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Konzert-Bericht
 
Schwestern im Dunkeln

Shelby Lynne & Allison Moorer
Rick Brantley

New York, City Winery
22.08.2017

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Shelby Lynne & Allison Moorer
Rick Brantley kommt aus Macon, Georgia - dem tiefen Süden der USA also - und wurde 2016 vom Rolling Stone in der Liste "10 New Country Artists You Need To Know" aufgeführt - aus der ja immer wieder (später dann renommierte) Acts zutage treten. Es machte also Sinn, dass Shelby Lynne und Allison Moorer den Mann als "Anheizer" für die ersten Konzerte, die die Damen gemeinsam mit ihrem aktuellen Cover-Album "Not Dark Yet" angesetzt hatten, verpflichtet hatten, denn - wie sich später herausstellen sollte - ist den Schwestern insbesondere ihre Herkunft und ihre musikalische Historie (die sich im Allgemeinen im Bluegrass- und Country Metier abzeichnete) wichtig.
Brantley ist das, was man in den USA als "smoothen crooner" bezeichnet - jemand also, der mit samtweicher Stimme angenehm temperierte, balladeske Songs zum Besten gibt. Bislang hat der junge Mann zwei EPs mit den beziehungsreichen Titeln "Hi-Fi" und "Lo-Fi" herausgebracht - was aber nicht unbedingt bedeutet, dass er eine besonders breite musikalische und stimmungsmäßige Bandbreite bedient. Neben einer Nummer von Otis Redding (der - wie er selbst - auch aus Macon, Georgia, stammte) bot Brantley klassische, melancholische Country-Balladen zum Thema Männerschmerz. Dass seine aktuelle Single-Nummer "Hurt People" heißt, überrascht da nicht wirklich. Als Anheizer war er daher auch nur bedingt zu gebrauchen - wenngleich er das Publikum in der City Winery mit seiner lockeren Südstaaten-Art (die vom leicht versnobten, städtischen New Yorker Publikum durchaus geschätzt wird) durchaus souverän um Griff hatte.
Dann war es endlich so weit und die Schwestern Shelby Lynne und Allison Moorer standen erstmals für ein gemeinsames Projekt auf der Bühne. Zwar singen Shelby und Allison bereits zusammen, seit sie drei waren - wie während des Konzertes erläutert wurde -, aber bislang hatte sich noch nie die Zeit gefunden, ein Projekt gemeinsam zusammen durchzuführen; und das, obwohl beide Schwestern seit Jahrzehnten im Musikbiz tätig sind und zusammen ca. 25 Scheiben veröffentlicht haben. Auch für die aktuelle CD "Not Dark Yet" blieb nicht genug Zeit, um ein ganzes Album zusammen zu schreiben - was dann auch der Grund dafür ist, dass man sich entschloss, zunächst mal ein Album mit Cover-Versionen einzuspielen - denn (so Allison) ansonsten hätte sich die Sache noch mal um ein ganzes Jahr verzögert. Immerhin ein Stück - das melodramatische "Is It Too Much" - schrieben die Schwestern zusammen und Shelby ist sich auch sicher, dass es in Zukunft auch ein Mal gelingen wird, ein ganzes Album auf diese Weise zu fabrizieren - zumindest nach den nächsten Solo-Bemühungen der Damen (Shelby arbeitet an einer Soundtrack-CD und Allison plant, ein Buch herauszubringen). Nachdem das einleitend gesagt ist, muss auch gleich hinzugefügt werden, dass auch ein Album bzw. ein Konzert mit Cover-Versionen in der Konstellation Lynne / Moorer eine delikate Angelegenheit ist, denn im Laufe ihrer Karrieren haben schließlich beide Damen immer wieder eindrucksvoll bewiesen, dass sie aus dem Material anderer Leute durchaus ergreifende, authentische und eigenständige Versionen herauszukitzeln in der Lage sind. Das, was die Tracks von "Not Dark Yet" - die natürlich das Kernstück des Live-Sets bildeten - zusammen hält, ist die gemeinsame Historie der Schwestern und die Attraktivität der Texte der betreffenden Songs, die nicht umsonst von den größten der Szene - Dylan, Townes Van Zandt, Nick Cave oder Kurt Cobain - stammen. Weniger ausschlaggebend war bei der Wahl der Songs das musikalische Genre, denn Shelby & Allison siedelten alle ihre Interpretationen in einem klar gegliederten, semi-akustischen Setting deutlich jenseits klassischer Country-Sentimentalitäten an - was insbesondere dann, wenn Songs wie "My List" von den Killers, Nick Caves "Into My Arms" oder Nirvanas "Lithium" ins Spiel kamen, zu unerwartet ergreifenden Ergebnissen führte. Zwar beklagte sich Allison scherzhaft darüber, dass der von Shelby ausgesuchte Nirvana-Track einfach zu viele Akkorde enthielte, aber gerade diese Nummer geriet - wie auch auf der Scheibe - auf der Bühne zu einem grandiosen, mitreißenden Höhepunkt. Dabei achteten Shelby und Allison auch darauf, die gewählten Nummern zu echten Live-Versionen aufzubohren, was dazu führte, dass insbesondere Shelby - wie z.B. bei Van Zandts "Lungs" - gerne auch mal eine zusätzliche Strophe dranhängte oder bei "Lithium" die souverän und abgehangen agierende Band nötigte, nochmals in den Song einzusteigen.

Interessant war dann noch die Art, wie die Schwestern (die sich auf der Bühne wie auch im richtigen Leben stets mit "Sissy" anreden) die eigene Geschichte ins Spiel brachten. Singen gelernt haben sie z.B., weil das Radio im Auto kaputt gewesen sei und es nur zwei Eight-Track-Cassetten gegeben habe, so dass Shelby und Allison das musikalische Unterhaltungsprogramm sorgen mussten. Songs wie "Every Time You Leave" von den Louvin Brothers oder Merle Haggards "Silver Wings" verwiesen auf diese Zeit. Die Initiative ging dabei übrigens nicht von den Eltern aus, sondern von den Schwestern selbst, die sich somit die Musik quasi selbst in die Wiege legten. "Ihr könnt ja hören, dass wir nicht von hier sind", erklärte Shelby zum zweiten Teil des Sets, in denen die Schwestern Songs aus ihren Solo-Programmen - auch erstmals gemeinsam - präsentierten, in denen immer wieder die Herkunft aus Alabama eine Rolle spielte - wie etwa in Shelbys "From Where I'm From" oder Allisons "She Knows Where She Goes" - letzteres sangen die Schwestern übrigens so lange ohne Mikro weiter, bis das Publikum zum Refrain selbst mit einstieg. Ansonsten hielten sich die performerischen Gimmicks in Grenzen. Ab und zu wechselte Allison ans Piano oder legte Shelby die Gitarre zur Seite, um sich auf den Gesang zu konzentrieren. Im Übrigen erhärtete sich sowieso der Eindruck, dass es hier nicht um instrumentale Opulenz ging, sondern um die Präsentation von Geschichten und eine Verbindung zum Publikum. Ganz so, wie es sich für ein ordentliches Songwriter-Konzert ja auch gehört. Kurzum: Mit dieser Show präsentierten die Schwestern sich und ihre Musik auf eine unaufdringliche aber auch eindringliche Art auf eine Weise, wie man sie in dieser schlüssigen und selbsterklärenden Form auch nicht oft erlebt - denn da blieben am Ende schlicht keine Fragen mehr offen. Ob die Damen es indes mit diesem Programm auch auf unsere Bühnen schaffen werden, steht noch in den Sternen. "Wir arbeiten aber dran", verspricht Shelby nach der Show, "weil wir es lieben in Deutschland zu spielen." Wollen wir mal hoffen, dass es klappt.

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Surfempfehlung:
www.facebook.com/shelbyandallison
allisonmoorer.com
www.shelbylynne.com
www.rickbrantley.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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