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Konzert-Bericht
 
Der Mann hinter dem Vorhang

Joseph Arthur
Reuben Hollebon

Köln, Blue Shell
06.11.2016

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Joseph Arthur
Da präsentiert man mal eine Tournee - und dann wird diese nicht nur um ein halbes Jahr verschoben, sondern auch gleich auf einen einzigen Termin eingedampft. Letztlich blieb also nur der Termin im Kölner Blue Shell von der Tour übrig, auf der Joseph Arthur ursprünglich eigentlich sein aktuelles Album "The Family" hatte präsentieren wollen. Nicht ein Mal daraus wurde dann etwas, denn bekanntlich hatte Joseph die Songs dieses Albums auf einem antiken Flügel geschrieben. In den USA - namentlich seiner Heimatstadt New York - spielte er demzufolge auch Konzerte auf einem Flügel. Das war aber wohl für seinen Europa-Abstecher dann doch zu aufwendig, weswegen sich Joseph in Köln dann zwar mit einem Taschen-Piano, hauptsächlich aber mit einer elektrischen Gitarre und einem neuen "Looper" dem Publikum präsentierte, den er auf der Bühne einem Gebrauchstest unterzog.
Bevor Joseph indes diesbezüglich seine Magie entfachen konnte, präsentierte sich Reuben Hollebon aus Norfolk dem Publikum. "Ich bin Reuben Hollebon und spiele Songs, rede aber nicht viel", meinte dieser einleitend. Dafür ließ der Mann, der seine Laufbahn keineswegs als Troubadour, sondern als Toningenieur (auch auf dem Gebiet der Klassik) begonnen hatte, seine Songs erzählen. Es mag an diesem ungewöhnlichen Werdegang liegen, dass die ambitioniert geschachtelten Folksongs, die Hollebon hier mit seiner markanten, hochtonlagigen Kopfstimme vortrug, insbesondere strukturell immer wieder in neue, epische Gefilde abdrifteten. Dazu spielte Reuben barfüßig aber virtuos auf seiner Akustikgitarre, die er mit geschlossenen Augen hochkonzentriert wie einen Teddybär liebkoste. Dem Publikum schienen die jazzig dargebotenen, elegant-spröden Songs über die Endlichkeit der Nostalgie, die Hollebon soeben auf seinem dementsprechend betitelten Debüt-Album "Terminal Nostalgia" zusammenfasste, durchaus zu gefallen. Jedenfalls wurde störungsfrei zugehört und es gab auch Szenenapplaus - obwohl das, was Hollebon als Performer auszeichnet, im krassen Gegensatz zu dem spontanen Wirken etwa eines Joseph Arthur steht.
Dieser stand dann zunächst mal leicht verwirrt vor seinem neuen Effektpedal (das neben des erwähnten Loopers auch noch jede Menge Gitarreneffekte auf insgesamt 12 Soundbänken enthielt) und versuchte damit klarzukommen. "Ich muss hier eine ganze Menge ausprobieren", kommentierte er seine Versuche, durch Hin- und Herschalten zu geeigneten Settings und Loops zu finden, "langsam werde ich zu alt für all dieses moderne Zeug mit all diesen blinkenden Knöpfen. Früher hatten wir einfach Bandmaschinen." Der Kampf mit der Technik setzte sich als Running-Gag dann während des ganzen Konzertes fort. Es sah dann auch gar nicht gut aus bezüglich der Bewertung, zu der Joseph diesem Gerät gegenüber fand. Schließlich stellte er sich hin und meinte (in Anlehnung auf den Zauberer von Oz): "Achtet einfach nicht auf den Mann hinter dem Vorhang. Es ist gar nicht so einfach, wie es aussieht, hier auf der Bühne Magie zu wirken."

Wer indes die Laufbahn von Joseph Arthur in den letzten Jahren verfolgt hat, der konnte dann auch erkennen, dass dieses trotz allem ein recht typisches Konzert des Meisters war, denn dieser lebt schließlich auf der Bühne seit einiger Zeit von dem Versuch und Irrtum-Prinzip. Da das mit dem pianolastigen Family-Material (bis auf Ausnahmen wie "Sister Dawn") nicht so recht klappte und der Einsatz einer elektrischen Gitarre ja auch eher atypisch für eine Joseph Arthur-Show ist, geriet das ganze am Ende zu einer ungewohnt rockigen Angelegenheit - zumindest dann, wenn es Joseph gelang, einen ordentlichen Beat zu fabrizieren und er die Sample-Wut in überschaubaren Rahmen hielt. Am besten funktionierte die Sache immer dann, wenn er sich diesbezüglich zurück hielt und das Material eher straight anging. Zum Beispiel indem er den Rhythmus auf seinem Instrumentenkoffer stampfte ("Wir haben früher nur einen Koffer als Drumkit gehabt", prahlte er, "einen Jon Bonham brauchten wir nicht, um ordentlich Led Zeppelin zu spielen."). Überhaupt war Joseph an diesem Abend betont gut gelaunt und machte sich einen Spaß daraus, mit dem Publikum seine Witzchen zu treiben. Als es ihm zum Beispiel zu warm wurde und er sein Jäckchen auszog, reichte ihm eine Dame aus dem Publikum ein Päckchen Tempo-Tücher. "Hast du denn kein Handtuch?", fragte Joseph. "Nein - das ist das beste, was ich tun kann", war die Antwort. "Das beste, was du tun kannst?", meinte Joseph konsterniert, "was ist denn bloß mit der heutigen Generation los? Früher war das beste, was man tun kann, ganz etwas anderes. Wenn ich früher in deiner Position gewesen wäre, dann wäre ich nach draußen gegangen, hätte eine Kuh gesucht, diese geschoren, ein Handtuch gehäkelt und mir dieses gereicht. Das ist das Beste, was ich hätte tun können." Nun ist das ja so, dass man sich bei Joseph Arthur nie so recht sicher sein kann, wie ernst er solche Frotzeleien meint. Der Neid muss es einem aber dann auch lassen, dass das für gute Stimmung und einen angeregten Dialog mit den Fans sorgt.

"Das ist ja auch eine kollaborative Angelegenheit", kommentierte er den Prozess - nachdem ihn ein Herr aus dem Publikum gebeten hatte, statt des angepeilten Folksong "Echo Park" es doch noch mal mit dem Looper zu probieren - was er dann auch tat. Das Programm sprang dabei spontan von Song zu Song und schließlich stimmte Joseph sein Stück "I Miss The Zoo" an. Seit einigen Jahren nutzt er diesen, um - nachdem er das musikalische Motiv im Looper aufgebaut hat - dazu, einhändig singend mit der anderen Hand während des Vortrages eines seiner Bilder zu malen (Joseph ist ja auch ein etablierter bildender Künstler). Nach einer kleinen Pause (in der er sich wohl die Farbe von den Fingern wusch) kehrte er dann auf die Bühne zurück und bot einen ausufernden Zugabenteil, in dem er zum Beispiel spontan die Lou Reed-Nummer "Walk On The Wild Side" anstimmte und - ebenfalls aufgrund eines Publikumswunsches - auch seinen Anti-Trump-Campaign-Song anstimmte, den er soeben als kostenlosen Download auf seine Website ins Netz gestellt hat. Darüber hinaus verkniff sich Joe allerdings Kommentare zur Politik. Nachdem er sein Bild mittels eines weiteren Songs fertig gestellt hatte, beendete er den offiziellen Teil des Programmes, migrierte dann aber spontan zum Merchstand, wo er noch eine Unplugged-Akustik-Session nachschob, in der er dann "Teile verschiedener Songs" (darunter auch seinen größten Hit "In the Sun") zum Besten gab. Wie der Mann aus dem New Yorker Stadtteil Red Hook (was man ja so viel einfacher aussprechen könne als Köln - wie er meinte) ganz richtig verlautbaren ließ: So richtig oft kommt er ja nicht in unsere Breiten. Insofern bot dieses Konzert am Ende dann zum Glück eine gute Gelegenheit zu dem aktuellen Joseph Arthur-Mindset aufzuschließen.

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Surfempfehlung:
www.josepharthur.com
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www.reubenhollebon.com
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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Joseph Arthur:
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