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Solomon Burke

Köln, Kantine
02.10.2002

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Solomon Burke
Da gab es denn also in der Residenzstadt Köln das Konzertereignis der besonderen Art zu bestaunen: König Solomon Burke gab sich die Ehre und lud zur Audienz. (Nicht umsonst heißt seine Website "thekingsolomonburke"). Oder sollte man sagen: Bischof oder gar Leichenbestatter Solomon Burke? Denn all das ist der Mann von Beruf - und all das passte irgendwie auch auf den Event. Die Halle war stilecht als Thronsaal hergerichtet: Die beleuchtete ausziehbare Freitreppe vor der Bühne führte geradewegs zum massigen, handgewerkelten, güldenen Sessel, auf dem der König sich später hinplumpsen lassen würde. Flankiert wurde das samtene Ensemble von zahlreichen Mikro-Ständern für die insgesamt 12 Musikanten des königlichen Orchesters und einem Eimer mit roten Rosen - doch dazu später mehr.
Solomon Burke ist sozusagen ein lebendes Fossil: Er stammt aus einer Zeit, in der der Soul noch Seele hatte, mit der Hand gespielt wurde und vor allen Dingen nicht Rhythm'n'Blues hieß. Dennoch - oder gerade deswegen - erfreut er sich momentan eines zweiten (bzw. dritten oder vierten) Frühlings, denn seine aktuelle CD "Don't Give Up On Me" wurde - dank der tätigen Mithilfe höchst populärer Songwriter von Bob Dylan über Brian Wilson bis zu Tom Waits oder Elvis Costello - zu einem recht ordentlichen Hit. Bevor indes die Messe begann, gab es eine Zitterpartie zu durchleben: Ihre Majestät hatte sich erkältet, war heiser und hatte schon alle Interviews abgesagt. Die Band begann zunächst also mal ohne ihren Meister. Das war denn ein bisschen so wie Essen von leeren Tellern. Mit ängstlichen Blicken in Richtung Bühnenaufgang bemühte sich Orchesterleiter Sam Mayfield ein bisschen Feuer in den Kessel zu bringen. Aber mit den zweitklassigen Standard-Funk und Blues-Nummern, die die Band da mehr beliebig als inspiriert herunternudelte war wahrlich keine Staatsraison zu machen. Warum - so fragte sich der interessierte Musikliebhaber - warum spielten die denn nicht z.B. "Green Onions" oder sonst eine mitreißende, bekannte Weise? Das, was hier geboten wurde hätte auch jede öffentlich-rechtliche Tanzkapelle so oder besser hinbekommen. Schließlich aber - nach vier endlos scheinenden Elaboraten - kam endlich Bewegung ins Geschehen. Zu den Takten von "Everybody Needs Somebody To Love" wurde Solomon mit Hilfe eines seiner vielen Söhne und zahlreicher Bühnentechniker auf die Bühne gerollt, geschoben und gehoben. Hierzu muss man wissen, dass der Lebemann von wahrlich beeindruckender Statur ist - sowohl, was die Größe, wie auch den Leibesdurchmesser betrifft. Der riesige Thron auf der Bühne bot gerade eben mal Platz für seine massige Gestalt. Doch Solomon wäre kein gewiefter Prediger, wenn er dieses nicht mit einem coolen Spruch abgetan hätte: "Meine neue Scheibe ist ja auf dem Fat Possum Label erschienen", meinte er feixend, "nun, fett bin ich ja selber, wollen wir mal sehen, ob wir es heute nicht bei dem Possum belassen sollten." Und dann ging es los. Nach ein paar Standards und ersten Stücken aus dem aktuellen Album - darunter Van Morrisons "Fast Train" und Brian Wilsons "Soul Searching" ("von dem Mann hätte ich eher 'Soul Surfing' erwartet", witzelte Solomon) zeigte der König seinen Untertanen erst mal, was eine Harke ist, und kommandierte seine Mannschaft nach Belieben auf der Bühne herum: "Stellt euch auf die erste Stufe - nein auf die zweite. Und jetzt setzt euch hin. Und du stell dich auf die rechte Seite. Nein auf die linke. Und jetzt auch hinsetzen..." Dann endlich begann die eigentliche Audienz.

Solomon ließ sich Petitionen - pardon Wünsche - aus dem Publikum zutragen und stimmte diese dann - quasi aus dem Handgelenk - an. Und da zeigte sich dann das Dilemma der Band: Diese musste nämlich sehen, wie sie damit zurecht kam - und machte dabei wieder kein gutes Bild. "Kein Grund da unten herumzufaulenzen, nur, weil du den Song nicht kennst", rief er seinem Gitarristen zu, "tu doch einfach so, als könntest du ihn!" Und das war wohl gar nicht so sehr als Witz gemeint. Immerhin: Wenn man mit einem Mann wie Solomon Burke auf Tour geht, dann sollte man schon damit rechnen, dass der auch "A Change Is Gonna Come" singt! Doch auch die neue Scheibe kam nicht zu kurz. Was kaum einer bemerkte: Burke spielte fast alle Tracks von "Don't Give Up On Me". Dass man das nicht merkte, war einfach darin begründet, dass die Versionen live nicht mehr viel mit denen auf der Scheibe zu tun hatten. Denn auf der Konserve bemühte sich Solomon offensichtlich dem Geist des Autoren nahe zu kommen - auf der Bühne blieb aber nur Solomon pur übrig. Soul eben. "Diamond In Your Mind" klang beispielweise so überhaupt nicht mehr nach Tom Waits, der ja das Stück geschrieben hat. Außerdem nutzte der Charmeur diesen Track für eine Sympathie-Offensive, die darin bestand, den erreichbaren anwesenden Damen rote Rosen anzudienen. "Du musst den Frauen Blumen geben", riet er den Herren augenzwinkernd und machte damit deutlich, dass er seine 21 Kinder nicht umsonst vorzuweisen hat. Solomon weiß schon, wovon er da spricht. Am deutlichsten wurde sein Freestyle im Umgang mit dem Songmaterial freilich, als er "The Verdict" begann. Dieses Stück hatte ihm ja Elvis Costello geschrieben und Solomon erzählte genüßlich, wie die Aufnahme zustande kam: "Da kam also dieser junge Mann ins Studio... und sagte - ich liebe seinen Akzent - 'ich werde dieses Stück für Solomon spielen'... und dann dachte ich an folgendes..." es folgte dann nicht etwa das Stück selbst, sondern eine improvisierte Reflektion darüber. Überhaupt hielt sich Solomon nicht lange mit irgendwelchen Songformaten auf: Manches Stück wurde mittendrin abgewürgt, andere nach Gusto ausgekostet. Da kam Leben in die Bude! "None Of Us Are Free" zum Beispiel nutzte er zu einer inbrünstigen Predigt, in der er gegen Präsident Bush wetterte und einem wortgewaltigen Appell an den Friedenswillen der Völker vom Stapel ließ. Normalerweise eine peinliche Angelegenheit - weil eine Nummer zu groß und so ganz ohne Ironie und äußerst plakativ vorgetragen. ABER: Wer will einem tonnenschweren Bischof so etwas wirklich übelnehmen? Und wo er recht hat, hat er recht: Es darf ja schließlich auch keine Gelegenheit ausgelassen werden, dem Bush aufzuzeigen, dass er eben nicht für das amerikanische Volk als solches (und schon gar nicht für die Künstler seines Landes) spricht. "Die da oben mögen nicht, was ich sage", meinte Solomon, "aber du kannst nun mal keinen Frieden mit Krieg machen." Nun gut. Nachdem Burke dann das Material des Fat Possum Albums gespielt und viele Wünsche aus dem Publikum erfüllt hatte, griff er in die Mottenkiste und begann Oldies vorzutragen. Mit dem Verweis auf den "Soul Clan" - eine bis heute aktive Gesangsgruppe, zu der außer Solomon noch Joe Tex, B.B. King, Wilson Pickett, Don Conway und Otis Redding gehören (bzw. gehörten) stimmte der König zur allgemeinen Begeisterung "Dock Of The Bay" an. Das war ja noch irgendwie cool, weil sich an diesen Song zurecht kaum jemand herantraut, da Otis nun mal die definitive Version davon auf Platte gebannt hat. Solomon indes hat ja wohl die besten Referenzen, diese Aufgabe zu lösen - was er auch mit Bravour und Gusto tat. Da war dann auch die heisere Stimme vergessen und Solomon croonte was das Zeug hielt und zappelte auf seinem Stuhl wie James Brown zu seinen besten Zeiten. Bei "Stand By Me" schoss er dann allerdings übers Ziel hinaus und bat unbescholtene Bürger aus dem Publikum - darunter auch den Gaesteliste.de-Berichterstatter - ihn gesanglich zu unterstützen. Auch wenn der Meister heiser war und warme Milch mit Honig trank: Das war dann nicht entschuldbar. Immerhin sind Leute wie unsereiner ja weder versichert noch gewerkschaftlich organisiert - und erhalten demzufolge auch keinerlei Aufwandsentschädigungen für solcherlei Späße. Nicht mal ein Textblatt gab es. Aber es sollte noch schlimmer kommen: Nachdem einige Damen sich beim Lover-Man ihrerseits mit Rosen und Küsschen bedankten, improvisierte er noch rasch einen charmanten Song über das Rosen-Schenken: "Thank you for the roses that you shared - and all the kisses - and I cared...", dann jedoch ließ er den Thron beiseite räumen und schickte seine Handlanger ins Publikum um "Tänzer" zu rekrutieren. Sein Sohn und eine lange verschollene, verlorene Tochter - die beide übrigens nicht die Bohne singen konnten - stiegen also rein ins Auditorium und zogen die - sich z.T. heftig wehrenden - Leute auf die Bühne. Während einer Coverversion von "Proud Mary" (ist das jetzt ein Soul Song?) brach dann ein unspezifisches Pandemonium aus, währenddessen Solomon sich von der Bühne kämpfte und ein Heavy Metal Hippy sich des Mikros bemächtigte und unkontrolliert minutenlang "Rollin' On A River" grölte.

Auch wenn der Schluss-Akt des Abends einen eher faden Beigeschmack hinterließ, durfte man doch sicher sein, einer einzigartigen Veranstaltung beigewohnt zu haben. Solomon Burke hat eine wahrlich beeindruckende Bühnenpräsenz und ist ein begnadeter Showman, Entertainer und Prediger. Der Mann hätte auch das Telefonbuch singen können und es hätte warmherzig und seelenvoll geklungen. Wie sagt er selbst: Es kommt nicht auf den Song an, sondern was du daraus machst. Und da der König selbst andeutete, dass es wohl mehr als ungewiss sei, ob er noch einmal eine Tour in Deutschland machen könne, dürfte es wohl auch das letzte Mal gewesen sein, dass man König Solomon von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen konnte.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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