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Be true - not better

Haldern Pop Festival 2016 - 3. Teil

Rees-Haldern, Alter Reitplatz Schweckhorst
13.08.2016

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Daughter
Der dritte Festivaltag begann mit einem für Haldern eher ungewöhnlichen Act: Der kanadischen Rap-Truppe The Lytics auf der Hauptbühne, nämlich. Nun unterscheiden sich kanadische Rap-Truppen offensichtlich musikalisch nicht besonders von US-amerikanischen Rap-Truppen. Das mag auch daran liegen, dass sich die Gebrüder Andrew, Anthony und Alex Sannie sich von den großen des Genres haben inspirieren lassen, als sie zusammen mit Cousin Mungala Londe und Kumpel DJ Lonnie C das Quintett im heimatlichen Winnipeg ins Leben riefen. Dabei haben sie sich für die "psychedelische" Richtung des Genres entschieden und mischen demzufolge ihren Beat- und Sample-Mix mit lautmalerischen Hörspiel-Elementen und vielen seltsamen Sounds auf. Das kam indes gut an: So voll sieht man den Platz vor der Hauptbühne am dritten Festivaltag beim ersten Act ansonsten schlicht nicht. Der gutgelaunte Andrew Sannie musste das Publikum sogar bitten, von hinten aufzurücken, um nachströmenden Fans die Gelegenheit zu bieten, an der gemeinsamen Hüpf-Party teilhaben zu können.
Nachdem das dann erledigt war, leerte sich der Platz pünktlich zum zweiten Act auch gleich wieder, so dass es die in Berlin ansässige, aber aus dem Staate New York stammende Sara Hartmann mit ihrem eigentlich recht attraktiven, aber musikalisch vollkommen anders ausgerichteten Power-Pop schwer hatte, die verbleibenden Interessierten zum Verweilen anzuregen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Sara - anders als die populären Lytics - noch ohne Longplayer am Anfang ihrer Laufbahn als Songwriterin steht und demzufolge noch auf keine Fanbasis zurückgreifen konnte. Der Qualität des Auftrittes tat das freilich keinen Abbruch, denn Sara macht - im Genre-Kontext - eigentlich alles richtig: Es gibt knackige Popsongs, die mit Druck und etlichen Hooklines präsentiert wurden und die zugleich auch originell dargeboten wurden: Statt mit einem Bassisten arbeitet die auch als Gitarristin tätige Sara mit einer singenden Keyboarderin, die auch die Bass-Sounds beisteuerte.

Eher konventionell ging es dann im Spiegelzeit mit dem Auftritt der australischen Americana-Band Husky weiter. Frontmann Husky Gawenda machte an diesem Tag einen für seine Verhältnisse gutgelaunten, wachen Eindruck (der Mann leidet ansonsten unter einem betont schläfrigen Treudackelblick) und bot - zusammen mit seiner Band, zu der auch Cousin Gideon Preiss gehört - einen ziemlich flotten und ansatzweise sogar druckvollen Gig mit ansprechendem Harmoniegesang. Dass man trotz des zu diesem Zeitpunkt noch andauernden Sonnenwetters kaum etwas sehen konnte, lag dann allerdings am übereifrigen Einsatz der Nebelmaschine, die im Folgenden den ganzen Tag mit voller Power durchlaufen sollte.

Auf der Hauptbühne tobten derweil die irischen Strypes herum. Die Adrenalin-Junkies aus dem Ort Cavan, die hier irritierenderweise in karierten (und nicht etwa in gestreiften) Anzügen auftrat, hatte auf Haldern bereits im Spiegelzelt gezeigt, wie man eine Festivalbühne mittels Rock'n'Roll-Narchie binnen Sekunden in ein Tollhaus verwandeln kann - und schafften das mühelos auch flächendeckend auf der Hauptbühne. Allerdings spielten die Herren ihren Mix aus Rock, R'n'B, Punk und Blues mit einem Tempo, dass es den Zuhörern schnell schwindlig zu werden drohte. Witzig: Frontmann Ross Farrelly gebärdete sich als Liam Gallagher-Ersatz und dass Pete O'Hanlon der Bassist und nicht der Lead-Gitarrist der Band ist, fiel erst nach ca. 10-15 Tracks auf, da der Mann sein Instrument dermaßen progressiv bearbeitete, dass es aussah, als sei er der Gitarrenheld der Band - und nicht etwa der im Vergleich unauffälligere Josh McClorey.

Im Zelt stand derweil der einzige Solo-Songwriter-Act des diesjährigen Line-Ups auf der Bühne. Alleine mit seiner sonoren Stimme, einer 12-saitigen Gitarre und einer sympathisch zurückhaltenden Bühnenpräsenz und seinen Geschichten schaffte es der Engländer Roo Panes, das Publikum zum andächtigen Zuhören zu bewegen. Das war dann zwar gar nichts Spektakuläres - aber in der dargebotenen Konsequenz dann doch schon wieder bemerkenstwert.

Auf der Hauptbühne wurde derweil Spielzeug aufgebaut. Denn die schwedische Instrumentalband Wintergatan hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit den Mitteln der Elektronik und des Heimwerkelns einen einzigartigen Soundmix zu kreieren. Richtige Instrumente, wie z.B. eine Harmonika oder ein Drumkit gibt es zwar auch - aber es sind die selbst konstruierten Apparate wie hier z.B. eine Art überdimensionaler Spieldose mit Lochstreifenbändern, zweckentfremdete Schreibmaschinen oder ein elektronisches Vibraphon, die hier im wahrsten Sinne des Wortes den Ton angeben. Musikalisch bewegen sich Wintergatan dabei auf einem ähnlichen Level wie ihr französischer Kollege Yann Tiersen, an den sie harmonisch und strukturell zuweilen stark erinnern.

Im Zelt entfachte Albin Lee Meldau, ein studentisch wirkender Mann aus Göteborg mit seinem theatralisch dargebotenen Skandinavia-Soul-Pop und seiner stark spiegelnden Brille zunächst mal ein wenig Vaudeville-Charme, bevor er sich dann doch entschloss, mit seiner Band auch ein wenig Power zu entwickeln und dann eher gutgelaunte Pop-Musik ins Spiel zu bringen. Meldau, der es mit seiner schlaksig/linkischen Art dann doch ein wenig übertrieb, gilt als Hoffnungsträger der jungen skandinavischen Songwriter-Riege. Das gefiel auch Isobel Beardshaw alias Izzy Bizu, Londons neuer Soul-Pop-Hoffnung, die als Support von Sam Smith bereits zu einiger Bekanntheit gekommen war und die sich als eine der wenigen Musikerinnen auch als Fans unter das Publikum mischte.

Bevor allerdings Izzy und ihre Band im Folgenden für ein prall gefülltes Spiegelzelt sorgten, gab es eine jener Haldern-Eigenarten zu bestaunen, die bei konventionell strukturierten Musikfans gemeinhin für irritierte Gesichter sorgen: Der - zwar unabsichtlich fälschlich, aber dann doch irgendwie treffend - als "völkischer Musiker" angekündigte steyermarker Alpenmusiker Hubert von Goisern bewies mit seinem Auftritt, dass man in Österreich ein grundlegend anderes Verständnis von der Rockmusik hat, als das selbst bei uns der Fall ist: Mit stoischer Gelassenheit ließen Goisern & Co. jegliches Feeling für das, was den Geist des Rock'n'Roll ausmacht, außer acht und spielten stattdessen extrem schwerfällig, aber laut angerichtete Folklore. Punkt. Das gefiel bezeichnenderweise dann eher solchen Fans, die selbst aussahen, wie der alpengegerbte Meister. Das war - für den normalen Musikliebhaber - dann zweifelsohne einer der härtesten Acts, die Stefan Reichmann in den letzten zehn Jahren auf der Hauptbühne des Festivals platziert hatte.

Im Zelt zeigte dann zum Glück Izzy Bizu mit einer jungen, hungrigen und perfekt aufeinander eingespielten Band, was man mit handwerklichem Geschick, einer sympathisch lockeren Bühnenpräsenz, ausgezeichnetem Songmaterial und der richtigen Inspirationsquelle (in dem Fall Northern Soul) aus eigentlich ausgelutschten Genres wie dem organischen Soul-Pop, noch so alles herauskitzeln kann. Dabei zeigte Izzy übrigens tatsächlich eine ganz eigene Note - indem sie nämlich alle Manierismen, mit denen die US-amerikanische Variante des Soul-Pop (von der sie sich demzufolge bewusst absetzte) für gewöhnlich überfrachtet ist, vermied und stattdessen einfach das Material für sich wirken ließ. Dass sie dabei eine geborene Performerin mit Charisma und Flair ist, schadet natürlich nicht wirklich. Izzy Bizu dürfte man hierzulande übrigens auch gleich zum letzten Mal in einem solch überschaubaren Rahmen gesehen haben.

Auf der Hauptbühne hatte die Amerikanerin Julia Holter mit ihren durchaus großartig konstruierten, aber eben auch besonders anspruchsvollen, jazzig-abstrakten Art-Pop schwer, genügend Fans für ihr Tun begeistern zu können. Julia wäre sicherlich im Zelt besser aufgehoben gewesen - wie bei ihrem ersten Haldern-Auftritt in der Vergangenheit. Die, die sich angesprochen fühlten, wurden hingegen mit einem feinsinnigen Auftritt voller hintergründigem Humor belohnt. Selbst in den verstiegensten 12-Ton-Momenten hatte Julia z.B. noch ein "Schubidu" auf den Lippen, pfiff auch mal eine Strophe und schaffte es tatsächlich, durch das Nacherzählen eines Traumes selbst so etwas wie eine traumähnliche Stimmung zu erzeugen.

Ähnlich war das auch beim Auftritt von Thees Uhlmann - wobei sich hier allerdings eher eine albtraumhafte Stimmung einstellte. Immerhin ist der Mann ja nun erwachsen, ein Familienvater und ein gestandener Autor. Warum er sich dennoch immer noch als musikalischer Pennäler gebiert, ist dann schon ein wenig rätselhaft. "Luftballons im Publikum - ist das überhaupt noch Rock’n'Roll?", fragte Uhlmann irritiert bei einer seiner unkoordinierten Ansprachen ans Publikum, das er "Halderner Gefangenenchor" nannte. Immerhin sind Luftballons mehr Rock'n'Roll als Uhlmanns Musik, die musikalisch ziemlich uninspiriert und kraftlos banal ins schlagerlastige abrutschte. Selbst bei alten Tomte-Klassikern kam da keine Rock'n'Roll-Stimmung auf. Und nicht ein Mal die Horny Horns (Halderns Antwort auf die Wacken-Feuerwehrkapelle) konnten mit ihrem bedingungslosen Einsatz diesen Auftritt in die Ernsthaftigkeit retten.

Elena Torra und ihre Band Daughter durften - als echte Haldern-Entdeckung - bei ihrem erneuten Gastspiel nun auch auf die Hauptbühne. Ob man der Band damit wirklich einen Gefallen getan hatte, darf aber vielleicht bezweifelt werden, denn überzeugten Daughter bisher immer mit einer sympathisch gelösten Präsentation, so schien sich insbesondere Elena in der streng durchkonzipierten Bühnenshow sichtlich unwohl zu fühlen. Musikalisch und dramaturgisch wirkte sich das indes nicht besonders aus, denn was Elena an Nonchalance vermissen ließ, rettete dann Gitarrist Igor Haefeli mit einigen lockeren Sprüchen, mit denen er sich beim Publikum bedankte. Und dann war da ja auch noch der Umstand, dass Daughter auf ihrer zweiten CD das Soundspektrum deutlich ausgeweitet hatten, beim Auftritt auf Haldern einen Keyboarder zur Verstärkung dabei hatten und überhaupt eine fast orchestrale Note in ihr Soundkonzept eingebaut hatten. Zusammen mit einer ausgefeilten Licht-Dramaturgie passte das dann wieder zum Hauptbühnen-Setting, so dass am Ende dann doch eher eine zwer stilisierte, aber auch beeindruckende Rock-Show in Erinnerung blieb.

Wieder ein Mal hatte das Haldern-Pop am Ende dann mit dem wagemutigen Mix aus Neuem und Altbewährtem, dem Verzicht auf Offensichtliches, großen und kleinen Namen, einem besonders abenteuerlichen Stilmix und einem erstmalig lückenlosen Timing, das theoretisch tatsächlich den Besuch aller Konzerte auf dem Festivalgelände möglich gemacht hätte, die führende Position der mittelgroßen Festivals mühelos behaupten können.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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