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Konzert-Bericht
 
Heimspiel in der Kirche

Steve Wynn
Tim Easton/ Chris Brokaw/ Peter Calub

New York, Mercury Lounge
02.08.2003

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Steve Wynn + The Miracle 3
Ein fast volles Haus war alleine schon aufgrund der zahlreichen auftretenden Musikanten und deren Angehörigen garantiert. Spaß beiseite: Das Line Up in der Mercury Lounge war selbst für New Yorker Verhältnisse und selbst für einen Samstagabend schon etwas exorbitant ausgefallen. Eröffnen durfte den bunten Reigen der lokale Nachwuchs-Matador Peter Calub, der mit seinem Trio so etwas wie intelligenten alternativen Schrammelpop hinlegte - man denke an eine Mischung aus Clem Snide'scher Lässigkeit gepaart mit Pavementscher Nervosität. Dafür, dass die Sache - trotz aller ausufernder Krautrock-Passagen - nicht allzu kopflastig wurde, sorgte Calubs burschikose Art und die empathische Unterstützung der mitgebrachten Fans, die alle Tracks scheinbar auswendig mitsingen konnten - was bei der Komplexität der Tracks schon ungewöhnlich erschien.
Chris Brokaw hatte am Tag zuvor Geburtstag gefeiert und nutzte seine Anwesenheit in der Stadt, um einige Tracks seines Return-To-Sender Mailorder Albums (!) "Wandering As Water" vorzustellen. Gut erholt von der anstrengenden Tour mit Evan Dando ("Er hat jetzt das Trinken drangegeben", meinte er grinsend vor der Show) überraschte Brokaw mit ruhigen, introvertierten Songs mit bemerkenswert intelligenten Texten, ungewöhnlichen Strukturen, virtuosem, wieselflinken Gitarrenspiel (das die eingestreuten Instrumentals seiner "Red Cities"-Scheibe äußerst kurzweilig erscheinen ließ) und einer bemerkenswert reifen Gesangsleistung. Als besonderes Bonbon gab es eine pfiffige Coverversion von Suicides "I Remember", bei der Chris auch ganz gut mit der Fuzzbox rumorte. Auch wenn es ja "nur" ein Gast-Slot war: Fast erschien das Set des rührigen Hansdampf in allen Bands gar zu kurz.

Tim Easton schließlich machte die bestmögliche Miene zum musikalisch doch ein wenig unpassend erscheinenden Ambiente. Zwar ist er hierzulande ja ein Labelkollege von Steve Wynn, seine bluesig-folkigen Balladen wollten aber vom Format her dann doch nicht ganz zum Rest des Abends passen. Das machte aber nix, denn Tim fand breit grinsend sofort den richtigen Draht zum Publikum und überzeugte dann durch wahrlich beeindruckende Gitarrenarbeit und eine Stimme, die im sparsamen Akustik-Setting noch besser zur Geltung kam als auf seinen Scheiben. Das goutierte das Publikum mit aufmerksamer Stille (ein in den USA eher ungewöhnliches Phänomen). "Schön, hier in der Kirche spielen zu dürfen", scherzelte Easton hierzu. Neben den Tracks seines aktuellen Albums "Break Your Mother's Heart" probierte er auch einige neue Stücke aus, an denen er gerade für seine nächste Scheibe arbeitet. Besonders die Ballade "Taken By You" wusste hierbei zu überzeugen. Tim Eastons Musik ist zwar alles andere als innovativ oder wagemutig angelegt, jedoch macht er dieses Manko (wenn man es denn als solches betrachten möchte) durch eine eindringliche Performance wieder wett, die mehr Soul hat, als so mache Gospel-Scheibe.

Steve Wynn schließlich entschuldigte sich vor dem Konzert mehrmals dafür, nicht bei bester Laune zu sein. Das indes konnte man der Show wahrlich nicht anmerken. Schon als er bei einem Stück gut gewürzter Cajun Pizza die Setlist zusammenschluderte, konnte man erahnen, dass dies ein interessanter Abend werden würde. Denn neben der üblichen Dream Syndicate Klassiker und der Tracks der neuen Scheibe "Static Transmission" hatte er vor allen Dingen Stücke der neueren Vergangenheit aufgeschrieben. Diese liegen ihm momentan besonders am Herzen und somit war zu erwarten, dass diese auch besonders gut funktionieren würden. Das bestätigte sich, nachdem die Band gegen 23 Uhr auf die Bühne stieg und - nachdem sie das Publikum mit "What Comes After" noch moderat eingestimmt hatten, die schlichtweg bestmögliche, definitive Version von "Southern California Line" hinlegten. Man kann immer daran erkennen, dass die Steve Wynn Band gut drauf ist, wenn die Musiker wie blind aufeinander eingehen. Das gilt nicht nur für Steve und seinen Lead-Gitarristen Jason Victor (der diesen Part übrigens mittlerweile so souverän ausfüllt, dass Steve kaum noch eigene Soli beisteuert), sondern auch z.B. für Bassist Dave DaCastro und Drummerin Linda Pitmon. Gerade letztere erwies sich bei dieser Show dann wieder einmal als zuverlässiger Motor mit Turbo-Booster: Als sie z.B. beim eh schon flotten "Sustain" in den Overdrive-Modus schaltete, riss das die band nochmals ordentlich mit. Die Tracks wurden dermaßen druckvoll (und laut) dargeboten, dass sie quasi ihren Aggregatzustand zu ändern schienen. Eher moderate Stücke wie "Ambassador Of Soul" gerieten so zu gleichberechtigt neben den Rockern à la "Amphetamine" stehenden Song-Monstern. Natürlich achtete Steve darauf, dass man ab und zu Luft holen konnte (z.B. bei der Ballade "Maybe Tomorrow"), auf einen akustischen Teil, wie auf der letzten europäischen Tour, wurde jedoch verzichtet.

Für die New Yorker war das übrigens die erste Begegnung mit Steve Wynn seit der Veröffentlichung des neuen Albums (und seit der Einführung des absoluten Rauchverbots im gesamten Stadtgebiet - was die Raucher dann nicht so witzig fanden). "Wir spielen ja fast häufiger in Köln als in New York", hatte Linda vor dem Konzert noch gewitzelt. Wie gesagt gab es dann noch einige Dream Syndicate Stücke - darunter "Burn" und "When You Smile" - interessanterweise wurde dann aber gerade "That's What You Always Said" quasi gegen die Wand gefahren, indem Dave DeCastro in einer ganz anderen Tonlage spielte als der Rest der Band und Jasons und Victors Gitarrenduelle etwas aus dem Ruder liefen. Das machte aber im Grunde auch nix, da die Band dennoch Spaß dabei hatte und sich auch niemand daran störte. Abgerundet wurde diese nahezu perfekte Show dann durch das nicht ganz so häufig gespielte "Strange New World" von "My Midnight" und "Nothing But The Shell" vom selben Album. Einen besonderen Moment gab es noch, als Chris Brokaw bei "Crawling Misanthropic Blues" die Lead-Gitarre spielte und Steve - wie Bob Dylan bei der Rolling Thunder Review - seine Schwierigkeiten hatte, so ganz ohne Gitarre zu singen. "Das ist sehr ungewohnt für mich", kommentierte er das, "es macht mir ein bisschen Angst". So richtig erklären, warum Shows wie diese besser sind als andere, können übrigens auch die Musiker nicht. Dave DaCastro meinte, das läge ganz am Bass-Spiel, Linda meinte, das könne man überhaupt nicht steuern und Steve schließlich mutmaßte, dass es an der Stimmung des Augenblicks läge. Wie auch immer: Im Oktober können wir noch mal schauen, ob sich solche Augenblicke ergeben, da kommt Steve nochmals auf Tour zu uns. Ein kleiner Nachsatz noch: Zwei Tage später spielte Steve zusammen mit Jason einen In-Store Gig in einer Filiale der Buchhandelskette Borders. Gar nicht unähnlich gleichgearteter Anlässe bei uns fanden nur ca. 10 Interessierte den Weg dorthin (der Rest des Publikums bestand auch Freunden und Familienangehörigen). Das mag zum Teil auch an einem erstaunlich massiven Gewittersturm gelegen haben, der just zum angesetzten Termin über die Stadt hinwegfegte und ganze U-Bahnstationen unter Wasser setzte. Dennoch ließ Steve es sich nicht nehmen, ein paar Stücke von "Static Transmission" (darunter überraschenderweise ausgerechnet "Amphetamine" - was aber erstaunlich gut funktionierte) akustisch vorzutragen und dann noch - auf Zuruf aus dem Publikum - "That's Why I Wear Black" vorzutragen.

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Surfempfehlung:
www.stevewynn.net
www.timeaston.com
www.chrisbrokaw.com
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-

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