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A Star Is Born

Phoebe Bridgers
Glenn Munson

London, St. Pancras Old Church
05.07.2017

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Phoebe Bridgers
An altehrwürdiger Stelle absolvierte die aus Los Angeles stammende Songwriterin Phoebe Bridgers das Ende ihrer europäischen Debüt-Tour als Solo-Künstlerin in der Old Church nahe des St. Pancras Bahnhofs im Londoner Stadtteil Somerstown. Die alte Kirche ist eine der ältesten erhaltenen Kirchen überhaupt: Im 14. Jahrhundert erbaut auf den Ruinen eines römischen Tempels - und aufgrund der damals exponierten Platzierung eine der wenigen Kirchen, die das große Feuer von 1666 unbeschadet überstanden haben - dient sie seither als Stätte christlichen Glaubens und strahlt somit eine Menge historisch-spiritueller Vibes aus. Genau der richtige Ort also, für ein angenehm temperiertes Singer-Songwriter-Event an einem ansonsten brüllend heißen Sommertag.
Phoebe Bridgers, die in unseren Breiten erstmals als Elevin und Support-Act auf Conor Obersts Solo-Tour im Januar dieses Jahres in Erscheinung trat, hätte eigentlich auch in Berlin auftreten sollen - was aber aufgrund der Querelen des letzten Terror-Scares am Pariser Flughafen Charles De Gaulle nicht möglich gewesen war, so dass das Londoner Konzert die letzte Gelegenheit bot, die charmante Performerin in Europa erleben zu können. Aufgrund der Connection zu Conor Oberst (und einer zusätzlichen Verbindung zu Ryan Adams, auf dessen Label Phoebe ihre ersten Studioaufnahmen veröffentlichte), ist der Name Phoebe Bridgers unter Kennern immerhin so bekannt, dass die Old Church ausverkauft war, obwohl Phoebes Debüt-Album "Stranger In The Alps" erst im Herbst herauskommen wird. Sie selbst fühlt sich deswegen zur Zeit zwar noch "als halber Mensch" - was sich aber auf ihre Live-Auftritte aber zum Glück keineswegs auswirkt.

Als Support war der aus Essex stammende Kollege Glenn Munson eingeladen worden. Munson machte gleich deutlich, worum es ihm bei seiner Musik geht: "Ich schreibe vorzugsweise depressive Songs über mich selbst", erklärte er zu Beginn seines kurzen Sets - und versprach damit auch wirklich nicht zu viel. Glenn singt mit einer kehligen Stimme, die ein wenig an jene von John Martyn erinnert, und hat auf seiner Facebook-Seite verräterisch viele Fotos von sich in einem Bedsitter-Umfeld geposted. Der Tenor ist also klar: Es geht hier um die musikalische Umsetzung von Männerschmerz-Melancholie in einem folkigen Umfeld. Das gilt auch für die "lebhafteren" Songs des Meisters, die dieser mit einer Band geschrieben hat - wie er verriet -, die sich aber dennoch in das nachdenkliche, ja fast meditative Setting fernab jeglicher Pop-Unverbindlichkeiten einordnen, das Munson zu bevorzugen scheint. Ein Umstand sei noch erwähnt: Der Sound der verschiedenen Gitarren, die Munson bemühte, kam wirklich exzellent rüber.

Das galt dann auch für das Konzert von Phoebe Bridgers, das diese zusammen mit ihrem "besten Freund" und Gitarristen Harrison Whitford (der Phoebe auf der E-Gitarre begleitete) absolvierte. Natürlich ging es bei diesem Konzert darum, das Material, das Phoebe auf ihrer LP und den vorab erschienenen Singles angesammelt hat, vorzustellen - aber auch darum, Phoebe als Solo-Künstlerin zu etablieren. Und hier haben wir es mit einer performerischen Urgewalt zu tun. Nicht deswegen, weil Phoebe als Performerin alle Register der Unterhaltungskunst zieht oder als virtuose Instrumentalistin brillieren möchte, sondern weil sie eine geradezu überwältigende Bühnenpräsenz besitzt. Tatsächlich wirkte die 22-jährige eher wie eine souveräne Veteranin als wie eine Debütantin, die erst noch einen eigenen Weg finden muss. Das mag damit zusammenhängen, dass sie ihre Musiker-Karriere mit Jobs als Schauspielerin in Werbespots finanzierte - wahrscheinlicher ist es jedoch eher, dass sie ihr Tun dermaßen liebt, dass daraus auf der Bühne eine selbstverständliche Souveränität erwächst, die wirklich jeden Zweifel beiseite räumt und das Publikum am Ende mühelos für sich einnimmt. Dass sie dabei durchaus humorvoll und kommunikativ auf das Publikum eingeht und ihre Songs mit kleinen Anekdoten und Geschichten untermalt, erschwert die Sache natürlich auch nicht gerade. Es braucht nicht besonders viel prophetisches Geschick, um Phoebe eine große Zukunft als Performerin und Songwriterin vorherzusagen.

Was bei den Konzerten mit Conor Oberst natürlich nur angedeutet werden konnte, geriet in diesem Setting nun zu (fast) voller Blüte (fast deswegen, weil dieser Showcase im reduzierten Duo-Format angesetzt worden war). Phoebe präsentierte ihre Songs mit einer Souveränität, Intensität und Glaubwürdigkeit, die einfach keinen Widerspruch zulässt. Das gilt sowohl für ihre eigenen Songs, wie auch für Coverversionen - die sich Phoebe freilich mittels ihres eigentümlichen Stils mühelos zu eigen macht. "Da ich in England bin, dachte ich mir, dass das doch eine gute Gelegenheit sei, einen Song einer unterschätzten englischen Band zu spielen, die ich neulich für mich entdeckt habe", kündigte sie etwa eine hypnotisch zerdehnte Akustik-Version "Fake Plastic Trees" von Radiohead an. Der erwähnte eigentümliche Stil Phoebes besteht dann darin, dass sie ihre morbiden, potentiellen Mörderballaden mit Engelsstimme in Form von unschuldig anmutenden Schlafliedern präsentiert. Das soll keine Kritik sein, sondern nur den hypnotischen Flow ihres Materials erklären. Und Sinn macht das Ganze auch: Phoebe ist nach eigener Aussage von Serien-Killern fasziniert und hat deswegen ihre Engelsstimme entwickelt, weil sie in ihrer hellhörigen Wohnung und Los Angeles nur flüsternd singen kann. Das Mörder-Thema zieht sich dabei - direkt wie indirekt - durch Phoebes ganzes bisheriges Oeuvre. Sei es bei dem Song "Killer", den sie mit Ryan Adams aufnahm, "Chelsea", das sie als Hommage an Sid & Nancy schrieb, über die sie als Teenagerin phantasiert habe, wie sie sagt, oder das gar entsprechend betitelte "Funeral". Zum Glück gibt es aber auch noch Songs, die sich mit normalen Themen wie Beziehungsdramen ("Smoke Signals", "Georgia" oder "Motion Sickness") oder Sex ("Demi Moore") beschäftigen. Abgerundet wurde das Programm durch Nicht-LP-Songs wie "Steamroller" (die B-Seite einer Single) und der von Harry Whitford geschriebenen Nummer "Part Time Heart".

Phoebe selbst agierte an diesem Abend vollkommen unaffektiert und volksnah. Nach der Show etwa blieb sie so lange, bis sie wirklich fast jedem der Anwesenden die Hand geschüttelt, die mitgebrachte Single signiert oder für ein Photo bereit gestanden hatte. Keine Frage: An diesem Abend war die Geburt eines kommenden Stars zu beobachten gewesen. Das heißt: "Star" ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, denn dazu fehlen Phoebe eigentlich die Allüren. Aber angesichts dessen, dass es ihr gelingt, ein bunt gemischtes Publikum - und insbesondere die zum diesbezüglichen Erfolg notwendigen jungen Damen - anzusprechen (und zu begeistern), dürfte zumindest ihre Zukunft als Indie-Ikone gesichert sein.

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Surfempfehlung:
www.phoebefuckingbridgers.com
www.facebook.com/phoebebridgers
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www.facebook.com/GlennMunsonMusic
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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