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Konzert-Bericht
 
Die musikalische Elster

Ryan O'Reilly
We Used To Be Tourists

Köln, Yuca-Club
10.05.2016

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Ryan O'Reilly
Das Publikum des in Berlin lebenden irisch/englischen Songwriters Ryan O'Reilly besteht vorwiegend aus jungen Damen, die entweder in Gruppen, oder an der Hand ihrer apportierten Boyfriends aufschlagen. Das ist vielleicht dadurch erklärlich, dass der Mann in seinen Songs - die er nun endlich auch ein Mal auf seiner Debüt-CD "The Northern Line" zusammengefasst hat und nun mit Band auf Tour präsentierte - überwiegend aus seinem Leben erzählt und hier vorzugsweise eine Reihe von dramatischen, detailreichen Break-Ups in immer wieder verblüffenden Zusammenhängen beschreibt. Sich hier allerdings Hoffnungen zu machen, birgt natürlich auch gewisse Gefahren: "Über dieses Thema habe ich auch mit meiner derzeitigen Freundin schon gesprochen", meint O'Reilly etwa nachdenklich, "ich habe ihr auch schon gesagt, dass sie sich etwas Besonderes einfallen lassen muss, wenn wir uns trennen, damit ich da einen guten Song draus machen kann." So ganz ironisch ist das sicherlich nicht gemeint, obwohl er dann im gleichen Atemzug nachschießt, dass er bei einem Aufenthalt in Kanada gerade Songs auch zu anderen Themen geschrieben habe und mal sehen wolle, wie die sich entwickelten. In Kanada hat er sich auch seine musikalischen Partner Tyler Kyte und Tom Juhas besorgt (während Drummer Dave Granshaw von der Isle Of Wight kommt, wo es aussieht wie bei Game Of Thrones, wie Ryan meint), mit denen zusammen er jetzt im Kölner Yuca Club im Ortsteil Ehrenfeld aufspielte.
Bevor die Ryan O'Reilly Band kurz nach 21:00 Uhr endlich auf die Bühne kletterte, durften die Ehrenfelder Lokalmatadoren We Used To Be Tourists das Publikum mit ihrem gut verständlichen, angenehm temperierten und betont gutgelaunt dargebotenen Folkpop bespaßen. Das gelang Benedikt Schmitz und seiner Musikantenschar eigentlich mühelos. Nicht zuletzt deswegen, weil das melodisch aufgedröselte, und mit Cello und Keyboards abwechslungsreich inszenierte Material musikalisch recht gut zu dem passte, was dann Ryan O'Reilly & Co. auch zu bieten hatten. Insbesondere, was die Pop-Qualität der WUTBT-Songs betrifft, agiert die Band da auf einem bemerkenswert selbstsicheren Level und es gelang auch, das Publikum als Chor einzubinden. Mal abgesehen davon, dass das natürlich nichts revolutionär Innovatives ist, machten die gewesenen Touristen im gegebenen Rahmen also eine sehr gute - und für eine solche Aufgabe betont lockere - Figur.
Der Grund dafür, warum das Songmaterial Ryan O'Reillys dann so eingängig und gefällig daher kommt - wie auch an diesem Abend offensichtlich wurde -, ist der, dass der Meister durchaus ein veritables Rezept für sein Songwriting entwickelt hat: "Zunächst mal muss ein Song auch ohne großen Aufwand funktionieren - nur mit Stimme und Gitarre oder sogar a cappella", verrät er vor dem Konzert, "man kann einen Song jedenfalls meiner Meinung nach nicht durch ein Arrangement verbessern. Und dann gibt es noch ein Tipp, den mir mein Vater verraten hat: Ein guter Song muss den Hank Williams-Test bestehen. Das heißt: Von einem guten Song muss man die Melodielinie, mit den entsprechenden 'aufs' und 'abs' in die Luft zeichnen können - wie bei einem Song von Hank Williams." Dieses Rezept wendet Ryan auch bei den meisten seiner eigenen Kompositionen an, die allesamt über ansprechende Melodien, Hooklines und Refrains verfügen. Im Live-Kontext bedeutet das dann, dass die Songs auch mit allen Nuancen so präsentiert werden, wie sie auf der CD zu finden sind. Großartige Abweichungen sind da nicht zu erkennen - aber das Ganze wird extrem lebhaft und intensiv präsentiert. Insbesondere bei dramatischen Nummern, bei denen das Tempo nicht so sehr im Vordergrund steht - dem episch/düsteren "The Flood" etwa -, macht sich dies bemerkbar.

Die Spannung, die Ryan O'Reilly in vielen seiner Songs durch immer wieder verblüffende Beobachtungen, Details und Wendungen aufbaut, löst er im im Live-Kontext auch mit der Band (und bei seinen Solo-Auftrtitten sowieso) mit lockeren Sprüchen zwischen den Songs. An diesem Abend waren das - neben Erinnerungen an den etwas chaotischen ersten Auftritt in Köln vor einigen Jahren - Überlegungen, die Ryan im Zusammenhang mit der deutschen Sprache anstellte, die er sich gerade aneignen wolle. Dabei interessieren ihn allerdings nach eigener Aussage interessant klingende Worte mehr als solche, die ihm im Alltag weiter hülfen. So könne er sich vorstellen, einen Roman über einen Helden namens Tod Verstorben zu schreiben - nicht allerdings nach dem Weg zu fragen oder ähnliches. Ryans Humor, der sich zuweilen auch in den Songtexten zeigt (und der nach eigener Aussage unter anderem daher rührt, dass er mit einem Komödianten zusammen lebte), sorgt auch beim Live-Konzert für eine lockere Note, die die zum Teil eher desolaten Inhalte seiner Songtexte wieder relativiert. Dazu gehört auch, dass die Melodien seiner Songs - wie etwa jene von "The One" - anders als die Aussage eher fröhlich gehalten sind. Dass das alles so schön kunterbunt und rund daherkommt, ist dabei sowohl der großen Routine geschuldet, die sich Ryan & Co. im Laufe der Jahre erarbeiteten, als auch dem Umstand, dass er auf seinem Album, dem nach der Londoner U-Bahn-Linie benannten "The Northern Line" sein gesamtes Erwachsenen-Leben zusammenfasst. "Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich hier meine ganzen zwanziger autobiographisch hier in einer Songsammlung zusammengefasst hatte", erklärt er den anektdotischen Charakter des Materials. Als autobiographisch arbeitender Songwriter, der zudem als klassischer Folkpop-Künstler agiert, muss er sich natürlich mit den Besten seiner Zunft messen. Auf der Bühne macht er dabei durchaus keine schlechte Figur, denn ohne großen Aufwand gelingt es ihm hier, das Publikum alleine mit der Qualität seines Materials im Bann zu halten. Die Fans danken es ihm, indem sie seine Songs dann lautstark feiern und mitsingen. Was macht aber in der Summe die spezifischen Qualitäten Ryan O'Reillys aus? Er selbst hat da so seine Theorien: "Als autobiographischer Songwriter mit persönlichen Themen versuche ich, mein Spektrum dadurch zu erweitern, dass ich viele Details und Spezifika und Geografie in meine Songs einfließen lasse... und musikalisch versuchen wir durch die Produktion Dave Granshaws eine eigene Identität zu gewinnen. Ich schäme mich aber auch nicht, mit den Songwriter-Größen assoziiert zu werden, die ich selbst auch mag. Man muss sich nur persönlich einbringen - allerdings auch nicht zu sehr, damit sich der Zuhörer auch noch damit emotional identifizieren kann. Ich persönlich verbringe mehr Zeit damit, zu überlegen, warum ich einen Song schreibe als damit, worüber." Dieses Nachdenken führt dann zu bemerkenswerten Ergebnissen, in der sich persönliche Beobachtungen in verblüffenden Konstellationen darstellen.

In dem - auch bei dieser Show mit besonderem Nachdruck (und geschlossenen Augen und hochrotem Kopf) dargebotenen heimlichen Hit "The One" etwa heißt es "How I Wish That You Weren't The One" - den an diesem Abend sogar noch ein "How I Loathe That You Are The One" beigestellt wurde. Wie ist denn das zu verstehen? "Ein guter Song beschreibt etwas, was jeder kennt mit Worten, die man vorher vielleicht noch nicht gehört hat", erklärt Ryan, "denn das sind Songs, die ich selbst auch gerne höre. Ich betrachte mich dabei als musikalische Elster und stehle Sätze. Als nämlich meine damalige Freundin zu mir sagte, 'how can I begin to tell you, how much damagage you've done' war mir natürlich klar, dass das zum Ende führte, aber ich dachte auch, dass das eine verdammt gute Zeile für einen Songtext wäre. Ich komme dann in 'The One' zu dem Schluss, dass sie eigentlich trotzdem noch die Eine für mich gewesen wäre - und das finde ich dann in dem Song selbst nicht mehr gut." Kein Wunder, dass Ryan dann beim Vortrag emotional aufgewühlt wirkt - was ihm letztlich aber auch ermöglicht, sein Material besonders glaubwürdig an den Mann zu bringen. Insgesamt gibt es bei einem Ryan O'Reilly-Konzert jedenfalls nichts zu meckern. Hier bietet schlicht eine eingespielte Band brillantes Songmaterial auf betont empathische und humorvolle Art auf handwerklich ansprechende Art dar. Nun gut - etwas länger hätte die Show schon ausfallen dürfen, aber daran kann man ja noch arbeiten. "Mein Ziel - oder mein Wunsch - wäre es denn schon, auch mal in größeren Hallen zu spielen", überlegt Ryan zum Schluss, "denn ich habe schon so einige Bands, die ich mag und kenne in größeren Hallen gesehen, nachdem sie mehr Erfolg hatten - und das gefiele mir auch. Es muss ja nicht die Royal Albert Hall sein - aber das Berliner Tempodrom wäre schon schön. Zur Not wären ja auch zwei Shows hintereinander möglich, wenn der Andrang dann zu groß wird." Nun, da wird Ryan noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten müssen, denn sein Publikum ist zwar jung und enthusiastisch - zahlenmäßig aber noch überschaubar.

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Surfempfehlung:
www.ryanoreilly.uk
www.facebook.com/ryanoreillyband
we-used-to-be-tourists.com
www.facebook.com/WeUsedToBeTourists
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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