Cajon wechselten.
In einer ihrer wenigen Adressen ans Publikum erläuterte Natalie dann die Lebensgeschichte von Louise Brooks, die sie ja in dem Song "Lulu" zusammengefasst hat - und machte darauf aufmerksam, dass die guten Filme der frühen Hollywood-Diva schließlich unter der Regie von G.W. Pabst dereinst in Berlin entstanden waren. Nun ist es ja so, dass man die Stücke ihres letzten Albums mit eigenem, neuen Material, "Natalie Merchant" in Europa auch noch nicht live gehört hatte, und insofern zählten - neben "Lulu" - die Versionen von z.B. "Maggie Said", mit dem die Show eröffnet wurde, "Lady Bird", das sich am Ende des Sets fand und insbesondere das dramatische "Giving Up Everything" (das in gewisser Weise Natalies Zustand als Songwriterin in der langen Zeit, in der sie kein eigenes Material veröffentlichte, widerspiegelt) zu den Höhepunkten des Sets. Gerade bei "Giving Up Everything" zog Natalie Merchant dabei alle Register, dirigierte Musiker und Publikum gleichermaßen, illustrierte das Geschehen mit dramatischen Gesten und balancierte dabei höchst effektiv die dynamische Bandbreite des Geschehens auf eine geradezu lyrische Art und Weise. (Anders als auf der CD schwillt der Song mehrfach an und ab und es gibt auch noch so einige Dinge, die Natalie Merchant seither so aufgegeben hat und die dann noch aufgezählt werden.) Insbesondere bei den majestätischen Orchester-Nummern gab es dann des Öfteren auch mal echte Gänsehaut-Momente - nicht etwa, weil sich Natalie Merchant hier in Vokalakrobatik übte (ganz im Gegenteil: Sie ist mindestens genauso effektiv in dem was sie weglässt, wie in dem was sie anwendet), sondern weil hier grandiose Kompositionen auf eine erhebende und höchst emotionale und irgendwie poetische Art vorgetragen wurden. Das galt selbstredend natürlich auch für die Gedicht-Adaptionen des "Leave Your Sleep"-Albums, von denen Natalie immerhin "Spring And Fall: To A Young Child" und "Nursery Rhyme Of Innocence And Experience" spielte.

Einer der Gründe, warum Natalie Merchant die "Tigelily"-Songs noch ein Mal aufgenommen hat, ist der, dass sie sich im Laufe der Jahre natürlich emotional und technisch enorm weiterentwickelt hat und das Material heutzutage auch aus einem ganz anderen Blickwinkel präsentieren kann. Das gilt natürlich für das ganze Repertoire: Natalie Merchant performt heutzutage mit einer Nonchalance, heiteren Gelassenheit und unaufgeregter Präsenz, die wahrlich ihres Gleichen sucht. Sei es nun, indem sie mit geschlossenen Augen imaginäre Filme interpretiert (was nur gelegentlich vorkommt), in direkten Dialog mit ihren Musikern tritt, das Publikum mit weit ausholenden Gesten animiert oder selbstverliebt auf der Bühne herumtanzt: Man nimmt ihr das alles ohne Weiteres auch ab. Widerspruch gibt es natürlich sowieso nicht - und der wäre auch zwecklos: Mit einer lässigen Handbewegung forderte sie das Publikum im letzten Viertel der Show auf, sich von den Sitzen zu erheben - und dann gab es auch kein Halten mehr. Natürlich ist der Kontakt zum Publikum dabei trotz allem hierzulande nicht so intensiv und direkt wie in den USA (wo Natalie gerne auch mal Witze mit dem Publikum macht und wo es auch mal passieren kann, dass die Band 40 Minuten herumjammt), aber dennoch ließ sie es sich nicht nehmen, während die Band relaxed den letzten Song "Kind & Generous" als Instrumentalversion ausklingen ließ, alle Zuschauer in der ersten Reihe persönlich mit Handschlag zu begrüßen. Insgesamt bot dieses Konzert also die einmalige Gelegenheit, eine der größten Songwriterinnen unserer Tage noch ein Mal in einem allumfassenden Setting mit überwiegend eigenem Material zu erleben. Selbst wenn also das Konzert nicht perfekt durchorganisiert, geschickt gewichtet und soundtechnisch kristallklar inszeniert worden wäre (was durchaus alles der Fall war), hätte sich die Sache also schon gelohnt.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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