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Cat Power
Women & Children

Köln, Gebäude 9/ Hamburg, Prinzenbar
06.06.2003/ 10.06.2003

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Cat Power
Da sage noch einer, der Beruf des Musikanten sei ungefährlich. Als Chan Marshall und ihr Kollege Olivier von der Band Women & Children, die auf dieser Tour das Vorprogramm gestalten, endlich kurz vor 10 Uhr abends - und damit satte sechs Stunden später eintreffen als geplant, ging jedenfalls ein Aufatmen durch die ansonsten bereits seit Stunden vollzählig versammelten Musikerkollegen. Was war passiert? Auf dem Weg zum Club waren Chan und Olivier in eine Polizeikontrolle geraten und - das passiert wenn man ehrlich ist, wie Chan nachher nicht ganz ohne Sarkasmus meinte - aufgrund dessen, dass Olivier zwei Tage zuvor in der Schweiz (wo das übrigens legal ist) einen Joint geraucht hatte, festgenommen worden. Da es sich hierbei um keine allgemeine Verkehrskontrolle handelte, liegt natürlich der Verdacht nahe, dass der Umstand, dass Olivier Franzose ist und nun mal aussieht, wie sich deutsche Polizisten einen Substance-Abuser vorstellen, eine nicht unerhebliches Auswahlkriterium der betreffenden Beamten darstellte.
"Weißt du, Situationen wie diese sind das, was ich an Amerika so hasse", meinte Chan verbittert, "und dass das nun ausgerechnet hier passiert, ist schon ganz schön erschütternd." Sei's drum: Olivier kam gegen Hinterlegung einer nicht unerheblichen Summe wieder frei und Chan musste den Rest der Strecke das Auto steuern. Wer nun indes gedacht hatte, dass sie deswegen einen ihrer gefürchteten Kollaps-Auftritte absolvieren würde, sah sich getäuscht. Zwar machten die zuweilen doch recht esoterischen Gedankengänge, die Chan dem Publikum eh immer schon mitteilt, an diesem Abend für Außenstehende noch weniger Sinn als sonst, ansonsten gab es aber eine Show der "Piss & Vinegar"-Klasse. Zunächst gaben Women & Children ihren Einstand. Sängerin Cheryl sang - zumeist am Klavier sitzend - spröde aber letztlich perfekt zum Programm passende Minimal-Songs, die im folgenden (u.a. durch den Umstand, dass alle Musiker ständig die Instrumente wechselten und sich keine stilistische Schublade finden lassen wollte) aufgrund ihrer Vielseitigkeit aber doch ein gewisses Eigenleben entwickelten. Die stillen, zuweilen ein wenig katatonischen auf jeden Fall aber fragil und introvertiert daher kommenden alternativ angeschrammelten Elaborate passten jedenfalls zum Programm und wurden von den Cat-Fans zumindest mit Interesse, teilweise auch mit Wohlwollen entgegengenommen.
Dann kam Chan mit ihrer band auf die Bühne. Es fing noch recht beschaulich und versöhnlich an: "Good Woman", von der aktuellen Scheibe mit der kompletten Band in einer leicht swingenden, dank Geigerin Margarets folkiger Violine irgendwie countryesken Version. Dann jedoch driftete Chan ab in das, was ihre Band scherzhaft "her own weird spaces" nennt und es folgte eine typische, aber ungleich härter und lauter als gewohnt ausgelegte Reise durch Chans inneres Ich. So gab es - neben den üblichen eklektischen Cover Versionen, darunter solche Schätzchen wie "Dead Leaves And The Dirty Ground" von den White Stripes, "Satisfaction", dem üblichen "Werewolf" von Michael Hurley (auch sehr schön mit Geige), auch ein dann doch irgendwie überflüssiges "Knocking On Heaven's Door". A propos überflüssig: Nichts, was Chan macht, ist natürlich in den Augen der Fans wirklich überflüssig, aber anlässlich dieser Gelegenheit lotete Chan diese Prämisse dann doch bis in den letzten Winkel aus. Ab und an z.B. verließ sie die Bühne, um sich etwa neu zu schminken oder eine Pinkel-Pause einzulegen - was aufgrund der absolut charmanten Band, die sich mühten die Pausen mit improvisierten Coverversionen von den Beatles bis hin zu Spinal Tap zu füllen - aber zu keinerlei unbequemen Situationen führte. Dann - nachdem es z.T. von der Band angestoßene, spannende Versionen von Tracks wie "Rockets" oder dem zerstörerischen "American Flag" gegeben hatte, griff sie erstmals zum Klavier ("Maybe Not" in einer druckvollen Version, durch etliche Ad Libs zum Thema "Polizei und so" erweitert) - und blieb dort irgendwie hängen.

Die Luft in der stickigen Halle war zum Schneiden dick und man dachte schon, dass es das dann gewesen wäre - doch weit gefehlt: Nach einem irgendwie halbgaren Ende der Show, spielte Chan einfach noch ca. 80 weitere Songs. Als sich die Halle dann so gegen zwei Uhr Morgens (!) doch irgendwann zu leeren begann und dem ansonsten eher kurzgeschorenen Veranstalter die ersten grauen Haare sprießten ("Mann, ich muss meinen Techniker doch nach Stunden bezahlen!") setzte sich Frau Marshall gar noch ans Drum-Kit und lud ihre Tontechnikerin und alle, die noch irgendwie ein Instrument halten konnten, zu einer Art "Weirdness Jamboree" ein, bis sie dann - schweißdurchtränkt, aber irgendwie glücklich - doch irgendwann aufgeben musste. Das war nun wahrlich kein großartiges Konzert, dessen Setlist man noch nach Jahren mit einem leuchten in den Augen studieren wird, aber eines, das den Umständen entsprechend vielleicht irgendwie legendär gewesen sein könnte. Das wird der Vergleich zur nächsten Show in Hamburg zeigen...

...ein paar Tage später in Hamburg...

"How many Goths does it take to screw in a lightbulb? None, 'cause darkness rules!" Chan Marshall ist offensichtlich gut gelaunt und erzählt Witze. Angesichts dessen, dass die Show in Frankfurt zwei Tage zuvor zu einem mittleren Desaster geriet, als sie das Konzert nach ein paar Stücken abbrach, ist dies zumindest mal ein gutes Zeichen. Zur "Guten Laune Show" gehört auch, dass jeder der Fans, die vor dem Club herumlungern, nicht nur Autogramme bekommt, sondern auch gleich auf die Gästeliste wandert - auch wenn sich der eine oder andere dafür anhören muss, dass er Chan an den American Psycho erinnere. Das hängt damit zusammen, dass Chan Marshall ständig damit beschäftigt ist, Leute einzuschätzen, zu beschreiben, zu erklären, zu analysieren, einzuordnen usw. Letztlich führt das dazu, dass sie natürlich auch recht gute Songs schreiben kann - andererseits kann das aber für die Betroffenen doch zumindest überraschend wirken.

Egal: Die Prinzenbar ist quasi der Hintereingang zum größeren Docks, das ursprünglich als Austragungsort der Show ausgewählt worden war - was man besser auch so belassen hätte. Denn der zunächst dürftige Vorverkauf zog in den letzten Tagen doch recht spürbar an und so war der auf mehreren Ebenen merkwürdig gestaffelte Veranstaltungsort restlos ausverkauft. Chan war - anders als in Köln - an diesem Tag rechtzeitig da, dafür war aber die Support-Band, Women & Children, im Elbtunnel stecken geblieben und kam erst an, während sich das Publikum bereits in der Prinzenbar stapelte. Das führte dann dazu, dass der Soundcheck "on-the-fly" vor Ort gemacht werden musste, was dann noch recht ordentlich klappte. Da die Bühne zwar für den kleinen Raum viel zu groß, aber für eine richtige Band plus Klavier viel zu klein war, hatte Drummer Will von Chans Band wohlweislich beschlossen, nur einen kleinen Teil des raumfressenden Drumkits aufzubauen. Das führte dazu, dass dieses im Folgenden keine allzugroße Rolle spielte - was bedeutete, dass es dieses Mal KEINE Rock-Show geben würde. Was auch gut so ist, denn das rumtoben sind weder Chans noch die Stärken von Women & Children. Diese spielten dann ein relativ sparsames Set, bei dem das Markenzeichen der Band - das Wechseln der Instrumente - dann dazu führte, dass einige Tracks Glen Branca-mäßig mit vier Gitarren vorgetragen wurden. Das passte recht gut zur reduzierten Struktur der W&C-Songs, die mehr auf das Schachteln von Ebenen abzielen, als auf das Aneinanderreihen von Strophen & Refrains. Besonders die von Sängerin Cheryl vorgetragenen Stücke am Piano tendierten dabei - mehr noch als in Köln - in die Richtung, die auch Mary Timony mit ihrer Vorliebe für mittelalterliche Harmonien im Alternative-Gewand einschlägt. Unter dem Strich empfahlen sich W&C bei dieser Show als interessantes Kollektiv und präsentierten sich sehr viel relaxter und auch intensiver, als bei dem etwas flatterigen Auftritt in Köln.

Gleiches konnte man auch für Chan Marshall sagen. Chan hat einen neuen Ring, den sie am Daumen trägt (und natürlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit ablegt, da man damit nicht spielen kann, und diesen dann vergisst). Der Ring trägt die Aufschrift "An Angel Passing By". Damit sind jene Augenblicke gemeint, so erklärte uns Chan, wenn sich zwei Leute treffen und sich auf einer magischen Ebene verstehen, ohne Worte wechseln zu müssen. Ähnliches galt auch für dieses Konzert. Das Publikum harrte sardinenartig aneinandergedrängt Chans Vortrag und verstand. Einmal abgesehen davon, dass es auf der Bühne so heiß war, dass man befürchten musste, alleine von den Lampen einen Sonnenbrand davontragen zu müssen, gab es keine nennenswerten tatsächlichen oder eingebildeten Obstakel, die überwunden werden mussten und man konnte sich ganz auf die Musik konzentrieren. Chan begann mit "American Flag" - jedoch nicht in der nervenzehrenden, psychotisch-elektrischen Version, sondern in der bluesig klagenden stillen Variante. Das war kennzeichnend, denn dort wo in Köln Anspannung und Energie in Musik umgesetzt werden mussten, waren es hier eher positive Vibes. Klar, dass das bei Cat Power dann trotzdem kein heiteres Sing-Along wird: Stücke wie "Baby Doll", "I Don't Blame You" oder "Fool" von der neuen CD "You Are Free" sind halt nun mal keine aufmunternden Gassenhauer. Aber wenn Chan in den letzten Monaten und auf der laufenden Tour (die sie als beste ihrer Laufbahn bezeichnete) gelernt hat, dann ist das, die Stücke als solche zu akzeptieren - und nicht zu versuchen, diese fragmentarisch ineinanderzufließen zu lassen, um den ungeliebten Applaus zu vermeiden.

Ganz im Gegenteil: Auf dieser Tour schien es erstmals so, als genieße es Chan tatsächlich, vor den Leuten aufzutreten. Kleine Details deuteten darauf hin: Da war z.B. das Bedürfnis, einen Pickel mit Eyeliner - oder Filzstift - abzudecken. Früher hätte sie den einfach hinter dem undurchdringlichen Haarvorhang versteckt, den es heutzutage auch nicht mehr ständig gab. Dann sang sie z.B. bei der Coverversion von "Satisfaction" den Refrain - den sie bislang immer bewusst weggelassen hatte, um bloß nicht die direkte Verbindung zum Rock-Idol Jagger aufkommen zu lassen. Heuer grölte sie scheinbar unbeschwert "I can't get no satisfaction" ins Publikum - frei nach dem Motto: Seht her, ich kann auch ein Rockstar sein. (Nicht, dass sie das jemals zugeben würde!). Den Song widmete sie dann Peaches, die bei der Show vorbeigeschaut hatte, um Chan einmal kennenzulernen. Mit Geigerin Margaret (die zuweilen auch zum Bass greift) hat Chan eine sehr passende Gesangspartnerin gefunden, mit der sie sich - im Sinne ihres Ring-Spruches - engelsmäßig blind ergänzt. Und so gerieten dann Tracks mit Harmoniegesang - wie "Maybe Not" oder "Good Woman" - zu den Höhepunkten der Show.

Nachdem der offizielle Teil der Setlist dann abgearbeitet war, gab es noch drei Cover-Versionen: "Dead Leaves And The Dirty Ground" von den White Stripes - hier aber nicht als Rocknummer, sondern eher als Blues, "Knocking On Heaven's Door" - bei der sie übrigens den Refrain abänderte in "Knock, Knock, Knock - who's there?" (was dem Song natürlich auch eine andere Bedeutung verleiht) und Otis Reddings "Try Me", bei dem sie mit dem Mikro ins Auditorium hinunterstieg, sich dort auf den Boden legte und den Song als Folk-Soul Hymne der Extraklasse zelebrierte. Dass Chan ziemlich heiser war, wirkte sich hierbei durchaus förderlich aus. Anders als in Köln ließ es Chan dann danach aber auch gut sein, was angesichts der mittlerweile auf Sauna-Level gestiegenen Luftfeuchtigkeit im Club vielleicht auch ganz gut so war. Auch wenn sie selbst das nächste Woche vielleicht schon wieder vergessen haben wird: Für die Anwesenden war dies sicherlich ein unvergesslicher Abend und mit Sicherheit eine der besten Shows, die Chan hierzulande bislang gespielt hat.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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