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Haldern Pop Festival 2017 - 2. Teil

Rees-Haldern, Alter Reitplatz Schweckhorst
11.08.2017

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Benjamin Clementine
Der zweite Festivaltag begann, übrigens bei durchweg viel besserem Wetter als tags zuvor, im Dorf: Für die einen mit Schlangestehen beim Bäcker oder dem Auffüllen der Alkoholvorräte im Supermarkt, für einige wenige allerdings auch in der Haldern Pop Bar. In der früheren Gaststätte unter dem Haldern Pop-Hauptquartier hätte mittags eigentlich Aldous Harding spielen sollen, kurzfristig (und, das sei kritisch angemerkt: miserabel kommuniziert) wurde der Auftritt der neuseeländischen Durchstarterin aber auf einen Nachmittagstermin im Spiegelzelt verlegt. Dennoch gab es in der winzigen Bar am späten Vormittag ein echtes (und für die allermeisten wohl auch vollkommen unerwartetes) Highlight zu erleben.
Die Band TootArd (arabisch für "Erdbeere") stammt von den Golanhöhen im Nahen Osten und kredenzte dem Publikum eine ziemlich einmalige Mischung aus Roots, Reggae und Rock mit unverkennbar arabischer Note, die demnächst auch in Albumform beim deutschen Glitterbeat-Label erscheinen soll. Mit entwaffnender Herzlichkeit luden sie die hier und da nach der langen ersten Nacht noch etwas wackelig auf den Füßen stehenden Zuschauer immer wieder zum Mitmachen ein - und das ließ sich im Saal niemand zweimal sagen. In Sekundenschnelle wurde der (etwas zu streng) von der Security bewachte Raum vor der Bühne zum Tanzflur erklärt, und auch wenn wohl die allerwenigsten im Raum auch nur ein Wort von den Texten verstehen konnten, klappte es sogar mit dem Mitsingen erstaunlich gut. Am Ende musste die freudestrahlende Band gleich zwei Zugaben geben: So hört es sich also an, wenn eine Band ihr Publikum im Sturm erobert!

In der Kirche gab es mit einem Solo-Set von Luke Elliot einen weiteren Pianoman-Auftritt zu bestaunen. Der Mann aus New Jersey ist allerdings von ganz anderem Kaliber als seine Kollegen Matt Milanese und Ajimal, die am Tag zuvor an gleicher Stelle gewirkt hatten. Das liegt daran, dass Elliot sich mit einer vollkommen authentischen Inbrunst in seinem Material verbeißt. Selbst im Solo-Setting bieten seine klassischen Storyteller-Songs und Charakterstudien mehr Power und Druck als so mancher Kollege mit Band hinbekommt. Das heißt nicht, dass Elliot musikalische Kraftmeierei betreibt, sondern nur, dass er seine Songs emotional und ohne ironische Distanz und unterstützt von gewissen theatralischen, aber nicht aufgesetzt wirkenden Gesten auf der Bühne auslebt. Das ist absolut glaubwürdig und erzeugt beim geneigten Hörer schon die eine oder andere Gänsehaut. Auch mit der Gitarre kann Luke überzeugen und nutzt diese Momente traditionell schon seit einiger Zeit, um etwa seinem Idol Tim Hardin mit einer einfühlsamen Version von "Reason To Believe" Tribut zu zollen.

Der in Bosnien geborene Schweizer Mario Batkovic lieferte dann im Folgenden ein Kontrastprogramm, wie es sich nicht effektiver hätte ausmalen lassen. Batkovic beackert dabei - auf süffisant/subversive Art und mit einigen avantgardistischen Verbrämungen - ein Gebiet, wie es kontemporäre Komponisten vom Kaliber etwa eines Michael Nyman, Philipp Glass oder Yann Tiersen abdecken - die instrumentale Minimalmusik nämlich. Nur, dass er hierzu kein Orchester, kein Keyboard und schon gar keine konventionelle Band-Besetzung benötigt, sondern ausschließlich sein Akkordeon. Wie bei dieser Gemengelage üblich, geht es hierbei nicht um Virtuosität, sondern um schlüssige Klangfolgen und harmonische Variationen (bzw. in Batkovics Fall auch noch um lustige Klangexperimente). Das war ganz angenehm zu ertragen, nachdem das Prinzip erst mal abgesteckt war - aber im Vergleich dann zu lang angesetzt und aufgrund Batkovics humoristischem Ansatz die Präsentation betreffend auch ein wenig albern im Abgang.

Dann wieder vollkommen ernsthaft betätigte sich im Anschluss Julie Byrne aus Buffalo, New York. Julie Byrne wurde von ihrem Vater, der selbst ein Gitarrist ist, zu ihrem lautmalerischen Fingerpicking-Stil inspiriert und führt dessen Werk sozusagen fort, nachdem er an Multipler Sklerose erkrankt ist. Julie Byrnes geradlinge, glasklar strukturierte Songs, in denen es eher um Naturbeobachtungen oder die musikalische Interpretationen von Emotionen und Seinszuständen als um klassisches Storytelling geht, sind in der unaufdringlichen, fast beruhigenden Art, in der sie ihr Material eher schüchtern als abweisend präsentierte, im Prinzip wie gemacht für die Präsentation in einer Kirche. Da zog dann so eine Art atmosphärischer Seelenhauch durch das Auditorium. Mag seltsam klingen, trifft aber das Erleben vor Ort recht genau.

Auf der Hauptbühne hatten sich dann Julian Pollina und seine Mannen versammelt. Das überraschte niemanden, der die Karriere des emsigen Schweizers, der sich lieber Faber nennt, auch nur ansatzweise verfolgt hat, denn Faber ist in aller Munde. Zum Glück wohl auch deswegen, weil er zwar auf Sophie Hungers Einladung auf deren Label reüssierte, aber grundsätzlich durchaus eine sehr eigene Note bietet. Diese besteht aus einer familiär bedingten Beziehung zu italienischen Folk-Themen und einem Interesse für unkonventionelle Songstrukturen und Instrumentierungen in Kombination mit humorvollen Songtexten auf Hochdeutsch, die er selbst gerne als "verwegen" verstanden haben möchte. Der Auftritt in Haldern war dann im Vergleich zu anderen Festivalauftritten der angeschägten Kapelle vielleicht ein wenig zu zerfasert und zerstreut - wobei der schrullige Charme der Schweizer aufgrund spontaner, gut gemeinter, aber nicht sonderlich durchdachter Einzelaktionen des Maitre etwas verpuffte.

Im Spiegelzelt sorgten derweil Mammal Hands für ein hinreißendes Kontrastprogramm. Die Briten Nick Smart (Konzertfügel), Jesse Barrett (Schlagwerk) und Jordan Smart (Saxofon) fesselten die Zuschauer mit einer virtuosen Performance in den zeitgenössischen, dem Rock zugewandten Regionen des Jazz. Auch wenn die Besetzung eher auf ein kammermusikalisches Setting verwies, entpuppten sich Mammal Hands als Meister der rhythmischen Dynamik, die streckenweise auch bei der elektronischen Musik andockte und Verweise auf World Music beinhaltete, ohne dass das Ergebnis irgendwie gezwungen oder unorganisch geklungen hätte. Ein kosmischer Genuss, der ähnlich wie der Sound der seelenverwandten GoGo Penguin für ein breiteres Publikum gemacht ist, ohne Puristen zu verschrecken.

Aldous Harding hatte danach ein wenig mit dem Setting zu kämpfen. Ihr kurzfristig verlegter Auftritt überschnitt sich nämlich mit dem Konzert Blaudzuns auf der Hauptbühne, und der Radau der Niederländer drang gerade gegen Ende doch sehr störend bis zur Zeltbühne vor und lenkte Zuschauer wie Protagonistin spürbar ab. Es hätte schon geholfen, die Türen zum Spiegelzelt nur zwischen Hardings Liedern zu öffnen, aber das war offenbar zu viel organisatorischer Aufwand. Musikalisch zelebrierte die wie ihre Mitstreiter ganz in weiß gekleidete 27-jährige Durchstarterin ihre ureigene Melange aus verträumtem Indie-Folk und launischen Kabarett-Versatzstücken - mal zu viert, oft nur begleitet von ihrem Pianisten, und bisweilen auch nur ganz allein an der (natürlich) ebenfalls schneeweißen Gitarre. Ihre zugegebenermaßen recht gewöhnungsbedürftige Mimik sorgte anschließend für ein geteiltes Echo bei den Zuschauern, dass sie musikalisch einen der außergewöhnlichsten Auftritte des Tages abgeliefert hatte, stand allerdings dennoch außer Frage.

Endlich hatte es dann auch ein Mal Johannes Sigmond alias Blaudzun auf die Hauptbühne des Haldern-Festivals geschafft. Wobei es fast schon seltsam ist, dass das erst jetzt passierte, denn in seiner niederländischen Heimat, die ja quasi gleich um die Ecke liegt, ist er ja schon seit langem eine große Nummer. Vielleicht musste der in der Vergangenheit schon mal als unangenehm und sperrig geltende Maestro aber erst auch ein mal zugänglicher und versöhnlicher werden, damit es klappen konnte? Anders als früher jedenfalls sucht Blaudzun heutzutage den Kontakt zum Publikum, hat erkennbar auch selbst Spaß an seinem Tun - und schafft es vor allen Dingen immer wieder Musiker um sich zu scharen, die diese Begeisterung nicht nur teilen, sondern auch transportieren können. Das war für viele Hardcore Fans (für die aber ja sowieso früher immer alles besser war) fast schon wein wenig zu viel des Guten - in Sachen effektiv auf die Bühne gebrachter musikalischer Lebensfreude macht Blaudzun & Co. momentan aber so schnell niemand etwas vor.

Wäre die britische Musikpresse nicht schon seit einigen Jahren bloß mehr ein Schatten ihrer selbst, dann wären The Amazons aus Reading gewiss Kandidaten um das früher qualitätsträchtige Label "Next Big Thing". Dabei machen Matt Thomson und seine Jungs eigentlich gar nichts Besonderes - das aber dann perfekt. Es gibt soliden Retro-Rock ohne direkten Bezug zu eindeutig identifizierbaren Vorbildern, der von dem Quartett ohne erkennbare Effekthaschereien und ohne viel Brimborium - aber mit solidem handwerklichen Können, ordentlichen Songs, viel Druck und Energie und betont ernsthaft dargeboten wird. No-Nonsense könnte man hier sagen. Der allgemeine Eindruck, den die Herren verbreiteten war dann "Kontrolle" - da lief nichts aus dem Ruder, da passte alles dorthin, wo es hingehörte und auch die Bühnenshow blieb effektiv im Rahmen. Es war dann allerdings erstmals Zeit für Ohrstöpsel im Spiegelzelt. Erwähnenswert war dabei noch der Umstand, dass das Publikum keineswegs aus gleichaltrigen Zeitgenossen bestand (wie z.B. am Tag zuvor bei den Giant Rooks), sondern aus älteren Semestern, die sich mit dieser Art von Musik auskennen.

Dass die Jungspunde von The Amazons im Spiegelzelt vor allem ein älteres Publikum anzogen, hatte einen guten Grund: Gleichzeitig machten sich nämlich AnnenMayKantereit für ihren Auftritt auf der Hauptbühne bereit. Kein Act des Wochenendes war im Vorfeld und während des Festivals so kontrovers diskutiert worden, aber wenn der Auftrag der Band lautete, massig junge Zuschauer nach Haldern zu locken, die auf dem Alten Reitplatz vor der Bühne mit etwas zu viel Glitter im Gesicht, aber dennoch herrlich ausgelassen ihre Lieblingsband abfeierten und damit für die vielbeschworene, aber oft in der Kommerzsucht der meisten Open-Airs längst verlorengegangene "Festivalstimmung" sorgten, dann haben Festivalchef Stefan Reichmann und die Seinen vermutlich alles richtig gemacht. Unter die altbekannten Hits mischten die Domstädter in Haldern sogar einige neue Stücke wie "Der Jüngste von fünf", und für das Nina Hagen-Cover "Farbfilm" wurde wie bei der Studioversion Die Höchste Eisenbahn auf die Bühne gebeten. Einzig das neue Cover von "Valerie" bei der Zugabe blieb ziemlich blass. Aber zum Glück ist das AnnenMayKantereit-Publikum nicht nur jung, sondern auch verzeihend.

Dann kehrte der Anspruch auf die Haldern-Pop-Hauptbühne zurück. Das kanadische Quartett BadBadNotGood war mit der Empfehlung eines mitreißenden Auftritts in der Haldern Pop Bar vor drei Jahren an den Niederrhein zurückgekehrt, im Gepäck das aktuelle Album "IV", mit dem sich die vier Musiker an Saxofon/Querflöte, Keyboards, Bass und Schlagzeug als einzigartige Band an der Schnittstelle von (Acid) Jazz und HipHop positionieren und poppigen Minimalismus mit zügellosen Jams verbinden. Oder sollte man besser sagen "ziellosen"? Denn auch wenn jeder Einzelne der vier an diesem Abend mit instrumentalem Können glänzte, verpuffte die Magie, die BadBadNotGood auf Platte und bei ihren Clubkonzerten verströmen, und so blieb der Auftritt auf der großen Haldern-Pop-Bühne leider erstaunlich wirkungslos.

Wer glaubte, in puncto Anspruch würde der Auftritt der Kanadier nicht mehr zu toppen sein, hatte die Rechnung ohne Benjamin Clementine gemacht. Der hünenhafte androgyne Brite überraschte nicht nur mit einem ungewöhnlichen Bühnenbild (er vorne allein am Flügel, hinter ihm auf einem hohen Podest seine kleine Band und ein fünfköpfiger Chor!), sondern auch mit einer Performance, die das Publikum spaltete. Ungewillt, irgendwelche Anstalten zu machen, das Publikum auf seine Seite zu ziehen oder die Verehrung seitens seiner Fans zu würdigen, glich der musikalisch ambitionierte, schwer in konkrete Wort zu fassende Auftritt, der Clementines Mitstreiter genauso ratlos zu machen schien wie die Zuschauer vor der Hauptbühne, bisweilen einem Akt der Selbstsabotage. Nichtsdestotrotz sorgten Clementines rasantes Pianospiel und sein kraftvoller Gesang, der an Nina Simone und Mark Lanegan gleichermaßen erinnert, immer wieder für Glanzlichter. Bizarr, verwirrend, einzigartig - dieser Auftritt war all das.

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Text: -Ullrich Maurer / Carsten Wohlfeld-



 
 

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