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Anarchistenparty

Chumbawamba
Jelly Planet

Köln, Prime Club
10.09.2002
Chumbawamba
Dass die Veranstaltung kurzfristig von der (größeren) Kantine in den (kleineren) Prime Club verlegt worden war, konnte man daran erkennen, dass sich beim Auftritt von Jelly Planet aus Dortmund gerade mal 50 Leutchen im Club verliefen. Die anderen waren wohl zuerst mal zur Kantine gefahren (denn sooo unpopulär konnten Chumbawamba ja wohl in der Zwischenzeit nicht geworden sein). Zum Thema Jelly Planet: Die Herren, die da ihren New Space Rock inszenierten, sehen sich - aufgrund direkter Kontakte zum verstorbenen Michael Karoli und zu Damo Suzuki - als Erben von Can und ähnlichen Bands. Vielleicht auch deshalb, weil die aktuellen Hitsingle "Anyway" auch gleich das einzige eigene Stück ist, das man halbwegs als Song bezeichnen könnte.
Jelly Planet
Daneben gibt es ansonsten nur mit Psychedelia versetzte Muskeln - in Form von Heavy Metal Riffs, monotonen Bassläufen und einem durchmarschierenden Schlagzeug. Dazu schreit sich Sänger Stephan Hendricks die Seele aus dem Leib und bedient einen coolen analogen Synthesizer. Jelly Planets Anspruch ist das, was Damo Suzuki als "instant composing" bezeichnet, auf den Metal-Crossover-Sektor auszudehnen. Dazu gehört dann auch, dass der Track "Swamp" auf der Setlist mit dem Zusatz "kurz" versehen ist - und trotzdem 10 Minuten dauert. Dort zückte Stephan dann eine Flöte, während Gitarrist Alex Schönert ein Theremin bediente. Bassist Felix A. Gutierrez poste dazu, dass mancher Metalhead blass vor Neid geworden wäre. Im Prinzip ist das ja ein interessanter Ansatz - nur in Kombination mit einer Band wie Chumbawamba war das nicht das Richtige. So liefen denn auch alle Animationsversuche beim skeptischen Publikum ins Leere. Freundlicher Beileids-Beifall war das Maximum dessen, was an diesem Abend rauszuholen war. Dabei lieferte die Band noch eine halbwegs coole Version von "8 Miles High" - das als Zugabe angedachte "20th Century Boy" entfiel hingegen klanglos.
Chumbawamba
Es folgte dann eine Demonstration britischen Rockbiz-Professionalismusses. Ein eingespieltes Team von Roadies und Technikern baute innerhalb kürzester Zeit die Bühne um für den Auftritt der momentan immerhin sieben Personen zählenden Chumba-Truppe. Mittlerweile waren auch die Fans von der Kantine eingetroffen und der Club hatte sich gut gefüllt. Die Chumbas hielten sich mit Formalitäten gar nicht erst auf. Mit alten und mittelalten Gassenhauern (z.B. "She's Got Friends" von "Tubthumping") stürzte sich die Band ins "Abenteuer Vollspaß". Angeführt von den fast extatisch agierenden Vortänzern Alice Nutter und Dunstan Bruce machte die ganze Truppe kompromisslos auf Party. Animation war da kein Problem. "Du musst den Leuten ja auch etwas bieten", hatte uns Alice in einem Interview mal gesagt. Und das geschah denn hier auch. Wenn auch z.T. auf Kosten der Zuschauer. Z.B. indem beim Song "I'm With Stupid" auf einen unschuldig vor sich hinarbeitenden Gaesteliste.de-Korrespondenten gedeutet wurde (dem Alice dann noch obendrein auf den Kopf tubthumpte). Doch im wesentlichen bestand der Unterhaltungsfaktor darin, dass sich Alice und Dunstan ständig passend umzogen. Bei "Bigmouth Strikes Again" wurde die Krönung erreicht, indem zunächst Dunstan als Pfarrer auftauchte und sich dann Alice - zu den Klängen von Kylies "Lalala" - sich als kettenrauchende, Whisky trinkende Nonne ins Publikum stürzte - und dort zunächst mal verschwand. Das machte aber nix, denn Chumbawamba hatte insgesamt nicht nur sieben Mitglieder auf der Bühne, sondern auch sieben Sänger(innen). Und so durfte dann auch mal Keyboarderin Michelle Plumb die Leadvocals übernehmen - und machte dabei in vielerlei Hinsicht eine gute Figur. Gitarrist Bof und Trompeterin Jude beschränkten sich zunächst mal darauf, das Orchester technisch zu leiten (d.h. es gab einen makellosen Vortrag mit glasklarem, transparenten und dennoch kraftvollem Sound), jedoch bei den A Capella Stücken - z.B. bei der "Nazi" Ballade - durften dann wirklich ALLE ans Mikro. Die Hits - also "Tubthumping" oder "Timebomb" wurden dann für den Mittelteil aufgespart, denn im letzten Viertel gab es - so Bof - den "antifaschistischen Teil" des Konzertes, den Alice dann mit dem Song "Enough Is Enough" Jörg Haider widmete, der bei dieser Show an mehr als einer Stelle hart rangenommen wurde. Es war nicht besonders erstaunlich, dass die Stücke der neuen Scheibe, "Readymades" - wie z.B. das von Michelle gesungene "Salt Fare" oder das von Bof angestimmte "Jacob's Ladder" eher unterrepräsentiert waren, denn eines ist klar: Live sind Chumbawamba immer noch eine der unterhaltsamsten Anarchistencombos schlechthin, und da kann man mit Keyboards und Samples halt nicht so recht arbeiten (obwohl beides zum Einsatz kam). Als Zugabe gab es dann noch eine A Capella Version des Bee Gees Klassikers "New York Mining Desaster 1941" - allerdings in der Version des Folkies Martin Carthy. Das Stück geriet zu einem perfekt umgesetzten Gegenstück zur ansonsten vorherrschenden Vollgas-Attitüde. Wenn man sich allerdings mal die aktuellen Kommentare auf der Chumbawamba Website (seit kurzem teilweise auch auf deutsch!) zum Thema New York durchliest und wenn man bedenkt, dass dieses Konzert am Vorabend des 11. September stattfand, dann darf doch vermutet werden, dass hier eine eher provokante Absicht hinter der Auswahl gerade diesen Tracks gelegen haben dürfte.
Surfempfehlung:
www.chumbawamba.org
www.chumba.com
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Chumbawamba:
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