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Jägermeisterzeit

Orange Blossom Special 7 - 1. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Villa
06.06.2003/ 07.06.2003

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Orange Blossom Special 7
Da konnte man nicht meckern: Die Glitterhäusler hatten weder Kosten noch Mühe gescheut, und Pfingsten in den wetterfreundlicheren Sommer verlegt, so dass - von einem grandiosen regentechnischen Ausrutscher am Sonntag abgesehen - vorwiegend eitel Sonnenschein vorherrschte. Die inoffizielle Eröffnung fand traditionsgemäß am Freitag statt und bot mit einer überbordenden Mischung aus Trubel, Tragik und totalem Stromausfall alles, was das Rock und Roller Herz begehrt - wie uns Stagemanager John Parker brühwarm beichtete: Viele Beverunger Ureinwohner nutzten die Gelegenheit, bei (noch) freiem Eintritt einmal Festival-Luft zu schnuppern und praktisch auch alle zahlenden Gäste waren schon vor Ort, so dass die Menschenmassen bei manchen bereits wieder den Ruf nach Ein-Band-Eröffnungsabenden laut werden ließen.
Denn dieses mal spielten gleich drei Acts, darunter Kim Carsons mit Band, One Finger Salute und die Swamphogs. All das schützte jedoch nicht davor, dass alle drei Hauptsicherungen der elektrischen Anlage gleichzeitig ihren Geist aufgaben und mittels eines noch fahrtüchtigen Sanitäters ein nicht mehr fahrtüchtiger Beverunger Elektriker von seinem Feierabendbierchen weggeholt werden musste, um das Ganze zu richten. Kaum hatte dann der erschöpfte Sanitäter Feierabend, hatte ein armer Festivalbesucher einen epileptischen Anfall (wegen der bunten Lichter, so geht das Gerücht). Da sich aber dann kein fahrtüchtiger Elektriker mehr finden ließ, mit dem etwa ein Sanitäter von seinem Feierabendbierchen weggeholt werden konnte, konnte man diesbezüglich auch nichts mehr tun. Für alle anderen lohnte sich wohl dieser Auftakt bereits.

So richtig los ging's dann am Samstag bei wahrlich strahlendem Glitterhouse-Wetter. Zwar hatten sich - wie üblich - erst einige hartgesottene Fans zum ersten Konzert versammelt, aber bereits dieses war ein Hinschauen wert. Virgil Shaw, der sperrige Songwriter mit dem harten Gitarrenanschlag und der Lizenz zum Kieksen wurde bei seinem Auftritt von Keyboarder Marc Capelle begleitet (der später auch noch Trompete bei Granfaloon Bus spielte). Gerade das war das, was es brauchte, um Virgils sehr intensiven und auch beeindruckenende, aber doch eher stotternden und hakeligen Vortrag einen gewissen Swing zu verpassen. Jedenfalls wirkte sein Set so sehr viel druckvoller und runder als z.B. noch ein paar Tage zuvor im Vorprogramm von Granfaloon Bus in Köln. Der nächste Act war dann bereits Teil des musikalischen Erziehungsprogrammes, das sich die Glitterhäusler in den letzten Jahren erfolgreich aufgebaut haben. (Bereits jetzt ist es ihnen ja gelungen, große Teile des Publikums von ihrer Vier-Mann-Mit-Gitarre-Und-Flanellhemd-Sucht zu retten). Shilf sind eine Band aus der Schweiz. Angeblich, so erklärte Rembert, habe es nichts damit zu tun, dass Chris Eckman die Scheibe produziert habe, dass die Band auf dem Festival auftrete. Das konnte man dann auch glauben, denn die elegante Mischung aus Americana-, Slow-Core und Aletrantive-Einflüssen, die die Band da verquickte, saß eigentlich wie der Korken auf der Flasche der OBS-Philosophie, bei der ja alles möglich ist, so lange es nicht modisch und hip ist. Der etwas spröde Vortrag und das irgendwie nicht zur Musik passende Aussehen der Band wurde in etwa kompensiert durch den einschmeichelnden Gesang von Sängerin Nadia Leonti. Und dass schweizer Bands schöne langsame Songs spielen können, überraschte ja nun wirklich nicht weiter.

Beim nächsten Act lösten Rembert und Reinhard ein Versprechen ein, das sie schon vielen Bands gegeben hatten: Smokestack Lightning, eine "Freitagsband" vergangener Jahre, durften zur besten Sendezeit noch einmal aufspielen. Berechtigterweise, denn der einzige Vorwurf den man den stilgerecht gekleideten Jungs machen konnte, war nach wie vor der, dass sie zwar klasse Cover-Versionen spielten - irgendwo zwischen Rockabilly, Country, und Rock'n'Roll - aber immer noch kein eigenes Material. So gab es denn die besten (nicht die bekanntesten!) Tracks der Musikgeschichte - also quasi die Musikgeschichte aus der Sichtweise von Smokestack Lightning. Dem in der brüllenden Hitze tanzenden Publikum gefiel's - und Geschmack beweisen tat es obendrein, indem es sich "Man Of Constant Sorrow" als Zugabe aussuchte. Danach gab es etwas ganz besonderes: Vic Chesnutt spielte - Monate vor der eigentlichen Tour - sein einziges Deutschlandkonzert auf dem OBS. Zu verdanken haben wir das Edgar Heckman, der über seinen eigenen Schatten sprang, und dem großartigen, aber skurrilen und überhaupt nicht rockigen Vic auf seinem Blue Rose Label eine Chance gab. (Nun gut: Aufgrund vertraglicher Verpflichtungen musste er dies quasi, räumte aber ein, sich den Back-Katalog des guten Vic teilweise freiwillig reingezogen zu haben). Vic war sichtlich gerührt von der Möglichkeit, vor den Glitterhouse Fans aufspielen zu können. Die vielen kleinen Kinder, die auf der Bühne herumwuselten und ihm inbrünstig die Nasenhaare fotografierten, regten ihn jedenfalls zu einem Dauergrinsen an. Von einer mächtig kompetenten Band unterstützt, spielte Vic daraufhin vorwiegend die balladesken Tracks des neuen Albums, "Swan Lake". Und irgendwie war das genau die Portion Menschlichkeit, die es zu jener Stunde brauchte. Als Vic z.B. sein als "atheistisches Knockin' On Heaven's Door" angekündigtes "Stayin' Inside", geriet dieses zu einem zu Tränen rührenden, großartigen Statement, dass es gewiss manch einem - trotz erheblicher subtropischer Temperaturen - kalt den Rücken hinunterlief. Nach der Show nutzte der umtriebige Terry Lee Hale die Möglichkeit, sich dem Vic vorzustellen und mit diesem die Lebensgeschichten auszutauschen. Dabei stellte er dann auch seine Freundin vor, woraufhin Vic meinte: "Jede Freundin von Terry Lee Hale ist auch meine Freundin." Also entweder war dies eine aufrichtige Floskel, oder aber ein guter Witz. Bei Vic kann man sich da nie so richtig sicher sein.

Über Granfaloon Bus aus San Franciso noch etwas Neues erzählen zu wollen, hieße Eulen nach Athen tragen. Ihre "alternative Countrymusik mit Schräglage" läuft heuer wie eine gutgeölte Maschine. Das hat erstens zur Folge, dass man die Schräglage überhaupt nicht mehr als solch wahrnimmt, und zum anderen auch gar nicht mehr nach Genres (wie z.B. alternative Countrymusik) sucht. Die Jungs haben eine Nische für sich erspielt, wo der dauernd rutschende Gitarrengurt von Gitarrist Ajax mindestens genauso wichtig ist wie ein guter Song. Will sagen: Da stimmt einfach alles, hat Luft und wackelt. Eine organischere Band mit einem dermaßen eigenen Gesicht wird man jedenfalls so schnell nicht finden. Wie gesagt, spielte Marc Capelle bei einem Stück Trompete und Bassist Jeff Stevensons "neue" Ehefrau Sharon (sie haben im April geheiratet) gab bei einem Stück ihren Einstand als Sängerin. "Was sind das denn für wilde Typen?" fragten derweil bereits einige Leute im Auditorium, die die doch sehr prototyp ausschauenden Mitglieder von King Khan & His Mighty Shrines bereits auf der Terrasse neben der Bühne hatten herumwerkeln sehen. Das war eine Frage, die sich folgenden beantwortete. Rembert und Reinhard hatten die Band bei einem Ausflug nach Roskilde kennen und lieben gelernt. Wahrscheinlich war da auch wieder Gerstensaft im Spiel, denn die Jungs aus Kassel hatten zwar einen großartigen Soul-Sänger, tolle Bühnen-Uniformen, zwei kompetente Bläser - aber auch einen Sprung in der Schüssel. Denn ihre Art, den Soul - oder besser Funk - nach James Brown Art zu präsentieren und dann mit tanzenden Tarzans im Lendenschurz zu garnieren, war zwar recht unterhaltsam - auf die gleiche Art aber auch nervig. "Ich bin mir nicht sicher, ob die das Ganze parodieren wollen, oder es so spielen möchten wie James Brown aber es nicht ganz schaffen", formulierte es Todd Costanza von GF-Bus vorsichtig - und traf damit des Pudels Kern. Nun ja, die Jungs kommen aus Kassel.

Schon während des Kahn'schen Affenzirkus sah man eifrige Glitterhouse Mitarbeiter an einer seltsamen Hebebühne herumhantieren. Diese war dann notwendig, um für den letzten Act des ersten Tages, Midnight Choir, die damit den fast schon traditionellen norwegischen Part des Festivals eröffneten, eine gigantische Hammond-Orgel auf die Bühne zu hieven. Al DeLeoner & Co. haben offensichtlich Gefallen am kammermusizieren gefunden. Wie schon auf der letzten Tour mit Jackie Leven und Richard Thompson gab es auch dieses Mal wieder keinen Schlagzeuger. Man hätte es kommen sehen können - nicht nur, weil die Alben der Band immer ruhiger wurden - sondern auch weil Sänger Paal Flaata die Band bereits zu "Unsung Heroine"-Zeiten als "Trio und Schlagzeuger" vorstellte. Verstärkt wurden die drei Nordmänner bei diesem Set also von einem Keyboarder und Chris Eckman, der in einer Ecke der Bühne ein wenig Gitarre beisteuerte. Bevor es losging, sampelter Al DeLeoner noch ein wenig Publikums-Klatschen. Da wird doch nicht ein neues Höst-Projekt im Anmarsch sein? Das Konzept, die langem Konzert-Tage mit einem ruhigen Act ausklingen zu lassen, ist großartig und hat sich auch im Prinzip bewährt. (Bis auf das Nörgeln der unbelehrbaren, hartgesottensten Rockfraktion-Verfechter natürlich). Und so gab es denn auch an diesem Samstagabend wieder Besinnliches (Rembert sprach sogar von "kitschig" (sicherlich meinte er das als Kompliment, oder?)) und episches von der Sorte "Jeff Bridges", "Matisse" und Co. Das war nun mittlerweile wahrlich nicht mehr neu (und auch die gewaltige Orgel wäre nicht wirklich notwendig gewesen) - aber: Es hätte auch wirklich kaum jemanden gegeben, der den Tag würdevoller und majestätischer hätte ausklingen können, als Norwegens beliebteste Melancholiker. Und so neigte sich dann ein zwar anstrengender, aber auch reibungslos abgelaufener Konzerttag seinem Ende zu. Nicht zu unrecht lobte Rembert am zweiten Tag die sogenannte Orange Crew - die ehrenamtlichen Glitterhouse-Helferlein nämlich. Manches simpler strukturierte internationale Festival kann, was die Organisation betrifft, nicht gegen den unerbittlichen Willen zur Improvisation und smoothen Problemlösung der Glitterhouse Crew anstinken, Respekt! Die Sache mit Joe Strummer wollen wir dabei jetzt mal außer Acht lassen. (Das war ja auch nicht die Schuld der Crew).

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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