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Konzert-Bericht
 
The Night They Drove Old Dixie Down.

Norah Jones

Köln, Alter Wartesaal
16.05.2002
Norah Jones
Da ging's ja hart auf hart zu! Norah Jones, ihres Zeichens Verkörperung eines unerwarteten Überraschungserfolges aus der "Jazz-Ecke", spielte vor erstunlich gut gefülltem Auditorium in Köln auf. Natürlich waren auch viele studierte Jazzer und routinierte Genrespezialisten am Start, um dieses Ereignis zu analysieren. Da wurde dann mit fachkundiger Kritik auch nicht gespart. "Das sei aber nichts besonderes" hörte man zum Beispiel, und "daß es so was an jeder Ecke gäbe." Wo sind denn diese Ecken, wertes Fachpublikum? Und "daß alle eigenen Stücke grundsätzlich schlechter gewesen seien, als die Cover-Versionen" hörte man selbsternannte Kulturpäpste mit Gelegenheitsjobs in der Dienstleistungsbranche ausrufen. Hm. Norah coverte Songs von u.a. The Band, Hank Williams, Hoagie Carmichael und Bob Dylan - das möchte man doch wohl nicht alles in einen Topf schmeißen, oder? Und wenn doch, dann müßte man mal explizit werden.
Norah Jones
Zum Beispiel verwandelte Norah Dylans "I'll Be Your Baby Tonight" in eine wunderschöne Southern Swing Nummer. Was sicherlich okay war. Nur: "Baby" ist ursprünglich ein spezifisch unspezifischer Pop-Song (der sich gerade deswegen für Cover-Versionen anbietet), der auch nicht unbedingt zu Dylans besten Kompositionen gehört. Wieso, inwiefern, wieviel und in welcher Maßeinheit ist der Song denn somit besser als etwa eine Eigenkomposition von Norah, die gleich als Southern Swing angelegt ist? ("Come Away With Me" zum Beispiel). Und: Viele der "Eigenkompositionen" waren ja gar nicht von Norah, sondern zum Beispiel vom (Studio-) Gitarristen Jesse Harris oder dem Bassisten, Lee Alexander, der an diesem Abend auch mit dabei war. Waren denn die jetzt auch besser, als Norah und gleichzeitig schlechter, als die der bekannteren Künstler? Und um wieviel? Und muß man sich solche Fragen eigentlich gefallen lassen? Oder solche Bemerkungen: "Tom Waits hätte sicherlich diesen und jenen Ton anders betont. Das wäre dann gleich was Anderes gewesen." Ja, sicher, und die Don Kosaken hätten sicherlich vielstimmiger geklungen und Charlie Chaplin wäre lustiger gewesen und Elvis vermutlich toter. Wo sind wir denn hier? In der ersten Klasse für Musikrezensenten vielleicht? "Wenn ihr ein Stück Musik verreißen möchtet, dann sucht euch was aus, was nicht drin ist, weist darauf hin und reitet darauf rum - so klappt's immer." Jawoll. Noch so ein Bonmot: "Da hörte man aber ganz genau den Produzenten Arif Mardin heraus, der genau weiß, wie man das beste aus einem Song rausholt." Auch dann, wenn er gar nicht da ist? Und es liegt also gar nicht am Künstler, wenn etwas gut klingt? Sehr interessant.

Um es langsam mal auf den Punkt zu bringen: Darum ging es gar nicht, beim Konzert im Wartesaal. Worum es ging, war, daß hier eine Musik geboten wurde, die zugleich zugänglich und dennoch nicht belanglos war, die Spielfreude zuungunsten der Virtuosität voranstellte und die verstanden werden konnte. Und zwar auch von Frauen, die zahlreich zugegen waren und vermuten lassen, daß das Gejammer, Frauen seien nicht bereit, sich Live-Musik zu geben, vielleicht doch mit den schwitzenden, Flanellhemden tragenden Riff-Rock-Fetischisten zu tun hat, die dieses Gejammer vortragen? Natürlich war das KEIN perfektes Musikerlebnis per se. Gemessen an den hohen Ansprüchen des Jazz etwa, war die Angelegenheit vom spieltechnischen Aspekt her wenig fordernd. Es gab keine brillanten Soli, keine Ausbrüche ins Extreme, keine Momente, die atemlose Spannung oder ungläubiges Staunen auslösten. Allerdings gab es auch kaum Durchhänger und dafür wunderschön arrangierte Musik, eine sympathisch unverbrauchte und zum Teil sogar verlegen agierende Band und immer wieder Norahs einschmeichelnden und letztlich auch selbstsicheren Gesang. Hier merkte man auch, daß dort Leute arbeiteten, die mit Herz und Seele dabei waren. Man könnte sogar geneigt sein, anzuführen, daß in der Zurückhaltung auch wieder eine Stärke des Vortrages lag - denn irgendwie hätten Ausbrüche jeder Art der Sache auch wieder die Atmosphäre genommen. En Detail: Norah und ihre Band schafften es, über den ganzen (etwas arg kurz geratenen) Abend ein relaxtes Southern Feeling zu verbreiten (so ganz ohne Twang!). Das ist es übrigens auch, was den Act von vergleichbaren abhebt: Man hört den Mississippi immer gleich mitfließen - und das ist gut so, denn somit verankert Norah ihre Musik in einem nachvollziehbaren Umfeld. (Und das, obowohl Norah ja gar nicht aus dem Süden kommt!)

Norah Jones
Der Gitarrist erwies sich als Schwachpunkt der Band - wenn man denn nach Schwachpunkten suchen wollte. Im Gegensatz zu Norah Jones und Lee Alexander, die traumhaft sicher zusammenspielten, zog er nämlich eher sein eigenes Ding durch und reagierte kaum auf Signale der anderen Musiker. (Bei einem etwas energischeren Stück hatte man gar den Eindruck, daß Norah gleich aufspringen wolle, um ihn entsprechend zu maßregeln). Dem Publikum indes gefiel's: Als er beim getragenen und dennoch beschwingten "Tennessee Waltz" ein eher unpassendes Solo spielte (Fingerpicking mit Bottleneck - das sind schon ganz andere bei abgestürzt) gab's Szenen-Applaus wie beim Blues-Konzert. (Vielleicht auch deshalb, weil das eines der wenigen Soli überhaupt war). Hinzu kam, daß er dauernd in Norahs Gesang hereinspielte. Zu vermeiden wäre das gewesen, wenn der Mann einfach öfters mal leiser und mit Tremolo oder Delay gearbeitet hätte. Der Drummer spielte zwar akzentuiert und vielseitig mittels vielerlei Geklöppel und Gezischel mit Besen und umgedrehten Drumsticks - der rhythmische Impuls ging aber ganz klar von Alexander aus, der sich als bester Techniker und bester Empath des Abends erwies. Leider schoß auch der Drummer zuweilen über's Ziel hinaus und ließ sich auch durch verzweifeltes Kopfschütteln Norahs nicht bremsen. Von diesen kleinen Unstimmigkeiten mal abgesehen, gab es aber doch eine sehr runde, gelungene Darbietung zu genießen. Daß Norah und ihre Jungs an ihren Performer- und Entertainer-Qualitäten noch feilen müssen, dürfte ihnen selbst klar sein. Aber so lange man gerade mit dieser unspektakulären Art von Musik ein breites Publikum ansprechen kann und dabei womöglich noch elitäre Puristen vergrault (die eh keine Platten kaufen, weil sie's selber ja besser könnten), kann es doch sooo schlecht mit der Branche nicht bestellt sein, oder?
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
 

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