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Konzert-Bericht
 
10 kleine Gitarristen

John Parish
Sue Garner/ Morning Star

Köln, Gebäude 9
23.11.2002

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John Parish
Irgendwann wird Sue Garner mal zu der Erkenntnis kommen, dass man sich in Köln nicht so recht für intelligente und innovative Musik wie die ihre interessiert. Entweder das - oder aber, sie ist eine unbeirrbare Künstlerin, die das, was sie macht, aus einem inneren Bedürfnis tut - ungeachtet kommerzieller Aspekte. Denn als sie vor einigen Monaten mit Ehemann Rick Brown im MTC aufspielte, waren vielleicht mal 10 Leutchen anwesend, dieses Mal, als Support von John Parish und seinem Orchester waren es etwa 20. Und dabei war John im Vorfeld doch so optimistisch gewesen: Wenn es für Godspeed You! Black Emperor klappen sollte, warum dann nicht auch für ihn und seine neun Mitstreiter? Doch der Kölner an sich hört ja - besonders Samstag abend - immer noch lieber Elektronik-Geblubber und so konnte John dann froh sein, dass am Ende immerhin so an die 50 Gäste sich an seiner einzigartigen Musik ergötzten.
Es begann alles recht früh gegen 21 Uhr mit Morning Star. Das war dann eine orchesterinterne Band, bestehend aus Jesse Morningstar und diversen anderen Musikanten. Jesse war eigentlich angestellt als Vilionist, ist aber - und das hatte John bereits im Vorfeld verlauten lassen - auch ein guter Songwriter, was er bei dieser Show beweisen durfte. Mit einer Tendenz zu südamerikanischem Flair und einer recht spröde gespielten Kleingitarre pflügte Morning Star im Schnelldurchlauf durch sein Oeuvre und lud dann im Anschluss Sue Garner und Clare MacTaggart, die zweite Violinistin auf die Bühne und dann wurde die Sache in eine "Dolly Parton & Hank Williams Cover-Show" umfunktioniert. Immerhin, das ziemlich werksgetreu und puristisch vorgetragene "I'm So Lonesome I Could Cry" passte aus Sicht der Musiker zur eher dünnen Publikums-Situation zu diesem Zeitpunkt. Nach einer "virtuellen Umbaupause" zeigte dann Sue Garner den wenigen Interessierten wieder mal, was eine Harke ist. Sie spielte ihre Gitarre mit einem Pinsel, verwendete artfremde Samples oder trug ein Stück nur mit Tamburin und Drums vor. Wieder einmal bewies Sue, dass man mit einem bisschen Grips und dem Mut zum Risiko durchaus auch ohne großen Aufwand (und praktisch ohne Budget) innovative und neuartige Musik machen kann, die dennoch auf einer eher traditionellen Basis und klassischem Songwriting basiert.
Das John Parish-Orchester bestand dann aus insgesamt neun Personen, die auf einer Unzahl von stetig wechselnden Instrumenten ein beeindruckendes und hochkomplexes - aber nie überladenes - Klangbild produzierten. Man kann nun keineswegs sagen, John habe etwa die Stücke seines Albums "How Animals Move" (oder des Soundtracks "Rosie") vorgestellt, denn das Konzert ging in Anspruch und Umsetzung weit darüber hinaus. John's Bestreben nur ja nicht zu "schwierig" rüberzukommen und insofern zuweilen ordentlich Druck zu machen und das ganze Ensemble tierisch rocken zu lassen, rettete die Veranstaltung zunächst mal davor, ins bloße Art-Rock-Gefrickel abzudriften. Und dass, obwohl hier Elemente aus Klassik (bis zu 12-Ton-Ansätzen), Folk, Rock und ein wenig Jazz nahtlos ineinander verzahnt wurden. Auch die Idee, Drummerin Tammy Payne etwa jeden dritten Song singen zu lassen (und auch Kornettist Aaron Dewey einen Solo-Song vortragen zu lassen), lockerte die ganze Sache nicht nur ungemein auf, sondern sorgte auch für ein äußerst umtriebiges Verhalten auf der Bühne - denn so wechselten dauernd irgendwelche Musiker die Instrumente. Und davon gab es viele. Bis zu vier Gitarristen (im offiziellen Teil) schichteten verschiedene Soundscapes übereinander, die im Ganzen die Basis bildeten, auf der dann MacTaggart, Morningstar und Dewey ihre Akzente setzen konnten. Dazu gab's von einem E-Piano, einem Keyboard über Mandoline und Melodica bis hin zur effektvoll eingesetzten Triangel eigentlich nichts, was vor einer Einbindung sicher erschien. Interessant war noch zu beobachten, dass John selbst keineswegs die Hauptrolle übernahm, sondern z.B. die Solo-Gitarrenarbeit z.B. Adrian Utley überließ, während sein alter Kumpel Jeremy Hogg (PJ Harvey) eine eher atmosphärische Slide-Gitarre beisteuerte. Ganz wegrationalisiert wurden indes die von John auf Tonträger als so notwendig erachteten "Environmental"-Noises - Umweltgeräusche und Samples also, die er dazu nutzt, Aufnahmen weniger steril klingen zu lassen. Was im Live-Kontext auch Sinn machte, denn diese Show war alles andere als steril. Im Gegensatz zu vielen Instrumental-Bands wirkten John und seine Band nämlich nicht übermäßig introvertiert oder katatonisch, sondern so, als haben sie auch Spaß an dem, was sie tun. Vielleicht kommt das auch von dem Background Johns, der ja zuweilen auch mal ganz gerne Rock- und Popmusik spielt (zuletzt ja z.B. mit den Eels). Das Konzert von John Parish war ergo keine Sekunde lang langweilig und auch - trotz einiger anspruchsvoller Passagen - verständlich, nachvollziehbar und konsumierbar. Insofern hatte John also durchaus das selbstgesteckte Klassenziel erreicht. Bei der Zugabe gab es dann noch ein Bonbon, das man in dieser Art so schnell nicht wieder erleben wird. In bester Glen Branca-Manier stiegen nämlich alle 10 Musiker (also inklusive Sue Garner) mit Gitarren bewaffnet auf die Bühne und produzierten hier einen ca. 10-minütigen Dezibel-Orkan, der aus einer Vielzahl verschiedener Soundelemente bestand, der aber trotz der Saiten-Opulenz dennoch eine Struktur und Dynamik vorzuweisen hatte. So etwas haben selbst Sonic Youth noch nicht besser hinbekommen. John Parish und Sue Garner bewiesen an diesem Abend also, dass man mit einer ordentlichen Portion Chuzpe und dem Willen, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, auch zu einer Zeit, in der es alles schon gegeben zu haben scheint, durchaus noch Dinge bewegen kann.

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Surfempfehlung:
www.johnparish.com
www.thrilljockey.com/bandpage.html?artistnum=20
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über John Parish:
Interview
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