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Konzert-Bericht
 
Unglücklicher Herrenabend

Mick Flannery
Aliocha

Köln, Studio 672
13.12.2016

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Mick Flannery
Heimlich, still und leise - ganz so, wie er seine Konzerte offensichtlich auch anlegt - hat sich der Ire Mick Flannery im Laufe der Jahre in die erste Liga der Songwriter-Kollegen seines Landes vorgeschoben. Mittlerweile schafft es der Mann - wohl auch dank der Möglichkeiten seiner Major-Label-Verträge - ganz normale Konzertbesucher (= diejenigen, die nur gelegentlich zu angesagten Events gehen) für sich zu interessieren. Insofern war dann wohl auch das betont bunt gemischte Publikum im Kölner Studio 672 zu erklären, in dem sich Spezies aller Gattungen von Fans wiederfanden.
Diese wurden zunächst mal mit einem interessanten Vertreter seiner Art konfrontiert: Dem jungen, in Paris geborenen Frankokanadier Aliocha, der seine Zeit zwischen Montreal, Paris und Los Angeles verbringt und dortselbst ersten Erfahrungen in Sachen Songwriting sammeln konnte. Nebenbei arbeitet er auch als Schauspieler und nahm in Göteborg und Paris seine Songs auf, die er nun auf seiner ersten EP "Sorry Eyes" herausbrachte. Die internationale Erfahrung auf verschiedenen Gebieten ist dem Mann auf der Bühne durchaus anzumerken und machen ihn zu einem nonchalanten, charismatischen Performer. Musikalisch orientiert sich Aliocha unumwunden an großen des Genres - namentlich Dylan und Elliott Smith - was auf seiner französischsprachigen Web-Page auch eingeräumt wird und musikalisch durchaus auch herauszuhören ist. Insbesondere, was die Art seines wieselflinken, vielfingrigen Gitarrenspiels betrifft, sind deutliche Parallelen zu Elliott Smith erkennbar - wobei dieses nicht störend ins Gewicht fällt, denn zum wendet sich Aliocha einem ganz anderen Harmonieverständnis als Smith zu und zum anderen hat er auch eigene Gimmicks eingebaut. So wechselt er zum Beispiel zwischen - durchaus virtuos verspieltem - Spiel mit dem Plektrum und unglaublich komplexem Fingerpicking, indem er einfach das Plektrum zur Seite wirft und somit während des Stückes nahtlos die Spieltechnik umstellt. Normalerweise spiele er mit Band - so der Meister selbst - und habe deswegen eher balladeske Stücke für sein Deutschland-Debüt ausgesucht, aber seine aktuelle Single "Sorry Eyes" wolle er dann doch rocken. Zusätzlich gab es auch zwei Tracks, bei denen sich Aliocha als durchaus passabler Piano-Man outete. Und was das Songmaterial betrifft, so macht der Herr - in Bezug auf Songstruktur, Melodieführung und Dynamik - vieles richtig, was bei geringeren oft in unreflektierter Routine versandet. Damit ist er dem, was Mick Flannery selbst zu bieten hat, durchaus in vielerlei Hinsicht ähnlich.
Denn auch Flannery versteht etwas davon, Songs auf immer wieder spannende Weise nach eigenen Gesetzmäßigkeiten zusammenzufügen und seinen Idolen (Dylan, Cohen und Tom Waits) auf empathische, aber nicht aufdringliche Weise eine Referenz zu erweisen. Darüberhinaus hatte sich Flannery für die Tour zu seinem fünften Studio-Album "I Own You" ein besonderes dramaturgisches Konzept ausgedacht: Er baute nämlich die ganze Show - vom ersten Track "Galfond" an - mit einem sich langsam steigernden Bogen auf, indem er im ersten Teil nur Balladen spielte, denen einige bluesige Nummern beigemischt wurden, sich dann für ein paar Tracks ans Piano setzte und erst im letzten Teil der Show die kraftvolleren Songs insbesondere der neuen Scheibe spielte - wobei die Show dann mit dem im Vergleich rockigsten Track, der Titelnummer des neuen Albums, beendet wurde. Dabei versteht sich Flannery performerisch ganz als Diener seiner Musik - und nicht etwa als Alleinunterhalter. "Ich habe nicht viel zu sagen", erklärte er eingangs denn auch, "deswegen bin ich für Zwischenrufe dankbar." Ein Herr aus dem Publikum rief ihm dann zu, dass er halt nicht reden, sondern singen solle - was er dann auch dankbar annahm.

Ein wenig erzählte er aber doch zu seinen Songs. "Der nächste Song handelt von einem Mann, der nicht sehr glücklich ist", erklärte er zum Beispiel seine Kunst, "in der Tat handeln die meisten meiner Stücke von Männern, die nicht sehr glücklich sind." Tatsächlich ist Flannery auch ein klassischer Vertreter der Abteilung "vertonter Männerschmerz". Er interessiert sich dabei auch nachdrücklich für typische Männerthemen wie Poker ("Take It On The Chin"), unverständliche Frauen ("Show Me The Door" und alle anderen seiner Songs, in denen Frauen vorkommen), Bartender ("The Tender"), Stolz ("Pride") oder (Hingabe "Devotee"). Dabei bleibt Flannery für gewöhnlich persönlich - streift aber gelegentlich seit neuestem dann auch sozial relevante Metathemen wie z.B. in dem Song "I Own You", in dem es um das Verhältnis zwischen Arm und Reich und die Abgehängten unserer Zeit geht. Das ist eine neue Facette im Wirken des Mannes, der somit auf "I Own You" erstmals aus dem um sich selbst kreisenden songwriterischen Mikrokosmos ausbricht. All das trägt Flannery aber niemals predigend oder gar mit erhobenen Zeigefinger vor, sondern mit einer an Demut grenzenden Zurückhaltung - was für einen angesagten Mann auf der Bühne ja auch mal ganz sympathisch sein kann. Musikalisch kommt das Ganze dann zwar weniger experimentell rüber, als einiges auf der Studio-Produktion (Elektronik und HipHop-Einflüsse etwa gab es nicht) - dafür agierten Flannery und seine exzellente Band aber betont einfühlsam und organisch. So spielte Flannery seine (übrigens von unten nach oben bespannte) elektrische Linkshänder-Gretsch etwa bemerkenswert leise oder outete sich am Piano sitzend - zumindest stimmungsmäßig - dann als würdiger Tom Waits-Emulator. Und noch ein Detail fiel ins Gewicht: Für einen Iren hat Flannery ein bemerkenswert sicheres Timing und bringt seine Songs in durchaus vernünftigen Zeitrahmen über den Tisch, ohne sich in den elegischen Frickeleien vieler seiner Landsleute zu verlieren. Insgesamt war dieses ein sehr schöner Konzertabende für alle, die eher auf durchgehend gute Songs in makellosen Inszenierungen stehen, als auf einen mit großer Geste vorgetragenen aktuellen Hit plus entsprechendem Füllmaterial.

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Surfempfehlung:
www.mickflannery.com
www.facebook.com/mick.flannery.musician
www.facebook.com/AliochaS
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Mick Flannery:
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