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Depression ist Scheiße

Jackie Leven
Richard Thompson/ Midnight Choir

Köln, Gloria
23.02.2003

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Jackie Leven
"Wo wart ihr denn in den 60s? Wir hätten euch brauchen können!" rief Richard Thompson spaßeshalber dem Publikum zu - und thematisierte damit ungewollt den vergleichsweise hohen Altersdurchschnitt des selben. "Ich war noch nicht geboren", kam dann eine kecke Antwort aus dem Auditorium, woraufhin Richard schmunzelnd meinte, dass das eine gute Ausrede sei. Dennoch täuschte nichts darüber hinweg, dass die Musik, die an diesem Abend geboten wurde - solides, story-orientiertes Songwriting ohne jedweden Hipness Faktor - vor allen Dingen etwas für ein gereifteres Publikum war. Immerhin: Es waren denn ja auch ein paar jüngere Leute dabei - vielleicht wegen Midnight Choir - und auch deutlich mehr Frauen, bei Thompsons Solo-Konzerten. Eröffnen durften den Abend Midnight Choir - was aber keine Wertung darstellte: Wie Jackie Leven später erklärte, wechselte man sich auf der kurzen Tour lediglich in gegenseitigem Einvernehmen mit der Reihenfolge ab.
Die Plazierung des ruhigsten Acts gleich am Anfang war aber gar nicht so unklug gewählt, denn bis auf "Sister Of Mercy" spielten die Jungs um Songwriter Al DeLeoner nur melancholische und beinahe düstere Balladen voller Schwermut und emotionaler Tiefe - viele davon vom neuen Album "Waiting For The Bricks To Fall". Das hätte am Ende des Abends doch viele in den Frühschlaf getrieben. Das rein akustische Setting kam der Musik dabei allerdings durchaus zu Paß - den sonst üblichen Bandsound vermisste man jedenfalls nicht sonderlich. Al selbst spielte neben der Gitarre noch Piano, Mundharmonika und Melodica und - ein Novum - sang auch selbst vereinzelt die Lead-Vocals. Es ist jedoch schon klar, warum dies für gewöhnlich Paal Flaata tut: Der ist schlicht und ergreifend besser bei Stimme (und sieht ja auch recht fesch aus). Bassist und Berufs-Buddhist Ron Olson schaute die ganze Zeit entspannt in die Runde, gerade so als amüsiere ihn das Geschehen irgendwie, und betonte lediglich passagenweise das Geschehen mit ein paar sparsamen Akzenten auf dem akustischen (aber nicht Kontra-)Bass. Midnight Choir fühlten sich in dieser Situation augenscheinlich außerordentlich wohl und auch das einzige Problem der Show - eine gerissene Saite auf Paals Gitarre ausgerechnet mitten im epischen "Jeff Bridges" steckten die Jungs mit Nonchalance weg. Das einzige, was man anmeckern hätte können war, dass das Set im Vergleich etwas lang ausgefallen war - dafür gab's zum Schluss aber eine versöhnlich kurze Version von "Painting By Matisse".

Richard Thompson kam dann - entgegen anderslautender Überlegungen im Vorfeld - doch alleine auf die Bühne und legte auch gleich mit neuem Material los: "Gethsemaneh", der intelligent gemachte Opener des neuen Albums "Old Kit Bag" fügte sich gleich nahtlos ins übliche Oeuvre ein. Wieder einmal zeigte Richard bei dieser Show, dass er einer der wenigen Gitarristen ist, die mit ihrem Instrument alleine locker eine ganze Band wettmachen können. So flink und vielseitig wie er huschen wirklich nur die Allerbesten über die Saiten (zuweilen spielte er gar Rhythmus- und Leadgitarre parallel) - und dabei ist Richard nicht einmal ein Jazzer! Jedenfalls fiel es unter diesem Gesichtspunkt auch nicht auf, dass die neuen Tracks gar nicht für den Solo-Vortrag konzipiert waren. Da Richard jemand ist, der zwischen den Stücken auch gerne kleine Stories erzählt, kam natürlich auch sofort ein Dialog mit dem Publikum in Gang, der für jede Menge heitere Kurzweil sorgte. So erfuhr man zum Beispiel, dass die 60s gar nicht so toll gewesen waren ("Da bin ich alleine als Support von Hawkwind aufgetreten und niemand hat es bemerkt!") oder dass das Stück "Sight Unseen" aus der Sicht eines Taliban-Kämpfers geschrieben war. "Der gute George W. möchte einen Krieg, gelle?" fragte er danach zu diesem Thema ins Publikum, "da habe ich was." Und dann spielte er Phil Ochs' "I Ain't Marchin' Anymore" mit einer neuen Strophe, die er auf die aktuelle Situation umgemünzt hatte. ("Ich habe Phils Schwester gefragt - sie sagte, es sei okay") Es folgten dann eine Hand voll Gassenfeger - z.B. "Crawl Back" (unter Tätiger Mithilfe des Publikums) und ein bisschen Historie. Den Publikumswunsch "Wall Of Death" konnte er dann allerdings nicht spielen, da er ihn leider vergessen hatte. Dieses Set war dann eher ein bisschen zu kurz geraten, denn einem gutgelaunten Richard Thompson hört man gerne länger zu - aber er möchte ja später noch mal mit Band auf Tour gehen.

Jackie Leven, der den Abend dann beschließen durfte, hatte sich als Verstärkung seinen Keyboarder Michael Cosgrave mitgebracht. Das war keine schlechte Idee, denn schon auf Jackies Scheiben spielt ja die von den reichhaltigen, aber transparenten Keyboard-Teppichen angereicherte Atmosphäre eine wichtige Rolle. Es gab dann neben den gewohnten Stories (z.B. die von den Jugend-Erlebnissen in der Haigh-Whisky-Destillerie) auch neue zu den Songs des aktuellen Albums "Shining Brother, Shining Sister". Hierbei zeigte sich wieder einmal der Unterschied zu Jackie Leven, dem introvertierten, melancholischen Songwriter und Jackie Leven, dem lebensbejahenden und zuweilen urkomischen Performer. Dieser Gegensatz wird von Jackie bewusst genutzt, denn erst so ist es möglich, die doch z.T. komplexen und eher metaphorischen Inhalte seiner Songs wenigstens halbwegs goutieren zu können. "Classic Northern Diversions" und "My Philosophy" zum Beispiel, machten nur mit Jackies aberwitzigen Hintergrund-Stories Sinn. In "My Philosophy" geht es z.B. darum, dass ihn zwei Londoner Polizisten aus der schwersten Depression seines Lebens gerettet haben (siehe Interview), "Classic Northern Diversions" ist eine Art metaphysischer Reisebericht. Eine Lehre gab's zwischen den Zeilen auch noch: Traurigkeit ist gut, denn daraus können positive Dinge erwachsen, Depressionen sind indes zu nichts nutze, da sie das Tun hemmen. Aber zurück zum Thema: Musikalisch nutzte Jackie die Möglichkeiten, die sich mit Michael Gosgrave ergaben dazu, die einzelnen Stücke in epische, aber recht frei aufgebaute Bestandteile auseinanderzubröseln, und diese dann gewissermaßen ausufernd auszuloten. Das war nun nicht unbedingt jedermanns Sache - denn keines der Stücke war so unter 10 Minuten lang - aber für Jackie Fans war dies eine schöne Gelegenheit, den doch vorwiegend solo agierenden Mann einmal in Kommunikation mit einem anderen Musiker zu erleben.

Alles in allem funktionierte die 3-er Besetzung des Abends besser als man sich das im Vorfeld ausgemalt hatte (sogar besser, als sich die Musiker das gedacht hatten) - denn die verschiedenen Ansätze der drei Acts ergänzten sich stimmungsmäßig auf nahezu magische Weise. Endlich einmal konnte man wieder guten Gewissens sagen, dass man hier etwas für sein Geld geboten bekam!

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Surfempfehlung:
www.jackieleven.com
www.richardthompson-music.com
home.online.no/~jeiv-sle/midnightchoir.html
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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Mehr über Jackie Leven:
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