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Konzert-Bericht
 
Liebesgeflüster

Bryan Ferry

Bonn, Museumsplatz
14.09.2002

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Bryan Ferry
Nachdem die letztjährige Roxy Music Re-Union-Tournee zu einem geradzu überwältigenden Erfolg geworden war, war es nicht allzu überraschend, dass das wunderschöne Gelände auf dem Bonner Museumsplatz schon kurz nach Einlass ziemlich dichtgedrängt gefüllt war, als sich der Musikaristokrat vom Dienst, Bryan Ferry, nun auch Solo die Ehre gab. Das Publikum setzte sich zwar zu nachezu 100% aus Mittvierzigern oder noch älteren Semestern zusammen, das tat jedoch der Begeisterung keinen Abbruch. Selten sah man so viele glückselige Verkaufsleiter und Boutiquenbesitzerinnen mit gelockerter Krawatte und Freizeit-Makeup wie kleine Kinder und freudig erregt umeinandertanzen. Das zeigt aber auch, dass der Bonvivant mit diesem Publikum bis an's Ende seiner Karriere auskommen muss - was aber angesichts des Zuspruches auch kein Problem sein sollte.
Den Abend eröffnen durfte Rosie Thomas aus Seattle. Die zierliche Songwriterin, die man ggf. von ihrer Zusammenarbeit mit Damien Jurado her kennt, stellte die zerbrechlichen und auch ein wenig gleichförmigen Songs ihres Debütalbums "When We Were Small" vor. Alleine - begleitet nur von ihrem Bruder an der sparsam eingesetzten Gitarre - mühte sich Rosie redlich, den in ihren Songs nicht unbedingt enthaltenen Unterhaltungsfaktor durch kecke Rufe ins Auditorium zu kompensieren. Dass die Gute ihre Karriere als Stand-Up-Comedian begonnen hatte, konnte man anhand der betont nervigen. durchdringen Sprechstimme nachvollziehen. Zum Glück singt sie dann ein paar Oktaven tiefer, so dass die Sache im großen und ganzen in Ordnung ging. Allerdings waren ihre kontemplativen und vom Tenor auch eher wehleidigen Lamentos nicht unbedingt geeignet, stimmungsmäßig das Eis zu brechen.
Das tat der Meister dann selber - ebenso unspektakulär, wie effektiv. Ganz alleine am Flügel sitzend (der etwas unglücklich hinter einem weiteren Keyboard versteckt war), begann er die Show mit einer einfühlsamen Solo-Version von "The Only Face" von "Mamouna" - im letzten Drittel begleitet von Lucy Wilkins auf der Geige. Ferry war ja stets schon ein Meister der Selbstinszenierung und des Dramas. Und so nutzte er dann diese Erfahrung, um von nun an das Set langsam, aber kontinuierlich zu steigern. Bei "Don't Think Twice", "Falling In Love Again" und "Smoke Get's In Your Eye" kamen zunächst eine heimelig illuminierte Harfenspielerin, und dann Colin Good an den Keyboards hinzu. Ferry leistete sich ein kurzes Mundharmonika-Solo und huldigte - ohne auch nur ein Wort ans Publikum zu richten oder die Miene zu ziehen - auf subtile Weise den Songs und machte diesen akustischen Auftakt zu einem quasi-intimen Erlebnis. Dann begann der "offizielle" Teil des Abends mit der ganzen Band und einem der wenigen Roxy Music-Stücke, "The Thrill Of It All". Auch wenn zum Ende des Konzertes einige Klassiker wie "Love Is The Drug" oder "Do The Strand" eingestreut wurden, machte Ferry deutlich, dass dies nun eben KEIN Roxy Music Showcase sein sollte. (Obgleich auch dieses Mal wieder Paul Thompson am Schlagzeug saß). Mit "Cruel" folgte dann auch endlich das erste Stück vom neuen Album "Frantic", das Ferry dann ohne viel Schnörkel ans Publikum brachte. Obwohl die Show eigentlich wie am Schnürchen lief, gab es ein kleines Problem: Der musikalische Leiter, Chris Spedding an der Lead-Gitarre, ist mit Herz und Seele ein Rock-Gitarrist - die Bryan Ferry Band als solche aber per se eine Pop-Band. Aus diesem verschiedentlichen Anspruch ergaben sich aber auch interessante Reibungspunkte. So waren Speddings Soli - wie z.B. in "Fool For Love" (das zudem noch ein Harmonika-Solo von Ferry und eines auf der Oboe von Colin Wood enthielt) - einen Gutteil rauher, als das eigentlich notwendig gewesen wäre. Das machte Spaß. Weniger Spaß machte es Spedding aber offensichtlich, die "langweiligen" Gitarrenparts in poppigeren Stücken wie "Hiroshima" (das Ferry zusammen mit "Tokyo Joe" als kleines japanisches Intermezzo darbot). Bei aller Professionalität merkte man das seinem versteinerten, müde wirkendem Gesicht auch irgendwo an. Und um Spedding recht zu geben: Die ganz auf Pop getrimmten Sachen wie "Going Down" gerieten denn auch ein wenig zu beliebig.

Eine Sache, die Ferry hingegen schon immer gut gelungen ist - das Durchschnittsalter seiner Altherren-Kapelle durch junge, begabte, und gut aussehende Musikantinnen zu senken - war auch bei dieser Tour wieder zu beobachten. Mit Julia Thornton, die - wie Lucy Wilkins - auch schon auf der Roxy Tour dabei war, hatte er z.B. eine effektive und sehr lebendige Perkussionistin zur Seite. Überhaupt spielt die Perkussion im federnden Gesamtbild auch der Live-Band eine große Rolle. So durften auch die drei Backgroundsängerinnen - angeführt von Sarah Brown - des öfteren mit Maracas und Rasseln hantieren; und man konnte diese Instrumente dann auch nicht nur sehen, sondern tatsächlich auch hören. Nach einer sehr langen und schönen Version von "My Only Love" ging es dann in eine Pause, in der sich Ferry und seine Mädels umzogen - Kleider machen Leute. Die Band spielte derweil ein Instrumental, das auf der Setlist als das alte Roxy Stück "Tara" bezeichnet war, mit diesem allerdings nicht viel gemein hatte - wohl auch aufgrund dessen, dass statt des Mantra-artigen End-Drones des Originals einfach beliebige Geigen- und - deutlich un-roxyhafte - Saxophon-Soli gespielt wurden. Mit "Limbo" von "Bête Noir" und dem Titel-Track von "Boys & Girls" zeigte Ferry dann auch, dass er nicht unbedingt angetreten war, die Erwartungen des Publikums zu erfüllen. Das war auch offensichtlich, als er gegen Ende - nachdem er die Roxy-Hits gespielt hatte und zudem "Jealous Guy" mit einer vollkommen unnötigen und ungelenken Variation des gesummten Refrains peinlich gegen die Wand gefahren hatte - das Konzert dann mit "I Thought" von der neuen Scheibe beendete. Was sich hiermit als neuer Klassiker empfahl - aber eben bis dato keiner war. Auch wenn sich Ferry bei dieser Show wieder einmal als der ein wenig distanzierte Lounge Lizard inszenierte, als der er sich so gerne sieht und auch wenn gut die Hälfte der Tracks das Wort "Love" im Titel führte, zeigte alleine die Songauswahl, dass Bryan Ferry auch nach all diesen Jahren seinen musikalischen Biss noch nicht verloren hat. Und wer mit 55 immer noch glaubhaft machen kann, er sei "bored of the beguine" und dabei mit wedelnden Armen den "Strand" macht, der muss das wohl selbst ernst meinen. "As Time Goes By" war wohl doch eher eine Ausnahme als der Beginn des Abgleitens ins Easy-Listening Metier.

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Surfempfehlung:
www.bryanferry.com
www.rosiethomas.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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