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Weltschmerz ade!

The Sleepy Jackson
The Hidden Cameras

Köln, Underground
28.05.2003

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The Sleepy Jackson
Natürlich darf man nicht erwarten, dass in Köln die Leute zu einem Showcase mit hippen Hypes strömen, deren Scheiben noch nicht mal veröffentlicht sind - wenn gleichzeitig im Biergarten vor dem Club ein Fußballspiel live übertragen wird. Und so sah denn das Zuschauerverhältnis auch sehr ungünstig für die angetretenen Musikanten aus: Ca. 300 Leuten im Biergarten standen ca. 30 geladene Gäste im Club gegenüber. Die bekamen dann indes etwas ganz Besonderes geboten. Denn mit dem Live Debüt der Hidden Cameras aus Toronto und The Sleepy Jackson aus Perth, Australien waren zwei Acts zu begutachten, die in England momentan in der englischen Musikjournaille in aller Munde sind. Besonders über The Sleepy Jackson und deren archetypischen Frontmann Luke Steele schreiben sich die Päpste des Rockjournalismus momentan die Finger wund.
Den Anfang machen durften - oder mussten - The Hidden Cameras. Mit dem Mut der Verzweiflung starteten die Musiker mit Geigen, Schellen und Schalmeien eine (erfolglose) Polonaise und zogen vom Biergarten musizierend in den fast leeren Club ein. Das musikalische Konzept der Kanadier ist ganz einfach umschrieben: "Tanz mit uns und der ganze Weltschmerz is gone!" war das Motto des Abends. Nicht, dass außer den beiden band-internen Vortänzern jemand mitgemacht hätte, aber immerhin! Die Combo um Frontmann Joel Gibb präsentierten ihren "Gay Church Folk", wie sie ihren Stil umschreiben, mit Schmackes und Enthusiasmus. Die Band, die so schwul ist, dass sie sogar eine Frau dabei haben, besteht dabei offensichtlich zu gleichen Teilen aus ausgebufften Songwritern, musikalischen Autodidakten (jeder durfte mal alles spielen) und den schon erwähnten Eintänzern - die sich z.B. bei dem Song "Breathe" vom aktuellen Album "The Smell Of Our Own" und beim letzten Track auf der Fläche vor der Bühne auslebten. Das Ergebnis - mit Cello, Geige, zwei Keyboards, Glockenspiel und wechselseitig gespieltem, holterdipolternden Schlagwerk vorgetragen - war dann die lustigste Jahrmarktmusik seit dem Mittelalter. Die Basis war hier indes eher beim Folkpunk als beim klassischen Minnegesang zu suchen. Die Songs sind hierbei einfach großartig - und wohl auch nur deswegen funktioniert das Konzept durchweg und ohne dass es nervt. In diesem Kontext traten die beinharten politischen Inhalte natürlich etwas in den Hintergrund zurück. Der Begeisterung der Musiker tat das dann aber keinen Abbruch - so dass das eher reservierte Publikum sich am Ende doch zu echten Sympathiebekundungen hinreißen ließ.

The Sleepy Jackson ist dann vor allen Dingen das Vehikel von Mastermind Luke Steele. Die Besetzung, die im Underground auf der Bühne stand, ist eine andere, als die mit der er bei Konzerten in England für Furore sorgte - und auch auf der kommenden CD, "Lovers", die z.T. mit Session Musikern eingespielt wurde, findet sich nur sein Kumpel, Drummer Malcom Clarke wieder. Dennoch: The Sleepy Jackson sind eine Band - und hier genauer: Eine Live Band. "Ich wollte immer eine Band haben", erzählte Luke vor der Show und wischte damit alle Fragen, warum er nicht einfach unter eigenem Namen firmiere, vom Tisch, "die erste Besetzung das waren meine Freunde, aber die konnten die Songs nicht richtig spielen. Das hier sind richtig gute Musiker und diese Band fühlt sich gut an." Das galt zumindest für Bassist Johnathan Dudman, der mit seinem wahrlich lebendigen Spiel einen gesunden Flow in den ansonsten doch recht spröden Rocksound der Band brachte. Beim Konzert im Underground - bei dem trotz ewig langem Soundcheck die technischen Probleme nicht ausgeräumt werden konnten - zeigte sich dann nämlich ein Live Act mit Pickeln und Warzen: Im Gegensatz zu den schwelgerischen Arrangements des Albums, wo vom Sampler bis zum Kinderchor alles aufgeboten wird, was Töne erzeugen kann, mag es Luke live eher sparsam - und laut. Einige Keyboardparts werden vom Computer eingespielt, ansonsten gibt's die volle Dröhnung. The Sleepy Jackson machen es dabei dem Zuhörer nicht gerade leicht - was sie im Prinzip ehrt. Auf der Scheibe, wie auch beim Konzert gibt es keine gemütliche Schublade, in die man die wilde Mixtur aus Stilen und nicht immer direkt zusammenpassenden Songs stecken könnte. Deswegen ist die britische Presse auch ein wenig hilflos, wenn es um die Vergleiche geht: Von den Beatles bis zu Mercury Rev wird nahezu alles referenziert, was Gitarren halten kann, um Luke Steele zu lobpreisen (oder zu dissen). Deswegen passt ein Attribut wohl ganz hervorragend zu dem Mann: Widersprüchlich.

Er selbst würde lieber "open minded" hören, jedoch argumentieren wir ja vom Standpunkt des Konsumenten aus. Mit derselben stilistischen Unbedarftheit etwa eines Damon Gough (nur weniger lustig als dieser) pflügte Steele mit seinen Jungs durch sein wahrlich eindrucksvolles Oeuvre. Dieses beinhaltete natürlich fast alle Tracks von "Lovers", das er seltsamerweise von den sperrigen Nummern her aufrollte, sowie einige z.T. verstörenden, z.T. beeindruckenden brachialen Rocknummern mit dröhnendem Feedback, stakkatoartigen Gitarrenattacken und kruden aber effektiven Riffs, die seinen eher pflegeleichten Popsongs doch irgendwie zuwieder laufen. Aber wie schon oft gesagt: Besser wagen und scheitern als Mittelmaß produzieren. Die Höhepunkte des Abends waren jedenfalls zweifelsohne die echten und heimlichen Hits des Albums: "Good Dancers", z.B. mit der charakteristischen George Harrison Gitarre, die "Country Hits" wie "Miniskirt" oder "This Day" - mit z.T. komplexen Melodielinien und exzellentem 4-stimmigen Harmoniegesang, der natürlich im allgemeinen Sound-Bombast ein wenig verloren ging oder auch das sentimentale "Morning Rain" - im Gegensatz zur Scheibe mit Band vorgetragen. Einen unverzeihlichen Fehler machte Luke indes: Bei den lyrischeren Nummern - z.B. dem solo vorgetragenen Track "Explosions" - verzichtete er auf eine akustische Gitarre und schrammelte diese auf einer sperrigen und metallisch abgestimmten Gretsch - was den Tracks viel von ihrer Intimität nahm. So, warum sollte man sich also für The Sleepy Jackson interessieren? Nun: Luke Steele ist ein begnadeter Songwriter, der vor nichts halt zu machen scheint, was sich musikalisch nur irgendwie machen lässt. Was weder dieses untypische Konzert-Setting, noch die bislang veröffentlichten EPs deutlich machen: Bereits auf der Debüt CD "Lovers" präsentiert er sich als gereiftes und ausformuliertes Talent, dessen Träume - Musik zu schaffen, die die Welt bewegen kann - gar nicht mal so weit gesteckt erscheinen. Was hingegen der Live-Auftritt eindrucksvoll belegte, ist, dass Luke - Songwriter-Sensibilität und Pop-Appeal hin oder her - ein charismatischer Live-Performer ist, der das Herz auf dem richtigen Fleck hat und der auch mal hinlangen kann. Auch wenn der Hype nächste Woche vorbei sein mag: Von The Sleepy Jackson werden wir (trotz des dämlichen Namens, der auf deinen schläfrigen Fahrer zurückgeht, der Luke und seine Band man transportierte) noch viel hören. Und hiermit ist gute Musik gemeint, und nicht etwa Schlagzeilen!

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Surfempfehlung:
www.thesleepyjackson.com
www.musicismyboyfriend.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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