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Der Geist in der Maschine

Great Lake Swimmers
Mary Lattimore

Köln, King Georg
19.04.2016

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Great Lake Swimmers
Etwas ungewöhnlich getimt, aber immerhin mit einer neuen EP namens "Swimming Away" im Gepäck reist der Kern der kanadischen Great Lake Swimmers zur Zeit durch unsere Breiten. Frontmann Tony Dekker, Gitarrist Bret Higgins und Bassist Erik Arnesen kannten sich sogar mit den Gegebenheiten des Clubs King Georg aufgrund eines früheren Besuches bestens aus und freuten sich aufrichtig, dass ihnen dieses mal niemand Bier in die Getränke geschüttet hatte. "Welcome to Cologne", meinte jemand aus dem Publikum zu dieser Anekdote - so ist das nun mal in der Domstadt: Da muss man als Musiker schon was abkönnen.
Das galt auch für Mary Lattimore aus Philadelphia, die mit ihrer Harfe den Abend eröffnen durfte - und damit schon einen Großteil des zur Verfügung stehenden Platzes in dem kleinen Club ausfüllte. Der Ansatz der Instrumentalistin ist dabei ein recht eigenwilliger: Mit einem auf dem Schoß balancierten, digitalen Effektgerät, das aber durch analoge Drehknöpfe gesteuert werden kann, improvisierte Mary sozusagen mit sich selbst. Der Stil, den Mary hierbei verfolgt, sitzt irgendwo deutlich zwischen Klassik und Folk in dem Bereich, den man der amerikanischen Minimalmusik zurechnen könnte. Das heißt, dass sich Marys Harfenvignetten eher wellenförmig ausbreiten, weniger melodiös als rhythmisch strukturiert daherkommen und eben der momentanen Inspiration viel Raum geben. Dazu kommen dann noch die Effekte, die Mary während des Spiels hinzu und beimengt und die in diesem Fall ihrer Musik durchaus auch eine dreidimensionale Wirkung verliehen, denn der Sound der Effekte kam aus einer gegenüber der Künstlerin befindlichen Box, während ihr Instrument selbst natürlich für den eigentlichen Klang sorgte. Leider war das Ganze nur von begrenztem Unterhaltungswert, da Mary ziemlich introvertiert vor sich hin klimperte, dabei nicht ein einziges Mal aufschaute oder mit dem Publikum Kontakt aufnahm und man eine sitzende Künstlerin in dem kleinen Club nun wirklich nicht mehr sehen konnte, sofern man nicht einen der wenigen Sitzplätze ergattert hatte. Der kurzweiligste Teil der Performance war dann tatsächlich der, dass die Harfe nach dem Set irgendwie in eine Nische verbracht werden musste, was aufgrund der Größe des Instrumentes nur ansatzweise klappte.
Aber: Im Prinzip hätte das freischwebende Ambient-Wirken von Mary musikalisch durchaus als Einleitung für den von akustischen Elementen geprägten Vortrag der Great Lake Swimmers gepasst, was aber durch die relativ lange Umbaupause ein wenig verloren ging. Denn nicht nur musste die Harfe verstaut werden, sondern zudem hatten die Swimmers mit zwei Gitarren, Banjo, Kontrabass, Keyboard, Harmonium und Mandoline auch recht viel Instrumentarium dabei, was ja auch erst mal verbaut werden wollte. Mit "Backstage With The Modern Dancers" von dem professionellen Labeldebüt "Ongiara" arbeiteten sich Dekker & Co. dann langsam in die notwendige Stimmungslage hinein. Und diese ist bei den Great Lake Swimmers bekanntlich das musikalische Äquivalent zu dem sprichwörtlichen langen, ruhigen Fluss. Immerhin sorgte die umfangreiche Instrumentierung und Dekkers bemerkenswert beschwingtes, unaufdringliches Gitarrenspiel für ein unerwartet lockeres Setting, so dass die Sache nicht allzu schwermütig geriet, obwohl Dekkers Vortrag ja zum lamentösen neigt und obwohl die Band erst mal balladeske Elegien vom Schlage "New Light" oder "I Was A Wayward Pastel Bay" vom letzten Album "A Forest Of Arms" spielte. Aber wie gesagt: Dekker spielte so losgelöst auf seinem Instrument, dass es klang wie eine 12-saitige Gitarre (obwohl es eine 6-saitige war) und die beiden Herren Higgins und Arnesen wechselten ständig zwischen den zur Verfügung stehenden Instrumenten (wobei Arnesen sogar seinen Bass zuweilen als Cello missbrauchte), so dass es stets kurzweilig und abwechslungsreich blieb. Allerdings kann man Tony Dekker auch nicht gerade den Vorwurf machen, dass er sich dem Publikum offensiv aufdrängt. Immerhin sagt er zuweilen ein Mal seine Stücke an und erklärt auch deren Genese. (So erfuhr man zum Beispiel anhand des Stückes "Somewhere Near Thunder Bay", dass es in der kanadischen Wildnis immer noch Flächen gibt, die so unerforscht sind, dass sie noch keine Namen, sondern nur Nummern haben.) Schließlich wurde aber mit dem Song "The Great Exhale" das Tempo angezogen und die Swimmers swingten sozusagen vor sich hin. Es gab dann noch mehr in dieser Richtung wie z.B. "Still", zu dem das Publikum dann auch eigenständig Klatschvieh spielte - dann allerdings sollte Erik Arnesen zur Mandoline greifen und hier fingen die Probleme dann an. "Was immer du gerade regelst, es ist das Falsche", rief Dekker dem schwitzenden Sound-Mixer zu. Doch trotz mehrerer Anläufe konnte dem Instrument außer Feedbacks nichts entlockt werden. "Das ist der Geist von King Georg", meinte Dekker schmunzelnd - um dann noch zu ergänzen: "Der Geist in der Maschine". Im Folgenden blieb Erik Arnesen dann beim Bass - was sich insgesamt aber durchaus als Vorteil herausstellte, denn so klang das Folgende dann sogar fülliger als geplant.

Es folgten dann noch einige eher atypische Swimmers-Nummern - zum Beispiel "Swimming Away" und das PJ-Harvey-Cover "The Desperate Kingdom Of Love" von der neuen EP, bevor das Set dann mit einer letzten Zugabe - der klassischen Swimmers-Elegie "Moving Pictures, Silent Films" - immerhin dem ersten Track des ersten, selbst betitelten und selbst verlegten Albums von 2003 - zu Ende ging. Insgesamt bewies Tony Dekker wieder ein Mal seine Klasse als subtiler Songwriter, denn es ist schließlich nicht selbstverständlich, dass großteils eher zurückhaltend formatierten Stücke, wie jene der Great Lake Swimmers (die auf den Konserven allerdings oft reichhaltig orchestriert werden) in einem so zurückhaltenden Setting wie an diesem Abend auch so brillant funktionieren.

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Surfempfehlung:
www.greatlakeswimmers.com
www.facebook.com/greatlakeswimmers
marylattimoreharpist.tumblr.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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