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Konzert-Bericht
 
White Man's Blues

Peter Lohmeyer und Nils Koppruch

Düsseldorf, Zakk
05.07.2003

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Peter Lohmeyer
"Du bist ein Journalist? Ist ja abgefahren!", meinte Peter Lohmeyer angesichts des Gaesteliste.de-Berichterstatters verwundert. Nun: Anders als bei Musik-Konzerten herrschen bei Lesungen - auch solchen mit Musik - andere Gesetzmäßigkeiten: Das Auditorium ist selbstredend bestuhlt, das Publikum kommt erst 10 Minuten vor Veranstaltungsbeginn - dann aber pünktlich und vollzählig, so etwas wie Merchandising gibt es auch nicht (stattdessen einen Tisch, der von einer örtlichen Bücherei verwaltet wird) und Fotografen sind auch eher spärlich gesät. Da war dann die Verquickung der verschiedenen Kunstformen - also musikalischer Vortrag, Schauspielerei/Film und eben Lesung - schon einfacher. Peter Lohmeyer, seines Zeichens Schauspieler und prädestiniert für leicht zwielichtige (im Sinne von nicht leicht zu durchschauenden Typen) mit dem leichten Hang zur Ironie ist als "deutsche Stimme" von Michael Moore, DES alternativen Gewissens des amerikanischen Volonté Génerale, denkbar geeignet. Das Buch, aus dem Lohmeyer las, war also jenes, das Moore auch über dessen vielgelobte, aber letztlich nur Insiderkreisen zugänglichen Dokumentarfilme (zuletzt "Bowling For Columbine") bekannt machte und heißt "Stupid White Men" (nicht "Man", wie es auf den Postern zur Veranstaltung hieß - und was die ganze Sache ins Gegenteil verkehrte).
Es ist dies eine radikale, satirisch angespitzte und von formvollendetem, bösartigem und an der Resignation grenzendem Zynismus geradezu triefende Abrechnung mit der Führungselite der USA - in Form "dummer weißer Männer" (im Gegensatz zu den von den durch die Verfassungsväter repräsentierten weisen weißen Männern). Nils Koppruch, der für den musikalischen Teil des Abends verantwortlich zeichnete, ist nun der Songschreiber und Sänger von Fink. Zunächst mal hat das offensichtlich nichts miteinander zu tun, was natürlich die Frage nahelegt, wie es denn zu dieser Kombination hat kommen können. Nils erklärte das so, dass er Lohmeyer bei einer Ausstellung kennengelernt habe, auf der er - bzw. dessen Frau - sich für seine Bilder interessiert habe (Nils ist auch Maler). Man sei dann ins Gespräch gekommen und habe überlegt, mal etwas zusammen zu machen. Zunächst waren daraus ein paar Songs auf einem Konzert zum 50. Todestag von Hank Williams geworden. Das war auch zu der Zeit, als Präsident Bush seinen Kriegsgelüsten nachgegeben habe, wobei es dann Lohmeyers Vorschlag gewesen sei, hierzu doch einmal musikalisch Stellung zu beziehen. Das Ergebnis war die Single "Bagdad Blues - Der weiße Mann aus Texas", auf der Lohmeyer zur Musik und zum Text von Fink singt. Ebenfalls beteiligt ist der musizierende Schauspieler Ulrich Tukur (zuletzt zu sehen neben George Clooney in Stephen Soderberghs "Solaris"), der Akkordeon spielte.

Den Verbindungen von Lohmeyer und Tukur ist es auch zu verdanken, dass zu "Badgad Blues" ein vergleichsweise aufwendiges Video gedreht wurde, in dem Lohmeyer als hagerer (und natürlich zwielichtiger Cowboy) durch eine Western-Stadt reitet und zu einer betont lustigen Country-Nummer über George W. herzieht. "Es sollte ein Country-Stück sein, das besonders offensichtlich ist - fast schon Truck Stop mäßig", erzählt Nils, "damit der Zusammenhang deutlich wird." Und der wurde wohl deutlich. Peter Lohmeyer präsentierte das Video als Einleitung zur Veranstaltung auf einer Großbildleinwand. Er erklärte dann einige Dinge zu dem Buch von Michael Moore, da die nachträglich verfasste Einleitung in der deutschen Fassung nicht enthalten ist: Das Buch sollte eigentlich am 11. September 2001 ausgeliefert werden, was natürlich durch die entsprechenden Vorgänge an diesem Tag vereitelt wurde. Moore beschreibt im Folgenden, die Probleme mit dem Verlag, der nach den Anschlägen eigentlich davon absehen wollte, das Buch in der geplanten Version herauszubringen und Moore aufforderte, 50% des bissig bösen Textes umzuschreiben und alle Angriffe auf Bush & Co. abzuschwächen. Natürlich tat er das nicht und als das Buch dann schließlich doch herauskam (u.a. aufgrund einer von einer Bibliothekarin losgetretenen Internet-Kampagne) wurde es - ohne jegliche Werbekampagne - zu einem der erfolgreichsten Sachbücher überhaupt.

Natürlich ist dies kein bequemes Werk: Zum einen ist es eben vornehmlich für interessierte Amerikaner geschrieben, schildert also schonungslos die Schwächen des amerikanischen Systems, die sich indes so leicht auf die gesamte westliche Welt übertragen lassen, dass man sich gerade nicht mehr guten Gewissens auf die Schenkel klopfen und über die doofen Amis lachen kann und zum anderen - und es ist Lohmeyers Verdienst, dass er diese Passagen nicht aussparte - geht Moore in seiner - dann wieder typisch amerikanischen Art - nicht eben sparsam und arglos mit Vergleichen zur Trivial-Historie in Form des dritten Reiches und dessen Defiziten um. Lohmeyer sparte sich dann eine allzu dramatische - oder gar persiflierende - Attitüde im Vortrag und ließ eigentlich das Wort alleine wirken. Abgesehen von ein paar effektiven rhetorischen Pausen war der Vortrag eigentlich lediglich darauf ausgerichtet, einen groben Eindruck vom Tenor des Buches zu geben. Abgerundet wurde das Ganze noch durch ein paar Erläuterungen zur Hörbuch-Fassung, auf der Lohmeyer ebenfalls liest. Die Songs, die Nils Koppruch dann in der Lesepause und zum Abschluss vortrug, dienten zur musikalischen Einrahmung. Leider gab es noch keine Tracks vom kommenden Fink-Album "Haiku Ambulanz" (was aber auch aufgrund dessen musikalischer Struktur nicht so geeignet erschienen wäre).

"Guten Abend, ich bin der Gitarrenspieler", stellte Nils sich statt dessen vor - und es galt Nils, den traurigen Liedermacher zu entdecken. Alleine zur akustischen Gitarre und Mundharmonika trug er die Songs dann eher in dem Gewand, in dem er sie bislang immer auch seinen Bandkollegen vorgestellt hatte. Inhaltlich hatten die ausgewählten Stücke - z.B. die Balladen "Das Liebste" oder "Letzte Nacht" vom letzten Album, "Fink", nicht viel mit dem politischen Inhalt der Veranstaltung zu tun - darum ging es aber auch weniger. "Ich bedanke mich bei Nils dafür, dass er mir mit seiner Musik immer so schön in den Hintern tritt", schloss Peter dann nämlich die Veranstaltung ab und machte hiermit deutlich, dass sich hier lediglich zwei gefunden hatten, die auf der gleichen Wellenlänge zu schwimmen scheinen - was dann nicht nur durch die Western-Hemden deutlich wurde, die beide trugen. Das neue Fink-Album erscheint Ende August. Eine Tour in neuer Besetzung (Gitarrist Dinesh und Drummer Henning sind vor Kurzem ausgestiegen) ist gleich im Anschluss geplant.

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Surfempfehlung:
www.starpr.de/lohmeyer.htm
www.finkmusik.de
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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