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Konzert-Bericht
 
Barbra ist sauber!

Jesse Malin

Köln, Gebäude 9
20.03.2003
Jesse Malin
Wer sich schon mal gefragt hat, was das für ein Gefühl sein muss, wenn man sich eine Rockband mietet, die dann auf einer privaten Familienfeier spielt (Paul McCartney soll für ca. eine Million Pfund zur Verfügung stehen), der hätte an diesem Abend erleben können, wie das so ist. Denn aufgrund verwirrender Label-, Veröffentlichungs- und Informationspolitik sowie der dramatischen politischen Gemengelage (die indes für diesen Event - faktisch gesehen - unerheblich erschien) fanden gerade mal vier zahlende Gäste den Weg ins Gebäude 9. (Kaum vorzustellen, wie DIE sich gefühlt haben müssen.) Dabei stand da ein Mann auf der Bühne, der einiges an musikalischer Reputation aufzuweisen hat und es ansonsten gewohnt ist, vor vollem Haus aufzutreten.
Jesse Malin
Nicht nur, dass Jesse Malin es mit seiner Glam-Punk Band D-Generation bis ins Vorprogramm der Kiss-Reunion-Tour geschafft hatte, nein, der Mann hat sich auf seinem Debüt als Singer-/Songwriter gleich mit seinem Trinkkumpan Ryan Adams zusammen getan, in dessen Vorprogramm er letzten November erste Meriten als Solo-Entertainer erwerben konnte. Nicht nur das: In den zwischen den Songs angesiedelten, haarsträubend komischen Stories, die der begeisterte Geschichtenerzähler Malin einzustreuen pflegt - ob nun jemand da ist, der sie hört oder nicht - wimmelt es von Namedroppings imposantester Natur. Dass man kürzlich bei Jay Leno in der Tonight Show gespielt habe, erzählt Malin, und dass man nicht habe mit Leno reden können (obwohl man eine coole Story über den Auftritt im Vorprogramm von Kiss im Madison Square Garden vorbereitet hatte) weil Catherine Zeta Jones so lange gequatscht habe. Und dann gab's noch die aberwitzige Story aus seiner Zeit als freier Transportunternehmer, als Jesse mit einem Kumpel eine Couch für Barbra Streisand in ein Lagerhaus transportiert hat. Dabei, so berichtet Jesse, hätte die beiden dann die Schubladen in Barbras Schlafzimmer durchstöbert, um zu schauen, ob irgend etwas verfängliches zu finden sei - und nichts gefunden ('Barbra ist clean, das kann ich euch sagen!'). Barbra sei dann hereingekommen und habe sich darüber aufgeregt, dass die Möbel verrückt seien und verlangt, man möge sie wieder hinstellen, 'The Way We Were' (das hat er wirklich gesagt!). Anschließend habe man die Couch in seinem Van transportiert, dessen Dach leider leck gewesen sei und im Regen sei dann das Möbelstück ruiniert worden. "Dann haben wir uns gedacht: 'Scheiß drauf - die Sachen sind eh hin, da werden wir doch nicht bezahlt'", erzählt Jesse wild gestikulierend und mit vielen Zitaten seines offensichtlichen Heroen Travis Bickle versehen, "und anstatt zurückzufahren, haben wir uns einen hinter die Binde gekippt, sind im Van herumgefahren und in Brooklyn gelandet. Und so heißt der nächste Song."

Es ist notwendig in dieser Breite auf den Quasseltrieb des Mannes einzugehen, denn diese Art ungehemmten Komunikationsbedürfnisses kennzeichnet Jesse nicht nur als typischen New Yorker, sondern macht auch einen Großteil seiner bühnentechnischen Ausstrahlung aus. Die Songs des aktuellen (und so unglücklich platzierten) Debüt-Albums "The Fine Art Of Self Destruction" präsentierte Jesse dann - mit einer enorm kompetenten und unterhaltsamen Band im Rücken - souverän und perfekt, wie das nur ein geborener amerikanischer Showman kann. Sicher, die eine oder andere Geste war denn für die kleine Bühne etwas zu groß und zu intimidierend für das spärliche Publikum (weswegen auch niemand mitklatschte, als Jesse quasi darum bat), aber ansonsten saßen die Tracks wie "Queen Of The Underground", "Wendy" oder der Titeltrack (zu dem der schelmische Bassist den Basslauf von "Walk On The Wildside" beisteuerte und deswegen von Jesse augenzwinkernd getadelt wurde) alle auf dem Punkt - mit deutlich mehr Power und Drive als auf der Scheibe und eigentlich so, wie man sich gut gemachte Live-Musik vorstellt. Jesse bemüht sich erst gar nicht, etwas Neues zu erfinden. Seine Musik ist reich an Zitaten und er räumt dies auch freimütig ein. So oder ähnlich hätte manchen Track auch der Boss präsentiert, so oder ähnlich klang auch manche Simon & Garfunkel Harmonie ("Riding On The Subway") und so oder ähnlich hatte auch bereits Chuck Berry schon gedacht. Allerdings hatte man nie den Eindruck, dass Jesse Malin hier als Freibeuter durch die Musikgeschichte zog, sondern vielmehr, dass man hier jemanden hat, der sich seines musikhistorischen Erbes zwar durchaus bewusst ist, damit aber ebenso verantwortungsvoll wie - was fast noch wichtiger ist - unterhaltsam umgeht. Einen neuen Track namens "Arrested" gab's dann auch noch - selbstredend versehen mit einer unterhaltsamen Rahmenhandlung die anschaulich beschrieb, wie Malin nach besagtem Kiss-Konzert mit einer offenen Bierflasche in der Hand von der Polizei verhaftet wurde. (Zur Erklärung: Es ist in den USA zwar erlaubt, in Notwehr beliebig viele unbeteiligte Passanten zu erschießen, nicht jedoch auf der Straße aus einer Bierfasche zu trinken). Als letzte Zugabe gab's dann das momentan sehr beliebte "What's So Funny 'Bout Peace, Love & Understanding" (zu finden auf [der US-Fassung von] Elvis Costellos "Armed Forces" und geschrieben von Nick Lowe) wobei der Meister dann in wahrer Rock N Roll Grandezza mit mehreren Mikroständern gleichzeitig alle denkbaren Poser-Tricks aus der Big-Hair-Dekade ausprobierte. Das Fazit eines der zahlenden Aufrechten nach dem Konzert war: "Der hätte mehr verdient gehabt." Was indes der andauernden Begeisterung Jesses, die auch nach der Show noch anhielt, keinen Abbruch tat: Als waschechter Rock N Roller, so hatte man den Eindruck, würde der Mann sogar für einen einzelnen Fan spielen.

Jesse Malin
BACKSTAGE WITH: JESSE MALIN

Es gibt wohl kaum eine Rezension zur Solo-Debüt-Scheibe von Jesse Malin, in der nicht im ersten Satz bereits der Name Ryan Adams erwähnt wird. Im zweiten ist es dann vielleicht Bruce Springsteen. Und im Folgenden alle möglichen anderen Acts der Rock-Geschichte. Deshalb wollten wir bei unserem Gespräch vor der Show in Köln zuerst wissen, wie wichtig sind den Inspirationen und / oder Einflüsse für jemanden, der seine CD "The Fine Art Of Self Destruction" nennt, und dabei anerkennend in Richtung der Boomtown Rats nickt?

Jesse: Ja, das habe ich wohl unbewusst getan, und du bist der erste, der das bemerkt hat. "The Fine Art Of Surfacing", das war die Scheibe, wo "I Don't Like Mondays" drauf ist, nicht? Wir haben uns eine Menge Titel überlegt und als ich den Titeltrack schrieb, war es klar, dass - da es sich um eine autobiographische Scheibe handelt - auch ein gewisses Augenzwinkern dabei sein sollte. Es gibt ja immerhin eine Menge trauriger Songs auf der Scheibe. Der ernste Aspekt dabei ist, dass Songschreiben mit autobiographischem Charakter ist, als wärst du dein eigener Vorzeige-Psychiater. Es geht ja auf der Scheibe um kaputte Beziehungen und Schmerz und so. Ich betrachte mich zwar als glücklichen Menschen, aber am besten schreibe ich, wenn ich traurig bin. Das ist also eine Art Exorzismus für mich, diese Songs zu schreiben. Wie Woody Allen sagt: 'Tragödie plus Zeit ist Komödie'. Wichtig ist, dass es bei meiner Selbstzerstörung nicht um Rock 'n' Roll geht - also kein Johnny-Thunders-, Kurt-Cobain-Ding. Es ist geht um eine tiefere, spirituellere und intellektuelle Neurose. Was die Einflüsse betrifft: Wie schon Chuck Berry sagt: 'Nichts auf der Welt ist wirklich neu'. Ich bin aufgewachsen und habe alles von Kiss bis zu den Bad Brains angehört, von Shane McGowan über Frank Sinatra, Judy Garland, Nirvana bis zu Joe Strummer, mit dem ich übrigens auch befreundet war. Für mich geht's immer ums Gefühl und die Songs. Ich werde von verschiedenen Dingen beeinflusst. Nicht nur von Platten, auch von Filmen und Büchern und dem, was die Leute sich erzählen. Filme waren für mich wichtig, als ich aufwuchs. Ich habe mich immer mit meinen Baby-Sittern ins Kino gemogelt, "Taxi Driver", "On The Waterfront", "Lenny Bruce" - das war's, was mir die Augen öffnete. Was meine Musik betrifft: Diese Musik und die, die ich mit D-Generation gemacht habe - oder alle andere - ist für mich das Gleiche. Es geht um Songs und das, was du in zwei oder drei Minuten tun kannst. Es geht um Ideen, Attitüde, die Art zu Denken und zu fühlen. Die Arrangements mögen zwar jetzt anders und leiser sein, aber letztlich sind es immer die gleichen Songs. Die neue (Solo-) Sache bietet mir mehr Möglichkeiten, Entscheidungen zu treffen. Ich kann das Cover bestimmen, Sachen auswählen, die Texte abdrucken. Das kann auch gefährlich sein: Gib mir genügend Seil und ich hänge mich damit auf. Aber ich denke, das habe ich im Griff.

GL: Ist es vielleicht ein Aspekt des Alters, dass sich Jesse von seiner eher Punk betonten Vergangenheit löst und jetzt "erwachsenere" Musik macht?

Jesse: Ich bin jetzt 35 und habe gerade eine Punk-Scheibe namens The Finger (ein semi-geheimes Fun-Projekt mit Ryan Adams) gemacht und da klinge ich, als sei ich 10. Es war ein Witz, den wir uns im besoffenen Kopf ausgedacht hatten, aber ich denke es geht nicht ums Alter bei der Sache die ich mache. Wenn wir jetzt spielen, schreie ich immer noch rum und springe in die Drums oder so. Es geht aber um Veränderung. Ich habe einige Projekte durchlaufen, bei denen ich auch immer die Songs geschrieben habe. Und dann habe ich mich dazu entschlossen, ein Solo-Künstler zu werden. Veränderung und Weiterentwicklung ist wichtig - egal, was du tust - sonst stagnierst Du. Das heißt nicht, dass ich morgen eine Tekkno-Scheibe machen werde, sondern dass ich mich weiterentwickeln werde. Es gibt andere Bands - wie die Cramps oder Motorhead, die seit 10 Jahren immer dieselben Scheiben machen. Das ist seltsam. Bands wie The Clash oder die Beatles, die Stones, The Clash, U2 (die nicht meine Lieblingsband sind) - die haben sich weiterentwickelt und sind sich selbst treu geblieben. Das ist es, was ich möchte. Es fließt alles durch dieselbe Vene, wie ich sage. Es ist nicht so, als taste man sich durchs Dunkel. Es geht nicht um Moden - obwohl das viele Leute so sehen. 'Akustische Gitarren sind dieses Jahr in' oder solche Sprüche, die kenne ich zur Genüge. Was das schöne für mich mit der neuen Scheibe ist, dass mir jetzt die Leute endlich zuhören. Ich habe auch mit D-Generation gute Texte geschrieben - sind aber immer mit Motley Crue verglichen worden, obwohl wir keine Songs über Girls und Cars hatten. Wir haben die Stooges und die Ramones gemocht - deswegen sind wir oft missverstanden worden, was es sehr frustrierend machte. Jetzt hören neun von zehn Leuten auf meine Texte, darüber bin ich glücklich.

GL: Und wie entstehen diese Texte?

Jesse: Viele Leute sagen ja, dass die Stadt New York eine Art Darsteller in meinen Songs sei. Ich lebe ja dort und hoffe also, dass sich das in meinen Texten auch widerspiegelt, dass du die Tapete im Hintergrund abblättern hörst und dich da hineinversetzen kannst. Deine Umgebung beeinflußt auch dein Songwriting. Ich mag es immer, wenn Songs wie eine Scheibe Leben sind, Atmosphäre, Cinematisch - das ist die Wahrheit. Details sind wichtig. Route 66, die Straßen von New York, über die Lou Reed singt - du kennst diese Plätze vielleicht nicht, aber wenn du davon in Songs hörst, möchtest du vielleicht deswegen dort hin. Darum geht es, um diese Art beschreibender Texte, wie sie Chuck Berry bereits geschrieben hat, dies möchte ich auch. Du brauchst dabei etwas, was dich motiviert und inspiriert. Du bist das Produkt deiner Umgebung. Ich könnte also z.B. praktisch jetzt einen Song über Becks Bier und einen Teller Tomaten schreiben (der unerklärlicherweise auf dem Tisch steht). Die Sachen kommen zu dir und du denkst nicht darüber nach. Manchmal tauchen in meinen Songs Sachen auf, die aus dem Unterbewusstsein kommen - eine Gitarrenlinie wie in "Angie" von den Stones, oder eine Harmonie wie bei Simon & Garfunkel - "Riding On The Subway" sollte ein Song werden, als treffe Tom Waits Simon & Garfunkel in der U-Bahn. Früher habe ich mich über so was immer aufgeregt, wenn jemand was "geklaut" hat - aber heute sehe ich es so, dass die Sachen da sind und du tust, was notwendig ist.

GL: Wie ist denn die Scheibe entstanden?

Jesse: Ich habe ein paar Demos mit Ryan und Melissa Auf Der Maur gemacht. Sie sang ganz toll und sie hat sich sofort bereit erklärt auch auf der Scheibe zu singen. Ryan wollte unbedingt die Scheibe produzieren und dann hat er auch Gitarre gespielt. Er ist mein Freund. Wir hatten immer einen guten Draht bezüglich Songs, Texten und Trinken. Wir sind ins Studio gegangen und haben das Zeug zusammen herausgehauen. Der Rest kam daher, dass ich mit der Band die Sachen bereits seit sechs Monaten live in New Jersey geübt hatten - da war die halbe Scheibe praktisch schon fertig. Mein Freund Richard Fortus spielte noch Gitarre - er ist jetzt bei Guns N Roses. Es war aber nicht so, dass ich mir vorher überlegt habe, besonders viele berühmte Leute einzuladen. Was die neue Scheibe betrifft: Ich habe schon ein paar Songs geschrieben, von denen ich einige auch live spiele. Mal sehen, ob die es auf die Scheibe schaffen. Aber wer weiß, vielleicht schreibe ich ja auch einfach neue...

Surfempfehlung:
www.jessemalin.com
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
 

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