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I can hear me well

Alanis Morissette

Köln, Gloria
05.02.2002

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Alanis Morissette
Mit einigem Aufwand und viel Tamtam wurde der Showcase von Alanis Morissette im Kölner Gloria anläßlich der anstehenden Veröffentlichung des neuen Albums "Under Rug Swept" lanciert. Zurecht. Denn mit ihrer clever konstruierten Art-Pop-Variante und den zugehörigen Männerbewältigungstexten hat sich die smarte Kanadierin - nach einem vergeblichen Anlauf im Pop-Business - als Ikone des sogenannten "Frauen-Rock" etabliert. Was natürlich Quatsch ist, denn weder trug noch machte die gute Alanis Rock im herkömmlichen Sinne und nur für Frauen ist ihre Musik schließlich auch nicht gedacht. Mit "All I Really Want" und den mittlerweile zum Markenzeichen gewordenen seltsamen Verrenkungen einer Gliederpuppe stürzte sich Alanis kopfüber ins Programm.
Das war auch mal anders: Zu Beginn ihrer Karriere versuchte sie sich mit großer Frisur, mittelmäßigem Diskopop und eher traditioneller - wenngleich bereits damals routinierter - Performance. Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Was Alanis macht, macht sie zu ihren Bedingungen und auf ihre Weise - und die Bühne gehört ihr. Das Publikum hatte sie trotz der bewußt auf's neue Programm ausgerichteten Setlist gleich auf ihrer Seite. Was nahm's Wunder, schließlich bestand dieses größtenteils aus glücklichen Gewinnern eines entsprechenden Wettbewerbs des gastgebenden EinsLive Radiosenders, von dem das Konzert auch übertragen wurde. Alanis intonierte ihre Songs punktgenau und mit schneidender Schärfe. "Right Through You", "Narcissus", "You Learn" - alles Musterbeispiele effektvoll inszenierter, stadientauglicher, moderner Popmusik der großen Geste. Das gilt nach wie vor und vor allen Dingen für ihren Gesang und hier insbesondere für ihre Diktion. Wann kommt es denn schon mal vor, daß man bei einem üblichen Rockkonzert jedes einzelne Wort verstehen kann? Ein übliches Rockkonzert war dies indes wieder nicht. Das vor allen Dingen deswegen, weil sich Alanis' Musik so weit von den normalen Rockstrukturen entfernt hat, daß ihre Musiker zuweilen regelrecht deplaziert wirken und die zum Teil doch recht seltsamen Songkonstrukte ohne ihre Präsenz schlicht zusammenbrechen würden. Alanis ist sowas wie ein Life-Support-System für ihre Songs. Das zeigt sich darin, daß die Gitarristen kaum ihrer eigentlichen Arbeit nachkommen konnten, weil sie zu sehr damit beschäftigt waren, die Myriaden von Soundpedalen umzuschalten und zu betätigen, um die benötigten Klangräume zu erzeugen. Desweiteren konnte man E-Piano und Hammond Orgel zwar sehen, aber nicht hören konnte. Und alle Stücke wurden 1:1 so gespielt, wie sie immer schon gespielt wurden. Variationen gab es - wenn überhaupt - im Gesang. Das soll nicht heißen, daß dies schlecht oder falsch ist - das Publikum tobte frenetisch bei jedem bekannten Hit wie "You Outta Know" oder "Ironic" - nur fehlt Alanis' MUSIK jene organische Lebendigkeit, wie sie jüngere aktuelle Popmusik auszeichnet (zum Beispiel die von Nelly Furtado - wenngleich dies KEIN musikalischer Vergleich sein soll). Da swingt, groovt und rockt nichts - im herkömmlichen Sinne. (Protestnoten zu dieser Aussage werden nur entgegengenommen, wenn das Gegenteil schlüssig nachgewiesen werden kann). Zwar ändert sich ständig der Aggregatzustand der Songs und Dynamik wird groß geschrieben, die innere Kinetik der Rockmusik - der Backbeat, wenn man so will - geht Alanis indes ab. Da gibt es immer eine gewisse Distanz zu beobachten, die in der unerbittlichen Konsequenz an die Hoch-Zeiten des New Wave erinnern. Das ist intelligent gemacht, doch Rockmusik will ja auch durch den Bauch.
Dieses Problem wird insbesondere bei den Balladen deutlich - die bei Alanis nur dadurch kenntlich sind, daß die Stücke langsamer sind als andere. Lediglich bei "Flinch" kam so etwas wie Wärme zum Tragen - nicht zuletzt, weil Alanis zur akustischen Gitarre griff. Emotionen vermittelt Alanis interessanterweise also weniger durch die Musik (nahezu alle Songs sind nach dem Schema "monochromatische Strophen mit energischen Power-Refrains" aufgebaut), sondern durch ihren Vortrag und die Texte. Nach wie vor geht es hierbei vorwiegend um die "21 Things I Want In A Lover" und das sich hieraus ergebende emotionale Enttäuschungspotential. Hier sei mal der Gedanke erlaubt, woher Alanis eigentlich die Zeit nehmen will, um all die Lover zu verbrauchen, über die sie sich dann in ihren Songs ausläßt. Könnte es nicht sein, daß beim Songwritring mittlerweile - wie bei der Musik - eine gewisse technische Routine greift? Eine Frage, die sicherlich nur in Interviews geklärt werden könnte, die der Musikjournaillie zugunsten der Boulevardpresse ja eigentlich nicht mehr gewährt werden (bis auf Gaesteliste.de natürlich). Denn Alanis ist als Superstar auch ein Marketingobjekt geworden, das es eben zu vermarkten gilt. Auf der kreativen Ebene ist sie allerdings unbestritten der Kapitän. Mutmaßte man zunächst vielleicht noch, daß Produzent Glen Ballard den Löwenanteil bei der Kreation den Alanis-Sounds leistete, wurde dies durch die nachfolgenden CDs eindrucksvoll widerlegt. Die Tracks der neuen Scheibe - zum Beispiel die Single "Heads Clean" - kommen zum Glück weniger verstiegen und deutlich poppiger daher, als noch die Songs des letzten Albums "Supposed Former Infatuation Junkie". Das zahlte sich auch im Live-Kontext aus (wobei Alanis charmanterweise einige Texte noch von am Boden aufgeklebten Storyboards ablas). Soundmäßig gab es an diesem Abend natürlich Radio-Qualität - wobei allerdings ein Kabelbruch oder ähnliches zu unschönen Aussetzern bei einigen Tracks führte. Im großen und ganzen ließ Alanis nach einem wirklich makellosen Vortrag und dem zweiten Zugaben-Song "Ironic", ein glückliches, ja euphorisches Publikum zurück. Und wenn man nach den Reaktionen vor Ort gehen darf, dann wird "Under Rug Swept" dort weiter machen, wo "Jagged Little Pill" begann. Ganz ohne Frage: Alanis Morissette hat sich mit Charisma, Eigenständigkeit und Cleverness eine Nische im Rock-Biz geschaffen, die sie so schnell nicht wieder räumen wird. Schade nur, daß sie selbst so viel sympathischer wirkt, als etwa viele ihrer Songs.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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