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Alles auf ein Mal

The Dream Syndicate
Rhonda

Bonn, Harmonie
20.10.2017

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The Dream Syndicate
Da geht man eigentlich ohne besondere Erwartungen zu einer Rockpalast Aufzeichnung der Crossroads-Reihe in der Bonner Harmonie - und bekommt dann einen ziemlich perfekten und unterhaltsamen Konzertabend geliefert. Warum? Nun, weil bei dieser Kombination der klassischen Soul-Pop-Band Rhonda aus Hamburg und der Paisley Underground-Legende The Dream Syndicate so ziemlich alles dabei war, was das Herz eines weltoffenen Musikfreundes, der nicht unbedingt abhängig von den Empfehlungen des Formatradios ist, erwärmen kann. Und das galt dann tatsächlich für beide Acts.
Dass die Band Rhonda eigentlich immer etwas mehr sind als eine "breit aufgestellte Soulband" (so oder ähnlich kündigte Rembert Stiewe den Act an), haben sie ja auf diversen LPs und zahllosen Auftritten stetig bewiesen. Und so blieb der klassisch inszenierte Soul-Pop am Ende nur eine der vielen Facetten, die Milo Milone und ihre Herren an diesem Abend inszenierten. Obwohl diese Facette dann schon maßgeblich ist, denn einen solch fetten Soul-Pop-Sound mit klassischen Stax, Motown und Muscle Shoal-Momenten muss man (zwar mit der Hammond Orgel Offer Stocks im Rücken, aber natürlich ohne Bläsertruppe) auch erst mal so hinbekommen, dass man als Zuhörer nicht gleich gähnend zu den Originalen greift. Und das gelingt Rhonda durchaus ziemlich souverän und scheinbar mühelos. Sympathische Ansagen und kleine Fehlerchen inklusive. Aber das ist halt Live-Musik - und dazu zählt Spontaneität. Allerdings hielt sich die Begeisterung der WDR-Kamera-Leute verständlicherweise in Grenzen (bzw. stand dieses versteinert ins Gesicht geschrieben), als sich Milo spontan auf das Absperrgitter des Kameragrabens stellte und dort ein paar Strophen zum Besten gab - und mehr noch, als die Band zur Zugabe ankündigte, man wolle jetzt etwas machen, "was nicht abgesprochen" sei und dann unplugged ins Auditorium stieg, um dort ein Ständchen zu singen. Die Fans störte das natürlich nicht und diese brachen zum Schluss gar in überraschend frenetischen Applaus ist - was für eine Band, die von den Anwesenden viele "nicht so richtig auf dem Schirm" gehabt haben dürfte, schon ein ordentliches Etappenziel darstellt. Bis dahin war aber auch eine Menge passiert. Neben etlichen ausgezeichneten Soulpop-Songs der beiden Alben "Raw Love" und "Wire" gab es Tracks, die in ihrer punkigen Effektivität durchaus an die Vorgängerband Trashmonkeys erinnerten, es gab schmirgelnden Blues, psychedelische Drone-Phasen, einen klassischen Torch-Song-Moment, als sich Milo und Bassist Jan Fabricius auf das Drumpodest setzten und sogar so etwas wie jazzige Zwischenspiele (zumindest mal als Intro oder Bridge). Keine Frage: So wünscht man sich lebendige, vielseitige, organische Live-Musik einfach.
Das Ulkige an diesem Abend war dann, dass das mit dem Auftritt von The Dream Syndicate dann - wenngleich in einer anderen musikalischen Genussmittelklasse - einfach so weiter ging. Dabei ist die offizielle Reunion-Tour der Paisley Underground-Bandlegende um den manischen Frontmann Steve Wynn eigentlich ein Ereignis, das niemals hätte stattfinden sollen - denn Steve Wynn war es schließlich, der jahrelang postulierte, dass The Dream Syndicate jene Band sei, die sich wohl niemals reformieren würde. Aber wie schon John Lennon sagte: Das Leben passiert, während du andere Pläne machst. Und da standen sie nun: Die Ur-Mitglieder Steve Wynn, Mark Walton, Dennis Duck, sowie der alte Kumpel Chris Cacavas (weiland bei der Paisley Underground "Konkurrenzband" Green On Red) als Gast und Gitarrist Jason Victor als "Neuzugang" (die alten Gitarristen Karl Precoda und Paul B. Cutler standen aus persönlichen Gründen nicht mehr zur Verfügung). "Wir sind The Dream Syndicate", erklärte Steve Wynn und ergänzte dann, "ich sage das nur, weil ich das gerne sage."

Tatsächlich hatte aber im Folgenden nicht nur Steve Wynn sondern auch die anderen beteiligten Musikanten einen Heidenspaß daran, nicht einfach nur die alten Zeiten wieder aufleben zu lassen, sondern die sittsam bekannten Dream Syndicate-Tracks durch neues Material und eher selten live gespielte Songs (etwa "Armed With An Empty Gun" oder "Whatever You Please") aufzufrischen und die, die dann gespielt wurden, sozusagen auch gleich musikalisch zu "vivisektieren". Damit ist gemeint, dass die alten Songs gehörig aufgemöbelt wurden, während selbst die neuen Tracks zuweilen bereits wieder in anderen Inkarnationen als auf der soeben erschienenen LP "How Did I Find Myself Here" zu hören waren. Ein paar Beispiele: Gleich der Opener, "Halloween", kam mit einer Portion psychedelischer Krautrock-Spannung rüber, der neue Track "Like Mary" kam im Gewand einer entspannten Pop-Ballade mit Slide-Gitarrenverzierung daher, "Medicine Show" als Punk-Rausschmeißer, "How Did I Find Myself Here" - schon auf der Scheibe eine epische Zehn-Minuten Nummer - im Gewand einer jazzigen Grateful Dead-Emulation der "Terrapin Station"-Phase, "That's What You Always Say" eher grrovend als rockend und beim abschließenden "Days Of Wine & Roses" gab es gar Bo Diddley-Momente zwischen Jason und Steve zu bestaunen. Das ist aber alles irgendwie auch erklärbar und schlüssig - denn auf die o.a. Thematik und die betreffenden Referenzen angesprochen, meinte Steve Wynn nach der Show mit einem breiten Grinsen: "Du beschreibst da im wesentlichen meine Lieblingsbands."

Wie dem auch sei: Mit einer solch überraschenden und kurzweiligen Show hatten wohl nicht mal die alten Fans von damals gerechnet - geschweige denn Nachgeborene, jüngere Fans, die es vereinzelt auch gab. Da machte es auch nix, dass Chris Cacavas’ Keyboard gerade da den Geist aufgab, als Steve ihn mit dem Kopfnicken aufforderte, doch auch mal ein Solo beizusteuern. Letztere überließ Steve dabei übrigens ansonsten allesamt neidlos seinem Kumpel Jason Victor, dessen empathischen Fähigkeiten er mittlerweile blind vertraut. Einen großen Anteil am Erfolg des ganzen Unterfangens hatte übrigens merkwürdigerweise die Setlist, die nach psychologischen Gesichtspunkten erstellt schien und einen idealen Spannungsbogen in das Set brachte. "Merkwürdigerweise" übrigens deswegen, weil Steve Wynn die Setlists normalerweise spontan nach dem Abendessen vor jeder Show neu hinkritzelt. Und noch ungewöhnlicher war dann, dass man mit dem Set - trotz mancher epischer Nummer - im Zeitplan blieb, sodass sogar noch Zugaben möglich waren, darunter dann abschließend der bis dahin vermisste, essentielle "Boston", einen Song, bei dem Steve gerne mal zum Preacher-Man mit apostolischer Gospel-Grandezza aufsteigt. So auch dieses Mal: Halleluja!

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Surfempfehlung:
www.thedreamsyndicate.com
www.facebook.com/thedreamsyndicate
rhondamusic.com
www.facebook.com/rhonda.band
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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