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Konzert-Bericht
 
360°

Einar Stray Orchestra

Köln, Rufffactory
03.06.2016

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Einar Stray
Selbst in der Laufbahn solch ausgebuffter Tourveteranen, wie sie das Einar Stray Orchestra darstellt, kommt es nicht so häufig vor, dass man an einem Tag zunächst in einem Fachgeschäft für Damenunterwäsche spielt und ein paar Stunden später einen Secret-Silent-Gig in einer ausgedienten Fabrikhalle, bei dem das Publikum Kopfhörer trägt und freiwillig geschlossen auf dem Boden sitzt. Die Sache mit dem Anheizer-Gig im Ehrenfelder "Le Pop Lingerie" hat dabei allerdings schon Tradition, denn der Norweger spielte bereits zum dritten Mal in dem kleinen Ladenlokal - wohl auch, weil es da so viele interessante Sachen zu kaufen gäbe (wie er erklärend erläuterte). Damit ist die Sache amtlich ab nun eine Kultveranstaltung und solle bitte - so Einar - für immer fortgeführt werden.
Es gab - in akustisch reduzierter, aber vollständiger Besetzung - zunächst einen kleinen Auszug des aktuellen Bühnenprogrammes des Einar Stray Orchestras, das auch eine ganze Reihe neuer Songs enthält, von denen hier zum Beispiel die Hommage an das bandintern beliebteste Automobil, den VW "Caravelle" gegeben wurde oder auch das - nach typischer Einar-Art - episch verstiegene "Penny For Your Thoughts". Sehr viel näher, als bei diesem Auftritt hätte man den Musikanten kaum kommen können und somit darf diese Fingerübung dann auch redlich als "intim" bezeichnet werden. Müßig zu erwähnen, dass sich die Musik des ESO - dank der Besetzung mit Piano, Cello, Geige und drei Gesangsstimmen - auch durchaus für ein solches Setting eignet.

Interessant übrigens noch eine Randnotiz zum charakteristischen Einar Stray-Stil: Auf die direkte Frage, ob sich die Musiker denn von 70er Jahre Prog-Rock und/oder Klassikrock inspiriert fühlten (denn an diese erinnern die vertrackt geschachtelten Kompositionen Einars zuweilen), antworteten sowohl Einar, wie auch Drummer Lars Fremmerlid einstimmig mit einem bestimmten "Nein" - fügen dann aber hinzu, dass sie sich von Musikern inspiriert fühlten, die sich ihrerseits von 70er Prog- und Klassikrock hätten beeinflussen lassen und insbesondere die beiden Streicherinnen, Ofelia Østrem Ossum und Maja Gravermoen Toresen, natürlich schon klassisch ausgebildet seien. Nun ja: Das mag ja auch eine Altersfrage sein, denn soooo alt, dass sie die 70er live miterleben hätten können, sind Einar & Co. ja noch nicht. Der besagte Secret-Gig am Abend war dann natürlich gar nicht so secret, denn er wurde veranstaltet von der "At The B-Sites"-Reihe, bei der speziell geplante Silent-Konzerte an bis kurz vor dem Event geheim gehaltenen, unüblichen Orten angesetzt werden, wo die Zuhörer dann mit Kopfhörern versorgt werden, damit die Konzerte bei geringer Lautstärke auch in bewohnten Gebieten bzw. bei gutem Wetter auch draußen stattfinden können.

Mit dem guten Wetter war das an dem Tag so eine Sache, denn Köln wurde gerade heute von Starkregen-Überfällen heimgesucht, die es in sich hatten. Insofern war das Ganze dann kurzfristig in die Rufffactory, eine alte Fabrikhalle in Köln Ehrenfeld verlegt worden. Hier gestaltete sich dann der Soundcheck deutlich umfangreicher als bei normalen Konzerten, denn insbesondere das doch ziemlich laute Drumkit Lars Fremmerlids wollte irgendwie in den Mix integriert werden. Letztlich gelang das nicht ganz, sodass die Sache am Ende ziemlich drumlastig daherkam, ansonsten aber ist das breit gefächerte Klangspektrum des ESO (hier kam dann zuweilen auch noch eine E-Gitarre zum Einsatz) natürlich wie gemacht für ein solches Setting. Innerhalb kürzester Zeit war die Halle dann bis auf den letzten Platz belegt und somit konnte es relativ pünktlich mit dem Konzert losgehen. Nach einer kurzen Aufwärmphase, in der die Instrumente noch mal gegeneinander austariert werden mussten, ging es dann mit dem Programm los. Dieses bestand anteilig aus den Songs der beiden Alben "Chiaroscuro" und "Politricks" sowie den bereits erwähnten neuen Songs des kommen Albums. Dieses wurde - so Cellistin Ofelia - in einer malerischen Gegend Norwegens eingespielt, die von 360° Wasser umgeben gewesen sei, in dem auch mal gebadet werden konnte. Mal abgesehen, dass das mit den 360° Wasser natürlich etwas problematisch gewesen wäre, hätte dieses aber natürlich eine gute Metapher für das Klangerlebnis des Abends sein können, denn hier hörte jedermann - an jeder Stelle des Saales - quasi genau das gleiche (also außer jenen, die zu nahe am Drumkit saßen, natürlich). Einen cooleren musikalischen 3D-Effekt kann man sich schwerlich ausmalen.

Ein Höhepunkt der Show war dann indes der unverstärkt a cappella vorgetragene Protestsong "For The Country", zu dem Einar ausdrücklich darum bat, die Kopfhörer doch bitte abzunehmen. Dadurch wirkte der inhaltlich ein wenig naiv - aber aufrichtig - konstruierte Song dann auch gleich besonders anrührend. "Gänsehautmoment" wäre dafür vielleicht eine geeignete Umschreibung, wenn dieser Begriff nicht durch zahlreiche Castingshows inflationär ruiniert worden wäre. Danach gab es dann noch einen neuen Song namens "Dear Bigotry" und am Ende immerhin drei Zugaben (was angesichts der Länge eines gewöhnlichen Einar Stray-Songs auch schon wieder wagemutig ist). Am Ende hatten die Fans dann ein in vielerlei Hinsicht doch ziemlich einzigartiges, rundum gelungenes Konzerterlebnis abzuhaken. Als Empfehlung für das am 18.06.16 anstehende erste Kopfhörer-Festivals der "At The B-Sites"-Reihe hätte das Ganze jedenfalls sicherlich nicht überzeugender und werbewirksamer ausfallen können.

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Surfempfehlung:
www.einarstrayorchestra.com
www.facebook.com/einarstrayorchestra
atthebsites.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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