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Sensation: Elvis lebt!

Elvis Costello
Chris Difford

Köln, E-Werk
16.09.2002

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Elvis Costello
Ganz so, als gelte es zu beweisen, dass er erstmalig zu Zeiten auftauchte, zu denen man ihn mangels anderer Begriffe unter "Punk" und "New Wave" einsortierte, spielte sich der kleine große Meister des komplexen Popsongs bei einem seiner seltenen Gastspiele auf deutschem Boden mit unbändiger Energie und Hektik durch geschätzt ca. 300 Songs seiner langjährigen Karriere. Elvis lebt!
Doch immer der Reihe nach: Den denkwürdigen Abend eröffnen durfte "Mr. Squeeze" Chris Difford - der Mann also, der für die Texte der in England immens populären Power-Pop Combo zuständig war. Da dortselbst soeben eine erfolgreiche Squeeze-Kompilation mit Singles und B-Seiten veröffentlicht wurde, nutzte Difford die Gelegenheit natürlich, die großen Klassiker wie "Tempted", "Cool For Cats" oder "Pulling Mussels (From The Shell)" in akustischen Versionen zu präsentieren. Da er wohl selbst nicht der große instrumentale Virtuose ist und die recht vertrackten Pop-Kleinode in stramm geklampften Lagerfeuervarianten doch an Noblesse verlieren, war es sicherlich eine gute Idee, dass er sich Unterstützung in Form des Gitarristen Francis Dunnery und der Sängerin Dori Jackson mitbrachte. So bekam man dann die Squeeze Stücke in zwar abgespeckten, aber zum Teil beeindruckenden Versionen mit dreistimmigen Vocals präsentiert. Das war wirklich spannend und etwas vollkommen anderes, als die volle Band-Dröhnung, die anschließend von König Elvis selbst produziert wurde. Lediglich die neuen Cuts von Diffords anstehendem, noch nicht fertiggestellten Solo-Album stanken gegen die seiner alten Band erheblich ab. Gerade von einem meisterhaften Wortschmied wie Difford erwartet man verblüffendere Songs als z.B. das betont belanglose "Cowboys Are My Weakness". Im Allgemeinen überzeugte aber das Konzept zwei Gitarren und drei Stimmen durchaus.
Dann kam - wie gesagt - der Imposter selbst. Ohne Worte zu verlieren stürzte sich Costello mit "Daddy Can I Turn This" vom neuen Album "When I Was Cruel" ins Programm. Unterstützt wurde er - ohne Schnörkel, aber mit viel Schmackes - von seiner Tourband, The Imposters, der auch ex-Attraction-Maestro Steve Nieve angehörte, der seiner beeindruckenden Keyboard-Batterie (die mehr Effektgeräte aufwies als manches komplette Heavy Metal Festival) zum Teil aberwitzige Sounds entlockte. Elvis selbst beschränkte sich darauf, eine betont laute, rauhe und straighte Rockgitarre zu spielen. Zwischen all den vertrackten Harmonien und Tempowechseln von Stücken wie "Riot Act", "Temptation" oder alten Hits wie "Out Of Time" oder "Chelsea" fand er auch immer wieder Zeit, mit brillanten Soli zu überzeugen. Spannend an diesem Konzert war zweifelsohne der Umstand, dass sich Elvis hier als "Rock-Brat" und nicht als Songkunst-Verwalter sah. Dieser Ansatz - und der Wille, die Grenzen des Möglichen jeweils möglichst weit ins Experimentelle auszudehnen - kam besonders den Stücken des neuen Albums zu Gute, die damit zu den Höhepunkten der Show gerieten: In "Spooky Girlfriend" überraschte er z.B. mit der ersten Dub-Passage des Abends und "15 Petals" kam als mitreißende Psychedelik-Orgie daher, bei der alle Register gezogen wurden (u.a. simulierte Nieve die grandiosen Bläsersätze des Stückes kongenial mittels seiner Keyboards). Der Titeltrack, bei dem Elvis verschmitzt an einem Sampler herumfuhrwerkte, geriet schließlich zu einem kurzweiligen 10-minütigen Trip durch Elvis' spezielles, bewusstseinserweitertes Sounduniversum. Das war dann wahrlich kein Altherrenabend mehr. D.h. - es war sowieso kein Altherrenabend: Das Publikum bestand zu ca. 90 % aus Pärchen, die sich lautstark unterhielten - scheinbar eine neue Tendenz unserer Spaßgesellschaft. Zum Glück (für die Zuhörer) und zum Pech (von Elvis) hatten sich indes nur ca. 400 Leutchen zu seinem einzigen Deutschlandkonzert eingefunden, so dass es genug Ausweichmöglichkeiten gab. Wohl auch diesem Umstand ist es zu verdanken, dass der Mann in einer seiner seltenen Ansprachen ans Auditorium sagte: "Das könnte das letzte Mal sein, dass wir uns sehen. Und sollten wir uns nicht mehr sehen, ist das nicht unsere Schuld." Immerhin versöhnte uns der König von Amerika (das wurde dann bei den Zugaben gegeben) mit deutlich über zwei Stunden ungebremster Lebensfreude. Die einzige Ballade des offiziellen Teils war bezeichnenderweise kein eigenes Stück, sondern Robert Wyatts "Shipbuilding" - und auch dieses eher subtile Meisterwerk wurde mit hakeligen Soundeffekten versehen. Auch die zweite (und letzte Ballade), "Almost Blue" - vielleicht Elvissens schönste Komposition - beendete er nach einem sehr schönen Melodica-Solo von Nieve mit einem trotzig-schrägen Akkord. Zwischen all den "Heavy Metal Reinkarnationen" der neuen Stücke, schaffte es Elvis auch, seine Klassiker - wie z.B. "Watching The Detectives" oder "Trust" in der Setlist unterzubringen - wenn man sie denn im enthusiastischen Sound-Overkill überhaupt entdecken konnte. Daneben streute er auch Schmankerl wie das mit Dolores O'Riordan verfasste "My Mood Swings" aus dem "Big Lebowski"-Soundtrack ein. Sein Herz hatte der Mann - der sich zum Schluss gar zu weigern schien, das Building zu verlassen - bei diesem Konzert aber eindeutig an die neuen Songs verloren - die dann in nickelig-eckigen Versionen dargeboten wurden. Auch wenn er bei "Tart" und "Alibi" die Massen zum Mitsingen zu bewegen wusste: Am wichtigsten war es Elvis scheinbar, zu beweisen, dass er es als routinierter und phantasievoller Krachmacher noch bringt. Burt Bacharach musste dabei eindeutig draußenbleiben - und das war auch gut so, denn sooo einen Elvis Costello bekommt man - wenn überhaupt - so schnell bestimmt nicht wieder zu sehen. Es scheint somit zum Glück also gewiss, dass sich der querdenkende Brillenträger im Alter sich nicht ausschließlich der Kammer- und Aufzug-Musik verschreiben wird. His aim was true!

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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